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    SCHWEINFURT

    Gurlitt als trauriger Clown

    Udo Samel sehnt sich danach, in fremde Charaktere zu schlüpfen. Wobei für ihn das Tragische und Skurrile zusammengehören - wie im Fall des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt.

    Trauriger Clown in großer Tragödie: Burgschauspieler Udo Samel als Kunsterbe Cornelius Gurlitt Foto: Barbara Braun, drama-berlin.de

    Er gehört zu den großen, deutschsprachigen Schauspielern: Udo Samel, Jahrgang 1953, ist einer der letzten Sprach- und Sprechmagier, er wurde mehrfach ausgezeichnet für seine darstellerische Leistung. Der Burgschauspieler gastiert zweimal mit „Entartete Kunst – Der Fall Cornelius Gurlitt“ im Theater der Stadt Schweinfurt, bevor er auf Tournee durch Deutschland geht. Ein Gespräch mit dem Schauspieler bei fränkischem Weißburgunder und Risotto.

    Frage: Vom Sängerknaben der Laubacher Kantorei zu einem der gefragtesten Theater-, Film- und Fernsehdarsteller im deutschsprachigen Raum. Denkt man im Knabenchor schon an die große Bühnenkarriere?

    Udo Samel: Nein, ich hatte damals eher an einen Dirigenten oder Komponisten gedacht und habe dann auch Klavier und Fagott gelernt. Nur leider viel zu spät damit angefangen. Außerdem habe ich damals auch gemerkt, dass ich viel zu teigige Finger habe, um wirklich noch erfolgreich ein Instrument zu lernen. Ich habe dann eine Theater-Arbeitsgemeinschaft gegründet, habe begonnen zu inszenieren und mich mit der Politik intensiv auseinanderzusetzen. Ich war zu Besuch in Auschwitz, habe mit den Jugendlichen dort diskutiert und geredet, versucht Versöhnungsarbeit zu leisten. Deshalb war für mich klar, ich muss in meinem Leben nicht den Mund verschließen, sondern öffnen . . .

    Und so den Weg in die Schauspielkarriere zu nehmen?

    Samel: . . . dadurch bin ich zum Schauspieler geworden, weil ich gemerkt habe, ich kann Menschen etwas erzählen, indem ich ihnen etwas vormache. Ich habe so gemerkt, ich kann auf eine Figur draufspringen und sie zu meiner machen oder ich mich in sie hineinverwandeln.

    Sie proben derzeit in Schweinfurt, bevor es auf Tournee geht. Sind Sie das erste Mal in der Region oder was verbindet Sie mit Franken?

    Samel: Mit Franken verbindet mich vor allem einer meiner ersten Filme „Der Tod des weißen Pferdes“ und ich habe damals schon die Franken schätzen und lieben gelernt, weil sie wie ich das Essen und Trinken mögen – und was davon verstehen. In Schweinfurt aber bin ich zum ersten Mal zum Theaterspielen und bin sehr gespannt auf das Haus, über das ich schon vieles gehört habe.

    Unzählige Rollen im Film, Theater, Fernsehen, garniert mit Lesungen – wie viele Seelen schlagen denn noch in Ihrer Brust?

    Samel: Gourmet, das ist ja die Seele eines jeden Menschen. Jedem Menschen sollte es vergönnt sein, gut zu essen, keinen schlechten Wein trinken zu müssen. Nur ist das leider nicht immer und überall so eingeteilt. Ich habe einen Beruf, in dem ich im Grunde alles sein kann – für eine gewisse Zeit. Mein zentrales Streben ist, über die pure Selbstdarstellung hinauszukommen. Ich sehne mich danach, fremde Charaktere, fremde Persönlichkeiten darstellen zu können.

    Ihre Heinz-Erhardt-Lesungen, in denen Sie stilgerecht gekleidet Texte des Komikers vortragen, gelten mittlerweile als legendär. Was macht für Sie den Humor Erhardts aus?

    Samel: Die Texte sind pointiert, die Texte sind irrwitzig, die Texte sind irrsinnig. Er macht aus dem „Erlkönig“ den „König Erl“. Er zaubert aus einer „Made mit dem Kinde“ eine Geschichte. Er ist fähig, aus der Fliege einen Elefanten zu machen, und das sprachlich. Das Wort tanzt hier förmlich vor den Sinnen der Zuhörer.

    Vor kurzem waren Sie im TV-Thriller „Angst – Der Feind in meinem Haus“ zu sehen. In der Rolle spielten Sie einen psychopathischen Untermieter, der eine ganze Familie terrorisiert, bis er am Ende erschossen wird.

    Samel: . . . vor allem hat man erst einmal ihn sein Leben lang terrorisiert, missbraucht und vergewaltigt.

    Und deshalb kommt diese Figur auch sehr zwiespältig beim Zuschauer an. Was ist nun der besondere Reiz solcher Rollen?

    Samel: Das ist richtig und vielleicht auch so gewollt. Es ist Teil unserer Fernsehwirklichkeit. Man zwingt sich dazu, den Menschen einfache Wahrheiten zu erzählen. Diese Rolle war und ist viel vielschichtiger als im Fernsehen zu sehen. Ich hätte mir hier mehr Sozialdrama gewünscht, als Thriller. Nur, das Fernsehen war glücklich damit, ich war schon nicht glücklich mit dem Ti-tel. Es fehlte leider ein kompletter Aspekt dieses Menschen, dem in seiner Kindheit übel mitgespielt worden ist. Das kommt nicht rüber. Es ist eine traurige Gestalt geworden, und die Traurigkeit ist ein großer, ein wichtiger Aspekt, um die Rolle zu erzählen. Das erzählt der Film viel zu wenig.

