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    RÖTTINGEN

    Der Nemec im Batic

    Der Schauspieler über Musik, glückliche Zufälle, Flüchtlinge und „Tatort“. Miroslav Nemec spielt seit 26 Jahren den Kriminaler in München. Ist das nicht langweilig?

    Bekannt ist Miroslav Nemec (62) seit nunmehr 26 Jahren als Münchner „Tatort“-Kommissar Ivo Batic, neben Udo Wachtveitl als Franz Leitmayr. Doch die wahre Leidenschaft des gebürtigen Kroaten gehört der Musik. Mit seiner Band ist er am 18. Juli bei den Frankenfestspielen in Röttingen zu Gast. Im Interview erzählt Miroslav Nemec, wie sich der „Tatort“ in den letzten beiden Jahrzehnten verändert hat, und warum es immer schwieriger wird, dabei komisch zu sein.

    Frage: Ich hab' in Ihrer Biografie nachgelesen, dass ihre Leidenschaft für die Musik eigentlich schon viel älter ist als für die Schauspielerei.

    Miroslav Nemec: So ist es, und das begann im Kindergarten in Freilassing, wo ich als Kind immer wieder zu Besuch war. Schwester Caritas, so hieß sie, hat uns auf dem Harmonium vorgespielt. Einmal ging sie aus dem Raum und als sie zurückkam, hab' ich die Melodie auf dem Harmonium wiederholt. Sie ist dann zu meiner Oma gegangen und hat gesagt: „Der Miro ist begabt, der sollte Musikunterricht bekommen.“ Und dann hab ich ab fünf Klavierunterricht genommen.

    Mit 15 haben Sie ihre erste Band gegründet.

    Nemec: Die existiert heute noch. Mit der spiel' ich auch noch. Letztes Jahr ein bisschen weniger, weil ich wenig Zeit hatte. Die Miro-Nemec-Band hab ich dann 1996 mit ein paar Musikern aus Hof gegründet. Da ging's damals um einen Verein für Kriegswaisenkinder aus Jugoslawien, für den wir Konzerte gemacht haben. Und mit diesen Freunden spiele ich heute noch. Im Mai spielen wir in Dalmatien für die José-Carreras-Leukämiestiftung, im Juni in Berlin beim Civis-Medienpreis für Integration. Und dann kommt Röttingen.

    Wie kam es dazu, dass Sie ihre Ausbildung als Musiker nicht weiter verfolgt haben und sich stattdessen der Schauspielerei zugewandt haben?

    Nemec: Ich hatte mit 15 diese Rockband. Und da hab' ich die Klassik vernachlässigt. Mit 17 hab' ich dann den wilden Entschluss gehabt, Pianist zu werden. Die Aufnahmeprüfung am Mozarteum in Salzburg habe ich bestanden. Nach zwei Jahren sagte meine Professorin aber zu mir: Ja, Herr Nemec, Begabung alles schön und gut, aber sie sind zu alt für den Soloberuf. Dann hab' ich gesagt: Gut, dann mach' ich Fachlehrer für Musik, damit ich was in der Tasche hab, auch für die Eltern daheim. Damals hatte ich eine Freundin, die wollte unbedingt Schauspielerin werden und hatte Prospekte von der Schauspielakademie Zürich. Die haben mir sehr gut gefallen, da hab' ich gesagt: Ja mei, dann komm ich da mit und mach' auch mal die Prüfung. Ich hab' dann glücklicherweise bestanden, und schon ging's los an der Schauspielakademie. So ungefähr war das.

    Also mehr Zufall als Berufung?

    Nemec: Wenn andere oft von der Schauspielerei als Berufung sprechen, das kann ich von mir nicht behaupten. Ich wollte eigentlich gar nicht Schauspieler werden. Da bin ich eher reingestolpert wie Parzival, der reine Tor. Aber das war einer dieser Glücksfälle, von denen mir im Leben etliche widerfahren sind. Da hat jemand die Hand über mich gehalten.

    Dann kam die Rolle ihres Lebens im „Tatort“?

    Nemec: Vorher habe ich natürlich viele andere Rollen gespielt. Der „Tatort“ ist halt in der Wahrnehmung sehr stark. Für mich selbst nicht so sehr. Wenn man sich vorstellt: Das sind dreimal fünf Wochen im Jahr, in denen gedreht wird. Mit Vorbereitung sind wir bei vier Monaten. Da bleiben noch acht. Und da ist ja einiges möglich. Da hab' ich Theater gespielt und zwei-, dreimal im Jahr andere größere Rollen im Fernsehen. Und dann die Sologeschichten und das Musikalische. Mir kommt der „Tatort“ deshalb nicht so dominant vor.

