• aktualisiert:

    MEININGEN

    Meininger „Meistersinger“ stellen sich der Demokratie-Frage

    Die Neuinszenierung am Südthüringisches Staatstheater ist eine Reise durch 100 Jahre deutscher Geschichte. Und die Regie bezieht hierbei klar Position.

    Der Vorhang hebt sich vor einem kalten Winterbild. So gar nicht mittsommerlich verzieht sich der Nebel, Schnee fällt auf eine kahle Landschaft. Der erste Weltkrieg ist gerade zu Ende, verwundete Soldaten schleppen sich einen Anhang hinunter. Die Szene mündet in einen Feldgottesdienst. Allmählich schwant dem Zuschauer, dass die Produktion von Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ in Meiningen keine Nacherzählung einer unterhaltsamen Komödie sein wird.

    Die Regie von Ansgar Haag führt die Meistersinger durch 100 Jahre deutscher Geschichte und handelt während der Zeitläufe grundsätzliche Fragen ab. Großen Raum nimmt in Haags Deutung die Demokratisierung von Gesellschaft und Kunst ein. Es geht ihm offensichtlich um die Rolle der Kunst in einer sich verändernden Gesellschaft einerseits, wie auch die Beeinflussung der Kunst durch diese bis hin zur Frage nach einer utopischen Gesellschaft, die sich selbst reguliert.

    Haag hat sich eindeutig positioniert, er drückt sich nicht, die Verwerfungen der Gegenwart auch zu zeigen. Bernd-Dieter Müller und Annette Zepperitz (Bühne und Kostüme) haben diesen Ansatz auf die Bühne gebracht. Schlichte taubenblaue Aufbauten ohne jegliche heimelige Anmutung deuten die Straßenszenen nur an, nehmen keinerlei Anleihen an Nürnberger Stadtansichten. Hans Sachsens Werkstatt befindet sich im Umbau, geht mit der Zeit. Lehrbuben in burschenschaftlicher Montur umrahmen eine reichlich verstaubte Altherrenriege in Gehrock und Melone in der Singschule.

    Beckmesser als trotteliger Kerl

    Die Personen müssen den Spagat schaffen, ihre Charaktere ebenfalls durch die Zeit zu führen. Das gelingt ausnahmslos. Dae-Hee Shin (Hans Sachs) agiert souverän und bedacht, allzu viel Gefühl liegt dem durch so manchen Schicksalsschlag gebeutelten Schuhmacher und Meistersinger nicht. Stephanos Tsirakoglous Beckmesser ist weniger der gestrenge Regelwächter, als vielmehr ein bräsiger und gutmütiger, bisweilen trotteliger Kerl. Ondrej Šalings Walther von Stolzing ist ein Freigeist, verträumt und verliebt. Sein schlanker Tenor hat Strahlkraft, beim Preislied zeigt er all seine Qualitäten.

    Camila Ribero-Souzas Eva besitzt neben aller Frechheit der Jugend eine erstaunliche Selbstbewusstheit, was sie mit ihrem glanzvollen und locker geführten Sopran unterstreicht. Sie weiß, was sie will, und setzt es durch. So gar nicht ammenhaft ist Carolina Krogius der Eva eine verständige Vertraute und gleichzeitig dem David eine innig zugetane Freundin. Siyabonga Moqungo gibt einen wunderbar beweglichen David, sein lyrisch geführter Tenor zeichnet mühelos die jugendliche Unbeschwertheit. Das überirdisch schöne Quintett im dritten Akt fordert einen Zwischenapplaus heraus, in Wagneropern ein ungewöhnliches Ereignis.

    Die vereinigten Chöre aus Chor und Extrachor des Meininger Theaters, der Meininger Kantorei und dem Chor des Evangelischen Gymnasiums Meiningen wurden von Martin Wettges tadellos einstudiert und liefern eine großartige Prügelszene ab.

    Donnernder Applaus – einige Buhs

    Die Meininger Hofkapelle unter Leitung von Philippe Bach gestaltet ihren Part in großen Bögen, durchhörbar und intensiv. Bisweilen nimmt Bach das Tempo gehörig heraus, unterstreicht entscheidende Passagen damit wie mit der Lupe. Bunte Luftballons über einer fröhlich feiernden Menge sind nicht der letzte Eindruck der sich langsam leerenden Festwiese. Sicherheitskräfte schauen weg, als ein Sachs im Handgemenge zu Boden geht. In den donnernden Applaus mischen sich einige Buhs.

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!