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    LOHR

    Nikolai Tokarev: Mit der Eleganz eines Tänzers

    Er ist eher ein leiser und eleganter Spieler.Gerade deshalb ließ der Pianist Nikolai Tokarev Mussorgskys Hit „Bilder einer Ausstellung“ zum Erlebnis werden.

    Nikolai Tokarev in Lohr. Foto: Wolfgang Dehm

    So beweglich und duftig wie in der Stadthalle Lohr hat man Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ womöglich noch nie gehört. Der Pianist Nikolai Tokarev, 1983 geboren in Moskau und im Jahr 2003 Sieger des Kissinger Klavierolymps, schenkte sich hier allen Pomp und alle Plusterei und bediente sein Instrument mit der Eleganz und Schwerelosigkeit eines Tänzers.

    Nicht, dass sich Nikolai Tokarev auf der Bühne besonders viel bewegte. Sein außergewöhnlich zärtliches und flexibles Spiel schien eher aus einer inneren Bewegtheit zu resultieren, einem nahezu symbiotischen Bund mit der erklingenden Musik, dessen Intensität das Publikum nur schaudernd erahnen konnte.

    So präsentierte der 33-Jährige Mussorgskys berühmten Klavierzyklus durchgehend transparent und schlicht. Schon die erste „Promenade“, das ruhige Abschreiten der imaginären Ausstellung, mit dem Mussorgsky die einzelnen „Gemälde“ verbindet, spielte er überraschend flüssig und mit katzenhafter Wendigkeit.

    Vielleicht ein bisschen genial

    „Das alte Schloss“ rückte er, stets im untersten Dynamikbereich verharrend, in die Nähe eines intimen Schubert-Liedes und schuf so eine weniger unheimliche als vielmehr zauberische Szenerie. Selbst Vollgriffiges wie der stampfende „Ochsenkarren“ geriet ihm nicht massig oder hart: Allem haftete stets etwas Feminines an. Im „Großen Tor von Kiew“ etwa, häufig mit kolossaler Pranke vorgetragen, arbeitete der Pianist geschmeidig die melodische Linie heraus, anstelle krachend Stein auf Stein zu setzen.

    Auch in Franz Liszts Klaviersonate h-Moll, dieser wüst gezackten Riesenschlange, stellte Nikolai Tokarev nicht das Unzugängliche, Zerklüftete in den Vordergrund. Ohne der halbstündigen Sonate das Fantastische zu nehmen, durchdrang und sublimierte er ihre Wildheit. Ein Softie am Klavier ist Nikolai Tokarev aber gewiss nicht: Präzision und Deutlichkeit sind ihm oberstes Gebot, und an das tendenziell Leise seines Spiels (auch wenn es ab und zu sicher etwas mehr hätte sein dürfen) gewöhnte man sich gern und schnell.

    Als zweite Zugabe verwandelte der Pianist Sergei Rachmaninows cis-Moll-Prelude, das sich im Notentext bis ins vierfache Forte wagt, in ein somnambules Nachtstück – sehr ungewöhnlich und vielleicht sogar ein bisschen genial. Die Werbekampagne der Veranstalter hatte sich übrigens ausgezahlt: Wenn auch nicht ausverkauft, war der Klavierabend doch beachtlich gut besucht.

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