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    WÜRZBURG

    Käthe Kollwitz im Kulturspeicher: Revolution als Jugendtraum

    „Aufstand“ heißt die Ausstellung in Würzburg. Es geht um den Bauernkrieg. Es gibt jedoch viel mehr zu sehen. Spannender Einblick ins Werk der außergewöhnlichen Künstlerin.

    Entfesselt: „Losbruch“ ist eines von sieben Blättern im grafischen Zyklus „Bauernkrieg“ von Käthe Kollwitz (entstanden 1... Foto: Käthe Kollwitz Museum Köln

    Der Vater war ein Freigeist. Carl Heinrich Schmidt folgte konsequent seinen Ansichten und nahm dafür Repressalien in Kauf. Seiner Familie las der Jurist, Maurermeister, Bauunternehmer und Prediger der „Freien evangelischen Gemeinde“ in Königsberg, heute Kaliningrad, aufrührerische Gedichte von Ferdinand Freiligrath vor. Eine seiner Töchter, Käthe, hat deren Botschaft besonders verinnerlicht.

    Jahre später schrieb die Künstlerin in ihr Tagebuch: „Ich war revolutionär, mein Kindheits- und Jugendtraum war Revolution und Barrikade.“

    Käthe, verheiratet mit dem Arzt Karl Kollwitz und wie er sozialdemokratisch geprägt, wollte für die Freiheit und gegen Unterdrückung kämpfen. Sie tat es mit der Radiernadel.

    Ihre sozialkritischen Grafiken zeigen ungeschönt die Lebensumstände von Arbeiter- und Bauernfamilien – Unterdrückung und Ausbeutung, Armut, Leid, Elend und Not, Gewalt, Verzweiflung und verzweifelte Aufruhr. Etwa in ihrem ersten grafischen Zyklus „Ein Weberaufstand“, den sie 1897 vollendet hat. Oder in ihrem zweiten Zyklus „Bauernkrieg“. Er ist noch bis zum 14. Januar im Museum Kulturspeicher in Würzburg zu sehen.

    „Aufstand! Renaissance, Reformation, Revolte im Werk von Käthe Kollwitz“ heißt die Ausstellung. Sie wurde anlässlich des 150. Geburtstags der am 8. Juli 1867 geborenen Künstlerin vom Käthe Kollwitz Museum Köln realisiert (wir berichteten). Der „Bauernkrieg“-Zyklus um den gescheiterten Volksaufstand von 1525 werde erstmals in dieser Breite präsentiert, sagt die stellvertretende Kulturspeicher-Direktorin Henrike Holsing.

    Aufs elementar Menschliche verdichtet

    Er besteht aus sieben Blättern. Gezeigt werden in Würzburg nicht nur diese Endfassungen, vielmehr der Entwicklungsprozess: Vorstufen, Studien, verworfenen Fassungen. Käthe Kollwitz hat um jede Komposition gekämpft. Manchmal hat es Monate, manchmal sogar Jahre gedauert, bis sie zufrieden war.

    Teilweise hat sie nur Nuancen verändert, die jedoch die Bildwirkung entscheidend verändert haben, oder die Komposition neu bestimmt. Dazu hat sie auch mit der Technik experimentiert. Sie habe sich das Thema erarbeitet, so Holsing, und immer mehr auf das elementar Menschliche verdichtet.

    So zeigt Käthe Kollwitz in der Komposition „Die Pflüger“ (1901 bis 1906) nicht Tiere, sondern zwei Männer, die schwer gebeugt das Ackergerät durch die Erde ziehen. Dem Bildaufbau aus Horizontalen müssen sich auch die Pflüger unterordnen. Ihre gebeugten Knie berühren fast den Boden, ihre Oberkörper bilden eine leichte Diagonale. Der Betrachter sieht nicht nur, er „spürt“ die unmenschlich Kraftanstrengung.

    Im 1907 vollendeten Blatt „Vergewaltigt“ liegt eine Frau mit gespreizten Beinen am Boden eines verwüsteten Blumengartens, ihr Kopf ist stark überstreckt, ihr Gesicht kaum erkennbar. Nicht nur sie ist ein Opfer, sondern auch das nur schemenhaft dargestellte Kind hinter dem Zaun, das auf den Tatort beziehungsweise auf seine Mutter blickt.

    Aufbruch der Bauern

    An der „Bewaffnung in einem Gewölbe“ arbeitete Kollwitz von 1902 bis 1907. Es ist das einzige Blatt im Hochformat. Es betont den Aufbruch der Bauern. Sie bewegen sich laut Henrike Holsing „in kollektiver Kampfeswut“ nach rechts oben – ins Dunkle: ein Symbol für das ungute Ende des Aufstandes.

    Berührend ist das sechste Blatt: „Schlachtfeld“. Die dunkel gehaltene Komposition wird nur an einer Stelle erhellt, als die Mutter im Licht ihrer Lampe ihren toten Sohn findet beziehungsweise sein Gesicht erkennt.

    Der „Bauernkrieg“ sei in ihren „glücklichen Jahren“ entstanden, meinte sei einst. Da war die an der Münchner Künstlerinnenschule ausgebildete Kollwitz bereits zehn Jahre verheiratet, Mutter von zwei Söhnen und dazu in ihrem Beruf erfolgreich.

    Zu dieser Zeit war dies höchst ungewöhnlich. Frauen wurde damals die Ausbildung an Kunsthochschulen noch verwehrt und zudem meist eine künstlerische Begabung abgesprochen. Wenn sich Frauen dennoch für ein Leben als Malerin oder Bildhauerin entschieden haben, verzichteten sie meist freiwillig auf Partnerschaft und Kinder.

    Käthe Kollwitz schaffte beides und erlangte in der Männerdomäne „Kunst“ zu Ansehen und Berühmtheit – nicht nur im preußischen Berlin, wo sie seit 1891 zu Hause war. Inspiration waren nicht allein die Situation der Bauern in der frühen Neuzeit, sondern die der Arbeiterfamilien Ende des 19. Jahrhunderts. Sie lebten rund um Wohnung und Praxis der Familie. Käthe Kollwitz sah die Menschen im Behandlungszimmer ihres Mannes, hatte unmittelbar Einblick in deren Leben. Viele waren arbeitslos, wussten nicht, wie sie über die Runden kommen sollten.

    Villa-Romana-Preis

    Ursprünglich wollte Kollwitz Malerin werden. Dass sie später mit Radierungen eine technische Meisterschaft erreichte und für ihre Arbeiten Auszeichnungen wie 1907 den von Max Klinger gestifteten Villa-Romana-Preis erhielt, war auch dem Familienleben geschuldet. In der Berliner Wohnung war lange kein Platz für ein Atelier. Sie erinnerte sich an ihren früheren Privatlehrer, an den Kupferstecher Rudolf Maurer, der sie einst in die druckgrafischen Techniken einführte. Nach ihrer Heirat kaufte sich Radiernadeln, Druckplatten und Ätzflüssigkeit und brachte sie sich selbst die Radierkunst bei und sorgte für Furore.

    Öffnungszeiten im Museum im Kulturspeicher: Dienstag 13 - 18, Mittwoch 11 - 18, Donnerstag 11 - 19, Freitag, Samstag, Sonn- und Feiertag 11 - 18 Uhr. Führungen zur Käthe-Kollwitz-Ausstellung: am 6. Januar um 11.15 sowie am 7. Januar um 11.15 und 15 Uhr.

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