    Jetzt sind sie mit 74 Folgen zweitdienstältester Tatort-Kommissar. Wird einem das nicht mal langweilig? Was reizt weiterzumachen? Das Geld?

    Nemec: Das Geld sicher auch. Man muss ja von etwas leben. Aber es ist nicht so, dass ich mich da verbiegen muss. Der „Tatort“ ist von der Qualität her immer noch hohes Niveau. Der letzte, „Die Wahrheit“, für den wir für den Grimme-Preis nominiert waren, aber leider nicht gewonnen haben, ist sehr gut geworden. Dann haben wir den Sommer-„Tatort“ schon fertig über Liebesdinge. Und es liegt bereits ein neuer auf dem Tisch, der heißt „Hardcore“, da geht's um die Porno-Szene. Da wird's einem nicht fad, weil es immer neue Aspekte und Umsetzungsformen gibt. Die Sehweise der Zuschauer hat sich in den letzten 20 Jahren unheimlich gewandelt, und damit auch die Machart. Es ist temporeicher geworden, was nicht immer förderlich ist, aber im Prinzip ist das Produkt einfach besser geworden.

    Als regelmäßigem Tatort-Gucker fällt mir auf, dass die jüngeren Folgen häufig sehr psychologisch und irgendwie schwermütiger werden. Kommt das Schalkhafte, wie es Ivo Batic und Franz Leitmayr häufig verkörpert haben, dabei nicht zu kurz?

    Nemec: Das stimmt, da würde ich Ihnen recht geben. Wir hatten's halt zuletzt oft mit Themen zu tun, bei denen es furchtbar schwierig ist, die richtige Fallhöhe für den Humor zu finden. Wir verzichten dann lieber drauf, als es zu forcieren. Wir haben immer darauf geguckt, dass wir auch in schweren Situation eine Humorebene finden. Aber das ist schwieriger geworden.

    Weil sich die Autoren an immer schwierigere Themen herantrauen?

    Nemec: Richtig. Und auch die Situationen, in die wir geraten, werden immer schwieriger. Im nächsten Tatort bin ich schwer verletzt und liege im Krankenhaus. Da gibt's trotzdem immer noch augenzwinkernde Sachen, aber es ist einfach existenzieller geworden, und dann ist es schwierig, die Balance für die Leichtigkeit des Humors zu finden.

    Als Ivo Batic zeigen sie viel Verständnis für soziale Randgruppen und können ziemlich ungehalten werden, wenn es beispielsweise um Ausländerhass geht. Wie viel Miroslav Nemec steckt in dieser Rolle?

    Nemec: Viel, natürlich. Das haben wir von Anfang an gesagt, dass der Batic eruptiv ist, dass er slawisch ist und dass er einen Gerechtigkeitssinn hat, weil er aus kleinen Verhältnissen kommt. Und das ist bei mir genauso der Fall. Nur bin ich dann in Deutschland Schauspieler geworden und nicht Polizist, aber zu jener Zeit war auch im Fernsehen ein Kommissar mit Migrationshintergrund noch innovativ.

    Dann ist das, was der Ivo Batic sagt, das Gleiche, was auch Miroslav Nemec in dieser Situation sagen würde.

    Nemec: Nein, nein, das nicht. Das ist schon der Batic, aber natürlich getragen von meinem Humor und meiner Denkweise. Aber wir haben uns ja für den Batic und den Leitmayr im Laufe der Zeit bestimmte Denk- und Verhaltensweisen erobert, und die werden natürlich verteidigt. Insofern ist es schon der Batic, der da spricht. Deshalb hab ich ja einen Krimi geschrieben, in dem der Nemec in die Situation kommt, in die sonst nur der Batic kommt, nämlich dass es Tote gibt.

    Sie haben ihr Buch „Die Toten von der Falkner-Alm“ angesprochen. Was haben Sie damit bewirken wollen? Die Persönlichkeitsspaltung zwischen Batic und Nemec auflösen?

    Nemec: Ja, genau, auflösen, erhellen, oder damit spielen. Das ist ja das Lustige dran, dass man mich als Batic anspricht oder als Herr Kommissar. Das ist eine Persönlichkeitsspaltung, die ich selbst natürlich nicht habe. Aber mit der man durchaus spielen kann.

    Für Ihre Biografie haben Sie den Titel „Miroslav Jugoslav“ gewählt. Ist das eine Erinnerung daran, wie es ihnen als Junge in Deutschland ergangen ist?

