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    WÜRZBURG

    Ben Becker zeigt Judas als Sündenbock

    Mit intensivem Spiel zeigt der Star-Schauspieler eine andere Seite des Verräters Judas. Und stellt auch die Wurzeln der Kirchengeschichte radikal infrage.

    Ben Becker bei Proben zu „Judas“ in Berlin. Foto: dpa

    Ostern steht vor der Tür. Da liegt es nahe, sich der biblischen Ostergeschichte zu erinnern. Eine zentrale Figur dieser Grundlage des christlichen Glaubens ist Judas. Judas, der Verräter. Judas, jener Jünger Jesu, der den Sohn des Zimmermanns mit seinem Kuss verrät und ans Kreuz liefert.

    In der Würzburger Kirche St. Johannis erzählt der Schauspieler Ben Becker die Geschichte aus einer anderen Perspektive. Mit Oberlippenbart, Mittelscheitel, äußerlich sich immer mehr seinem Stiefvater Otto Sander annähernd, betritt Becker in weißem Anzug und Mantel den Altarraum und füllt mit seiner Aura sofort den gesamten Kirchenraum.

    Eingeleitet von Johann Sebastian Bachs Orgel-Fantasie in c-Moll liest Becker im sachlich-distanzierten Berichtsstil noch einmal die Original-Quelle der Verrats-Geschichte, die Verse 20 bis 25 des Matthäus-Evangeliums und das Kapitel 47 aus dem Roman „Judas“ von Amos Oz.

    Eine weitere Orgel-Improvisation führt ins Zentrum des Abends, „Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ von Walter Jens. Und wer es noch nicht wusste, welch großartiger Schauspieler Ben Becker ist, der wird in St. Johannis zum Augen- und Ohrenzeugen von großartiger Bühnenkunst. Becker zeigt uns diesen Judas, gemäß der Intention von Jens, als kleines Rädchen im großen Masterplan Gottes, als denjenigen, der die Sündenbock-Rolle übernehmen muss, damit die Heils- und Erlösungsgeschichte vollständig erzählt werden kann, und wir, wir Kleingläubigen, unsere Schuld loswerden bei dem, der für uns schuldig geworden ist.

    Erfüller des göttlichen Plans

    Ganz allmählich steigert Becker Lautstärke, Intensität und Dichte seines Spiels, spricht das Publikum unmittelbar an, kritisiert die einseitige Überlieferungs-Tradition der Evangelisten, beweist durch andere Bibelzitate seine These von Judas als dem Erfüller des göttlichen Plans: „Ohne Judas kein Kreuz. Ohne Kreuz keine Kirche. Ohne Kirche keine Überlieferung. “ Eine radikale Infragestellung der Wurzeln von 2000 Jahren Kirchengeschichte, dargeboten in einer Vehemenz, die gebremst und zugleich höchst expressiv ist. Und deshalb so unmittelbar unter die Haut geht, dass sich das Publikum am Ende mit stehenden Ovationen selbst erlöst.

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