• aktualisiert:

    VOLKACH

    Brüche im Lebenslauf

    Glatte Biografien findet Alois Prinz uninteressant. Also sucht der Autor nach Menschen, deren Leben nicht in geraden Bahnen verlief. Wie genau entsteht ein Bild von alten Zeiten?

    Alois Prinz, geboren 1958 in Niederbayern, studierte Philosophie, Germanistik, Politologie und Kommunikationswissenschaften in München, Promotion über die 68er Studentenbewegung. Bekannt ist der in Kirchheim bei München lebende Autor durch seine Biografien. Am Freitag wird er mit dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach ausgezeichnet.

    Frage: Welche Personen interessieren Sie als Biograf?

    Alois Prinz: Eine Person muss auf mich eine Faszination ausüben, aber auch etwas Unbegreifliches haben. Mich interessieren meistens Lebensläufe, die nicht gradlinig sind. Oft weiß ich aber selbst nicht genau, warum ich mich gerade für diesen Menschen entschieden habe. Ich muss einfach das richtige Gefühl haben. Es macht dann „klick“ und ich weiß: Das ist es. Ich brauche immer sehr lange, bis ich mich für eine Person entscheide. Arbeitstechnisch sollte die Quellenlage gut sein. Dazu gehören Briefe, Tagebücher – also persönliche Dokumente, durch die man einer Person dann nahekommt.

    Sie haben eine Biografie des Apostels Paulus geschrieben. Da sieht es mit der Quellenlage aber doch nicht so toll aus. Wir haben zwar die Briefe . . .

    Prinz: Natürlich sind da die Briefe und die Apostelgeschichte eine Grundlage. Aber es gibt auch Berichte aus der Zeit – von Historikern, von Reisenden – und inzwischen auch viele archäologische Kenntnisse, aus denen man folgern kann, wie die Menschen damals gelebt haben, wie sie gegessen haben, was sie angezogen haben, wie sie gereist sind. Auch Lebensbeschreibungen von anderen, die damals gelebt haben, sind hilfreich. Das alles füge ich zu einem Bild zusammen. Für die Paulus-Biografie habe ich ein Modell des damaligen Korinth gebaut, damit ich in Gedanken in der Stadt spazieren gehen und sehen kann, wo was ist, wie der Marktplatz ausgesehen hat, wo Paulus vielleicht gearbeitet hat, wo die Treffen der ersten Christen stattgefunden haben. Ich gehe also sehr konkret und anschaulich vor.

    Die Apostelgeschichte ist ja keine Geschichtsschreibung wie wir sie heute verstehen.

    Prinz: Nein. Aber es gibt darin geschichtliche Anhaltspunkte, die man durch Querverweise zu anderen Quellen absichern kann. Beispielsweise ist der Prokonsul Gallio, der in der Apostelgeschichte erwähnt wird, historisch verbürgt, genauso wie andere Namen und Orte. Da kann man dann schon sagen: Das eine ist wahrscheinlich, das andere nicht. Hundertprozentige Sicherheit gibt es zwar nicht, aber man erreicht ein großes Maß an Wahrscheinlichkeit.

    Wie viel Fiktion ist im Spiel?

    Prinz: Ich sage immer: Man darf ausmalen, aber man darf nichts erfinden. Das wäre unseriös. Aber man kann mit gutem Recht Szenen ausgestalten. Man kann über Geschichte romanartig schreiben, ganz sicher. Aber Fundament müssen immer überprüfte Fakten sein.

    Sie erhalten jetzt den Großen Preis der Volkacher Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Es ist nicht Ihr erster Jugendbuch-Preis. Schreiben Sie Ihre Biografien speziell für Jugendliche?

    Prinz: Meine Position ist eine besondere, insofern als die Bücher bei Jugendbuchverlagen und bei Erwachsenenbuchverlagen herauskommen.

    Ihre Biografien sind also nicht nur, sondern auch für Jugendliche gedacht?