    Nemec: Ja, ich wurde „Miroslav Jugoslav“ gerufen. Damals wurde ich auch gefragt: „Sag amal, da wo du herkommst, gibt's da an Strom?“ „Naa, wir verheizen immer unser Parkett zum Licht machen“, hab ich gesagt. Das sind so typische Situationen, bei denen man sich wehren muss. Die einen hatten große Ohren, die anderen eine Brille, die dritten waren dick und ich kam halt aus Jugo. Daran hab ich mich erinnert. Außerdem darf der Cover-Titel eines Buches ja eine gewisse Länge nicht überschreiten, und „Miroslav Jugoslav“ bietet sich da gut an.

    Haben Sie denn überhaupt zu Jugoslawien in seiner damaligen Form einen Bezug?

    Nemec: Ich fühle mich als Kroate, das war ich früher auch, ohne je nationalistisch gewesen zu sein. Man hat einen Stolz, so wie der Franke auch, der immer mit den Bayern zu kämpfen hat, wie ich das so kenne. Und dann vielleicht noch untereinander zwischen Ober-, Mittel und Unterfranken.

    Während des Kriegs in Jugoslawien kamen viele Flüchtlinge nach Deutschland. Hat Sie die Flüchtlingswelle, die 2015 über uns hereingebrochen ist, an diese Zeit erinnert?

    Nemec: Es ist eine ganz andere Situation. Erstens schon mal von der Zahl her. Es war so, dass die Flüchtlinge, die aus Ex-Jugoslawien kamen, begrenzt hier waren und wieder rückgeführt wurden. Das war ja von vorn herein geklärt. Was die Zahl der heutigen Flüchtlinge angeht, hab ich von Anfang an gesagt, man kann nicht einfach die Grenzen aufmachen. Sonst gibt's eine Willkommenskultur, die aber nicht lange andauert. Das hat mit Nationalismus nicht unbedingt zu tun. Das hat damit zu tun, dass man die Natur der Menschen hier berücksichtigt, ihre Bedürfnisse und Ängste. Und damit sollte man möglichst realistisch umgehen.

    Das Thema beschäftigt Sie sehr.

    Nemec: Das beschäftigt mich sehr, weil man sich drum kümmern muss, aber auf die richtige Weise. Nicht auf eine romantische Art, sondern auf eine konkrete. Diejenigen, die wie ich selbst so etwas erlebt haben, die schauen sich das viel strenger an als die, die es nicht erlebt haben. Ich schau' mir den Sozialismus auch strenger an, weil ich den real existierenden genossen und erlitten habe. Aber das streichen wir weg, das ist meine Privatmeinung.

    Was dürfen die Konzertbesucher am 18. Juli in Röttingen erwarten?

    Nemec: Das Programm wurde damals bestimmt durch die Benefizkonzerte. Das mussten alles Coversachen sein, die man kennt. Also Top-Ten-Hits von damals bis heute. Da ist Klaus Lage dabei, Beatles, Stones, Pink Floyd. Einfach bekannte Sachen.

    Wie geht es als Schauspieler für Sie weiter, was sind ihre nächsten Projekte, in denen wir Sie auf der Bühne oder im Fernsehen sehen dürfen?

    Nemec: Erst mal schreib' ich den zweiten Krimi, da bin ich jetzt grad dran. Für 2018 steht ein Kinoprojekt nach einem Roman des bosnischen Autors Saša Stanišiæ an, der auch in Deutschland schon Preise gewonnen hat. „Der Soldat, der das Grammophon repariert“ heißt der Roman, der als Kinofilm adaptiert wird. Dann plant die Autorin und Regisseurin Mimi Kezele einen weiteren Kinofilm, der in Kroatien gedreht wird. Und es gibt die drei „Tatorte“ pro Jahr. Dazwischen sind Soloauftritte und Konzerte, und der Dezember gehört wieder Charles Dickens, wie letztes Jahr mit meinem Kollegen Udo Wachtveitl. Wir machen eine szenische Lesung mit Streichquintett von „A Christmas Carol“. Das sind 23 Vorstellungen, und die sind meines Wissens schon ausverkauft. Da bin ich dann gut bedient. Langweilig wird mir nicht wirklich. Und dann habe ich ja noch das Wichtigste: meine Familie.

    Open-Air-Konzert der Miro-Nemec-Band am 18. Juli 2017, im Burghof von Röttingen. Karten: Tel. (0 93 38) 97 28-55. www.frankenfestspiele.de

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