    Ja, aber was fasziniert Sie so nun immer wieder an solchen schwierigen, solchen komplizierten Charakteren?

    Samel: Ich glaube, jeder Mensch ist schwierig und kompliziert. Wir zeigen ja immer nur einen Teil unserer Persönlichkeit, die wir andere anschauen lassen. Viele Menschen haben Angst, anderen in die Augen zu schauen, weil der Blick in die Augen der Blick in die Seele ist. Ich denke, je komplizierter die Figur ist, umso widersprüchlicher, fragwürdiger, umso mehr interessiert es mich. Hinter das Grauen der Menschheit zu kommen, ist meine Obsession.

    Sie sind bekannt für die grandiose Umsetzung von Problemrollen und hochdramatischen Charakteren – hat man da nicht auch einmal Lust, eine verrückte Komödie auf die Bühne zu stellen?

    Samel: Natürlich, das gehört ja zusammen, das Tragische und das Skurrile. Ich liebe es, wenn Menschen lachen können. Ich liebe es, Unsinn zu machen, Spaß zu bringen. Das werden Sie auch bei dem Stück, mit dem ich im Schweinfurter Theater auftrete, sehr deutlich bemerken.

    Im Schweinfurter Theater stehen Sie in dem Stück „Entartete Kunst – der Fall des Cornelius Gurlitt“ auf der Bühne und spielen den eigenbrötlerischen Kunsterben Cornelius Gurlitt – eine Paraderolle? Was macht die Monstrosität dieses Falles aus?

    Samel: In dieser Rolle ist im Grunde alles enthalten, was mich fasziniert und reizt. Eine Art trauriger Clown, in dem eine große Tragödie verborgen ist. Die Wahrheit, die wir von diesem Menschen erfahren, ist eine völlig entstellte. Diejenigen, die bei ihm eingedrungen sind, waren die deutschen Behörden, die Steuerbehörde, die Polizei, die die Wohnung eines alten, 80-jährigen Mannes aufgebrochen haben. Das ist ein Verbrechen des Staates. Es gab keinen Anlass, hier einen Straftatbestand zu sehen. Der deutsche Staat hatte nicht das geringste Recht, in diese Wohnung einzudringen und diese Kunstsammlung zu entwenden . . .

    . . . die im Auftrag der Nazis zum Teil von Gurlitts Vater gesammelt worden ist und an seinen Sohn Cornelius weiter vererbt worden sein soll.

    Samel: . . . und Vater Staat hat bei diesem alten Mann eine Sammlung gefunden, die sowohl in der Quantität, als auch im Wert völlig überzogen in der Presse und von den Behörden dargestellt worden ist. Ich habe diese Sammlung, von der mehr als die Hälfte aus der Familie von Gurlitt selbst stammte, nie persönlich gesehen. Ich habe zuerst im „Spiegel“ darüber gelesen und mir damals schon gedacht, dass mehr hinter dieser Geschichte stecken muss.

    Zum ersten Mal auf Tournee durch Deutschland, jeden Tag in einer anderen Stadt, einem anderen Theater, einem anderen Publikum – wie viele Aufführungen spielen Sie und was ist der Reiz am täglichen Hotelwechsel?

    Samel: Ich mache die Tournee auch, weil ich auch einmal die vielen kleinen Theater in Deutschland kennen lernen möchte. An den großen Bühnen in Frankfurt, Düsseldorf, Berlin und München bin ich ja zu Hause. Auf der einen Seite heißt es: „Das Theater wird mehr oder minder abgeschafft. “ Ich wollte und will wissen, ob das wirklich stimmt und mich dem aussetzen. Und die Theater, die es auch kleineren Orten möglich machen, Theater zu spielen – die will ich sehen. Gerade hier in der Umgebung gibt es ja ganz viele Häuser mit exzellentem Ruf, ich denke da auch an Würzburg, Coburg oder Bayreuth . . .

    Wo Sie allerdings nicht zu sehen sind.

    Samel: Leider nicht. Wir werden allerdings 25 Vorstellungen in knapp fünf Wochen spielen. Ich habe zudem auch darauf bestanden, dass wir nur in richtigen Theatern auftreten und ich habe auch darum gebeten, dass wir nicht mehr als zwei Stunden am Tag fahren müssen, bevor wir eine Vorstellung spielen.

    Franken gilt als das Land der Brauereien und der Winzer. Was bevorzugen Sie – einen guten Schoppen Wein oder ein zünftiges Seidla Bier?

    Samel: Ich bin ein Weintrinker. Und ich bin deshalb auch gerne in Franken, weil ich weiß, einer der besten deutschen Weine kommt aus Franken und dieser herrlich trockene Weißburgunder, den ich hier trinke, ist hervorragend.

    Vorverkauf: Aufführungen an diesem Samstag dem 4. November, und am 6. November im Theater der Stadt Schweinfurt. Beginn jeweils um 19.30 Uhr. Restkarten unter Tel. (0 97 21) 51 49 55 Internet: www.theater-schweinfurt.de

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