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    WÜRZBURG

    Die Zeitmaschine

    David Catalunya ist fasziniert vom Mittelalter. Der Winterhäuser Musiker und Wissenschaftler hat eine Möglichkeit gefunden, der Welt der Gotik nahe zu kommen.

    Eintauchen in die Welt des Mittelalters. In eine Zeit, die so weit von unseren Gedanken und Gefühlen entfernt ist. Und dennoch – oder deswegen – eine ungeheuere Anziehungskraft ausübt. Um zurück in die Gotik reisen zu können, hat sich David Catalunya eine Zeitmaschine bauen lassen. Das gute Stück steht im Dachgeschoss des Winterhäuser Hauses, in dem der Musiker und Wissenschaftler lebt.

    Ein Türmchen wie von einem gotischen Kastell, metallisch glänzende Röhren. Technik und Ästhetik gehen eine glückliche Verbindung ein bei David Catalunyas ganz spezieller Zeitmaschine – dem Nachbau einer Orgel aus dem 14. Jahrhundert. Nachbau? Klingt erst einmal unspektakulär. Geht aber nicht anders. Denn spielbare Originale aus der Gotik – der Zeit zwischen (etwa 1150 und 1500 – gibt es praktisch nicht mehr. Sie wurden im Lauf der Jahrhunderte umgebaut und modernisiert oder sind nur noch fragmentarisch erhalten.

    Der Arzt und Astronom

    Der Nachbau, für den mehrere Spezialisten zusammenarbeiteten, sei historisch korrekt, erklärt der Spanier, der bei den Würzburger Tagen der Alten Musik zu hören ist (siehe Kasten unten). Man wisse ziemlich genau, wie Orgeln seinerzeit aussahen. Zum einen existierten Abbildungen in Manuskripten und auf Fresken, „die zum Teil so realistisch sind, dass man Details drauf erkennen kann“, weiß Catalunya. Dann gebe es Dokumente – in Barcelona etwa den Vertrag mit einem Orgelbauer von 1345. Aus diesem und anderen, ähnlichen Schriftstücken lasse sich die Anzahl der Pfeifen erkennen oder das Material, aus dem Tastatur und Pfeifen damals gefertigt wurden.

    „Und dann haben wir das hier.“ David Catalunya blättert ein großformatiges Buch durch. Die Seiten sind dicht mit altertümlicher Handschrift und Skizzen bedeckt. „Eine Kopie des Manuskripts von Henri Arnaut de Zwolle“, erklärt der Musiker und Orgelforscher. De Zwolle, ein flämischer Arzt und Astronom (um 1400 bis 1466) war sehr interessiert an der Technik seiner Zeit. Er hat deswegen alles Mögliche beschrieben und gezeichnet – darunter auch Orgeln. Technische Zeichnungen von Pfeifen, Maßangaben . . . das Buch ist für Orgelforscher eine wahre Schatztruhe.

    Auch für Tanzmusik

    Schon damals, erklärt David Catalunya, habe es eine Vielzahl an Bauformen gegeben. „Wie heute auch, wurden zudem verschieden große Orgeln gebaut.“ Der 36-Jährige weist auf sein Instrument, das dezent im Hintergrund des Raums schimmert: „Die hat eine mittlere Größe.“

    „Orgelpositiv“ lautet der Fachbegriff für ein Instrument wie das des Wahl-Unterfranken. „Positiv“ kommt vom lateinischen „ponere“, was auf Deutsch so viel wie „setzen“ oder „stellen“ bedeutet. Die Catalunya-Orgel sitzt in ihrem Dachgeschoss-Quartier denn auch auf einem Tischchen und ist damit knapp mannshoch.

    Die Pfeifen aus Zinn oder Blei – alles in allem rund 150 – sorgen für einen erstaunlich kräftigen Ton. Der Winterhäuser Wohnraum ist damit hörbar überfordert. „Das Instrument ist ja auch für Kirchen gebaut“, sagt der Musiker. Oder zumindest für große Räume. Denn Orgeln seien nicht nur für die Liturgie genutzt worden. Sogar Tanzmusik wurde gespielt.

    Wissenschaft und Emotion

    „Orgelpositiv“ bedeutet auch, dass das Instrument transportabel ist. David Catalunya demonstriert, wie sich einzelne Baugruppen mit wenigen Handgriffen abnehmen lassen. Verpackt in maßgeschneiderte Etuis geht das Instrument dann auf Reisen. Catalunya ist in Sachen Alte Musik immer wieder auf Festivals und in Konzertsälen über Europa hinaus unterwegs.

    Wenn möglich nutzt der Organist, der ursprünglich Cembalo studiert hat, zur Wind-Erzeugung drei Bälge. Das ist nicht nur authentisch. Es mache den Ton auch lebendiger, sagt er.

    Aber bei Bedarf kann auch ein elektrisches Gebläse für den Luftdruck sorgen, der zur Tonerzeugung notwendig ist. Mit einem Tonumfang von nicht ganz drei Oktaven tauge seine Orgel für Musik zwischen etwa 1270 und 1470.

    Es ist die Kombination von forschender Wissenschaft und emotionalem Spiel, die David Catalunya an Alter Musik fasziniert. In seiner Orgel-Rekonstruktion ist beides präsent – Intellekt und Gefühl. Nicht nur als Musiker ist David Catalunya ein Zeitreisender.

    Am Lehrstuhl für Musikwissenschaft der Würzburger Universität arbeitet er an der Erforschung und Herausgabe des „Corpus monodicum“ mit, einer Sammlung einstimmiger Musik – aus dem Mittelalter natürlich.

    Tage der Alten Musik in Würzburg

    Eröffnet wird das Festival am 24. Januar, 12 Uhr, am Vierröhrenbrunnen mit Bläserfanfaren.

    Die gotische Orgel (siehe Artikel oben) ist bei den Tagen der Alten Musik Würzburg am 27. Januar, 15 Uhr in der Augustinerkirche zu erleben. David Catalunya und sein Ensemble wollen nachempfinden, wie eine Messe im Mittelalter musikalisch gestaltet wurde – mit Orgel, Carillon, und Gregorianik. Am 28. Januar leitet Catalunya einen Workshop (12–15 Uhr, Residenz Südflügel). Weitere Programmpunkte der Tage der Alten Musik sind unter anderem die Konzerte „Grenzgänger“ mit Alter und Neuer Musik für Oboe und Orgel im Großen Saal der Hochschule für Musik, Hofstallstraße (24. Januar, 19.30 Uhr), „Laute(n) Töne“ in der Kapelle des Bürgerspitals (25. Januar, 18 Uhr) und „Les Nations“ zum 350. Geburtstag von François Couperin (27. Januar, 19.30 Uhr, Großer Saal der Hochschule). Countertenor Andreas Scholl leitet am 24. Januar einen Workshop (14–18 Uhr, Kammermusiksaal der Hochschule für Musik.)

    Die von der Musikhochschule veranstalteten Tage der Alten Musik finden im Wechsel mit den Tagen der Neuen Musik statt. hele

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