    Prinz: Genau. Es ist mir wichtig, auch an diese Altersgruppe heranzukommen. Ich werde häufig in Schulen eingeladen. So erreiche ich junge Menschen auch mit schwierigen Themen – zum Beispiel Hannah Arendt. Daraus wird auch im Unterricht gelesen. Oder Lehrer entwickeln didaktisches Material dazu. Das wäre alles nicht der Fall, wenn meine Bücher nicht auch im Jugendbuchverlag erscheinen würden. Natürlich ist es wichtig, so zu schreiben, dass man es ohne Voraussetzungen versteht. Ich darf also nicht für Experten schreiben. Die Bücher sollen einfach und spannend zu lesen, aber nicht anspruchslos sein.

    Warum sollten Jugendliche Biografien lesen?

    Prinz: Wenn ich in Schulen frage, was so gelesen wird, sind das meist fiktionale Texte – ziemlich abenteuerliche Dinge, muss ich sagen. Da ist manchmal auch ein bisschen Eskapismus dabei. Ich denke, wenn ein richtiges Leben hinter einer Geschichte steht, wenn man weiß, diese Person hat wirklich gelebt und hat das wirklich auch gemacht, dann hat das einen ganz anderen Ernst. Natürlich können – müssen! – meine Biografien auch unterhaltend sein.

    Aber gleichzeitig weiß man auch, dass alles authentisch ist. Das hat einen anderen Zug als ein fiktionaler Text, das hat eine andere Vorbildwirkung. Wobei ich natürlich nicht nur über Vorbilder geschrieben habe.

    Ulrike Meinhof ist nicht unbedingt ein Vorbild . . .

    Prinz: Klar. Aber anfangs, als sie noch Journalistin war, war sie durchaus Vorbild für eine bestimmte Generation. Sie war damals eine herausragende Persönlichkeit. Und dann ist sie in den Untergrund gegangen.

    Diese Wendung im Leben ist dann das, was Sie als Biografen interessiert.

    Prinz: Genau. Es geht darum, wie jemand so werden kann und wo dieser Umschlag stattfindet. Wenn man das versteht, kann man vielleicht auch die dunklen Seiten besser verstehen. Wenn ich dazu anrege, so ein Buch nicht zuzuklappen und nur zu sagen: „Terroristen mag ich nicht und Propagandaminister erst recht nicht . . .“

    . . . Sie haben auch über Joseph Goebbels geschrieben . . .

    Prinz: . . . sondern darüber hinaus zeigen kann, wie sich ein Mensch so entwickeln kann und wie sich solche Brüche in Biografien ergeben, ist die Erkenntnis viel stärker und tiefer als bei glatten Lebensläufen.

    Sie beschäftigen sich anscheinend gerne mit dem Christentum. Neben der Paulus-Biografie haben Sie etwa auch über Jesus und die heilige Teresa von Avila geschrieben.

    Prinz: Ich bin im tiefsten Niederbayern aufgewachsen. Nähe Altötting.

    Wurmannsquick habe ich gelesen . . .

    Prinz: Ja genau (leise lachend). Das klingt wie Sibirien, aber es ist Bayern, katholischer gehts nimmer. Und da ist mir die Sache ausgetrieben worden, muss ich ehrlich sagen. Erst nach langer Zeit habe ich versucht, die Religion wieder für mich zu entdecken. Ich habe auch bei den Jesuiten in München studiert. Und ich wollte an die Grundlagen gehen, an die Wurzeln, und zeigen, was eigentlich dahintersteckt. Die Beschäftigung mit Paulus ist ja quasi eine Hinwendung zum Abc des Christentums. Kirche wird ja heute fast reflexartig abgelehnt. Wenn ich in Schulen bin, winken die jungen Leute ab, bevor ich was sage. Ich will anregen darüber nachzudenken, dass es wert ist, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen.

