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    WÜRZBURG

    Pelzig und das Hauptproblem sozialer Netzwerke

    „Weg von hier“ heißt das achte Bühnenprogramm von Frank-Markus Barwasser. Der Würzburger Kabarettist legt damit sein Meisterwerk vor, wie er im Mainfranken Theaer zeigte.

    Erwin Pelzig wechselt derzeit ständig die Perspektive. Foto: Ivana Biscan

    Gegen Ende ist die Verblüffung am größten. Dr. Göbel überrumpelt nicht nur seine Stammtischbrüder. Er überrascht sicherlich so ziemlich jeden der 750 Zuhörer. Ausgerechnet Dr. Göbel, dieser Rotwein schöbbelnde Vorzeigespießer neben Hefe-Prolo Hartmut und Handtaschenschwenker Erwin Pelzig im kabarettistischen Dreigestirn des Frank-Markus Barwasser, rastet völlig aus. Weil der Vorsitzende der Freunde des Vereins zeitgenössischer Kirchenbestuhlung überfordert ist, sich immerzu entscheiden muss, aber nicht kann, weil ständig zu viele Informationen auf ihn einprasseln.

    Dr. Göbel rastet aus

    Diese kammerspielartige Sequenz, Dr. Göbels theaterhaftes Solo im vierten und letzten Trio, ist im Großen Haus des Würzburger Mainfranken Theaters einer der allerstärksten Momente in Barwassers achtem Bühnenprogramm. Und sicherlich der spektakulärste, weil er mit dieser Figur komplett bricht und dem Affen richtig Zucker gibt.

    Mit „Weg von hier“, das Barwasser seit Februar nun 15 Mal auf die Bretter brachte, ist dem gebürtigen Würzburger das Kunststück gelungen, seine stets auf einem fast schon philosophischen Fundament fußenden Programme noch konsequenter über herkömmliches Kabarett zu stellen als bisher. Hätte man nur ein Wort zur Verfügung, um seinen jüngsten Wurf zu umschreiben, dann könnte, nein, dann müsste es zwangsläufig dieses sein: herausragend. Es ist, ja, man muss es so sagen, Barwassers Meisterwerk.

    Der 57-Jährige, der vor fast genau einem Jahr erstmals Vater wurde, gräbt sich für seine Programme stets sehr gründlich in die Themen, viel tiefer, als er es dann auf der Bühne umsetzen kann. Barwasser erzählt, dass in der Zeit, in der „Weg von hier“ entstand, „ja unglaublich viel passiert“ ist, was ihn „zutiefst deprimiert“ und „nicht viel Anlass zum Optimismus“ geboten hat: „Es war noch nie so schwierig, der Komplexität der Themen so gerecht zu werden wie diesmal.“

    Selbstverständlich lässt er seinen Pelzig auch die üblichen Verdächtigen abwatschen: Merkel und Schulz, Kretschmann, dieser „grüne Ober-Realo an der Grenze zur Selbstverleugnung“ und – natürlich – Trump, dieser „feuchte Traum aller Pegida-Marschierer“. Aber weil der verbale Presslufthammer noch nie Pelzigs Lieblingsspielzeug war und Barwassers Fragen wichtigere sind, geht es um Größeres: um Rechtspopulismus und die Internationale der Nationalisten, um Fake News und Ängste, um Big Data, Sex-Roboter und den Customer Live Time Value. Und um soziale Netzwerke, deren Hauptproblem Pelzig ausgemacht hat: „Die Kombination aus Denkfaulheit, Rechtschreibschwäche und Internetanschluss.“

    Die Methode von Walt Disney

    Pelzig, der sich als „digitaler Einwanderer mit analogem Migrationshintergrund“ sieht, ist sich jedenfalls sicher: „Wenn man Heuchelei in Energie umwandeln könnte, wäre das fossile Zeitalter schon längst vorbei.

    “ Dieser kleine karierte, aber keinesfalls kleinkarierte Mann bemüht sich derzeit ständig, die Perspektive zu wechseln, wobei ihm die Walt-Disney-Methode hilft: Der Filmemacher soll drei Stühle in seinem Arbeitszimmer gehabt haben, auf die er sich setzte, wenn er seine Ideen überdenken wollte: aus dem Blickwinkel des Träumers, des Kritikers und des Realisten– und so kommt Pelzig zu dem Schluss: „Wer Information für Wissen hält, glaubt auch, dass man After Eight nicht vor acht essen darf.“ Andererseits glaubt Barwasser auch wieder: „Ohne viel Ahnung kann man schnell 'ne Meinung haben.“

    Ist halt alles nicht so eindeutig in dieser postfaktischen Zeit.

    In der Region gastiert Pelzig noch in Aschaffenburg (3. 5., Stadthalle), Veitshöchheim (7. 7., Mainfrankensäle), Bad Neustadt (8. 9., Stadthalle), Bad Mergentheim (7. 11., Kurhaus).

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