    Als Leser wünsche ich mir eher kirchenkritische Leute, die aber neugierig genug sind, um herauszufinden, worum's bei dieser Sache mit Gott eigentlich geht.

    Würden Sie sich selbst auch so sehen: eher kirchenkritisch, aber interessiert an dem, was dahintersteckt?

    Prinz: Ja. Ich möchte wissen, wie es angefangen hat, was die ursprünglichen Ideen waren, was der Mann aus Nazaret eigentlich wollte, was das Urchristentum sein sollte. Dann kann man vielleicht auch die weitere Entwicklung verstehen.

    Welcher von den Menschen, über die Sie bisher geschrieben haben, hat Sie besonders beeindruckt?

    Prinz: Schwer zu beantworten, weil ich mich immer total reinhänge. Ich bin zwei Jahre lang wirklich mit jeder Faser dabei. Wäre ich das nicht so – bei jedem! – könnte ich nicht schreiben. Das würden die Leser bestimmt merken. Aber ich muss schon sagen, dass mich Ulrike Meinhof am meisten . . . (überlegt) . . . hin- und her geworfen hat. Dass Kafka mir sehr nahe war, weil's mit der Situation, in der ich aufgewachsen bin, große Ähnlichkeit hat. Und Bonhoeffer hat mich auch sehr reingezogen, als ich das Buch geschrieben habe. Die Identifikation war bei diesen Büchern sehr stark.

     

    Die Deutsche Akademie und ihre Preisträger

     Volkach (hele)   Den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur erhält in diesem Jahr Alois Prinz. Die Auszeichnung wird dem Autor für sein Lebenswerk an diesem Freitag im Volkacher Schelfenhaus überreicht. Prinz erzähle „eindringlich und klug über Menschen und darüber, wie Menschenleben verlaufen können“, befindet die Akademie. Seine Bücher seien kenntnisreich und in schlichter Eleganz geschrieben.
    Den mit 5000 Euro dotierten Großen Preis verleiht die in Volkach ansässige Deutsche Akademie jährlich für ein literarisches oder grafisches Gesamtwerk im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur. Ausgezeichnet wurden bisher unter anderem Willi Fährmann, Hans Georg Noack, Paul Maar, Otfried Preußler, Josef Guggenmos, James Krüss, Max Kruse, Gudrun Pausewang und Rafik Schami.
    „Volkacher Taler“ erhalten am Freitag die Kinderbuchsammlerin und -forscherin Barbara Murken (Ottobrunn) und der auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisierte Antiquar Winfried Geisenheyner (Münster).
    Mit dem Volkacher Taler zeichnet die Akademie seit 1982 zusammen mit der Stadt Volkach Persönlichkeiten aus, die sich um die Akademie und die Förderung der Kinder- und Jugendliteratur verdient gemacht haben. Preisträger kommen aus den Bereichen Forschung, Kunst, Presse und Wirtschaft.
    Der Leipziger Johannes Herwig wird mit dem Paul-Maar-Preis für junge Talente für sein Buch „Bis die Sterne zittern“ um eine oppositionelle Jugendclique im Jahr 1936 geehrt. Der Nachwuchspreis wird in Verbindung mit dem Ehepaar Paul und Nele Maar und verschiedenen Sponsoren verliehen.
    Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur wurde am 1976 in Würzburg gegründet; beheimatet ist sie seit vielen Jahren in Volkach am Main. 2006 bezog die Geschäftsstelle das historische Schelfenhaus, das von Johann Georg Adam Schelf in den Jahren 1719/20 errichtet wurde.
    Hauptanliegen der Akademie ist die Förderung der deutschen Kinder- und Jugendliteratur, insbesondere die Kooperation von Wissenschaft und praktischer Kinder- und Jugendbucharbeit. Neben ganzjährigen Veranstaltungen zur Kinder- und Jugendliteraturvermittlung im In- und Ausland, zeichnet die Akademie herausragende Persönlichkeiten sowie kinder- und jugendliterarische Werke aus.

     

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!