• aktualisiert:

    BERLIN

    The Haus: Wo Kunst auf ihr Ende wartet

    Bevor ein Bankgebäude abgerissen wird, haben Künstler es für ein spektakuläres Projekt umgestaltet. Was die Organisatoren „Street Art“ nennen, ist Kunst für alle Sinne.

    Irgendwo in Raum 201 hängen Bilder an den Wänden. Wer zu ihnen vordringen will, muss gefühlt unendlich viele schwarze Stoffbahnen zur Seite schieben, die zwei Finger breit von der Decke baumeln. Besucher, die sich auf die Suche nach den Bildern machen, dürfen sich allerdings nicht verunsichern lassen. Denn vielleicht treffen die eigenen Hände plötzlich auf fremde, die von der anderen Seite nach dem Stoff greifen. Viel weiter als ein paar Zentimeter reicht der Blick in dem dunklen Zimmer nicht.

    Raum 201 ist ein Teil des spektakulären Berliner Kunstprojekts „The Haus“. Künstler aus der Hauptstadt und anderen Ecken der Welt haben 108 Räume eines ehemaligen Bankgebäudes gestaltet. Was die Organisatoren „Street Art“ und „Urban Art“ nennen, ist Kunst für alle Sinne.

    Monotones Rattern von Zügen über Schienen

    Die Besucher gehen über Sand, Mulch, Moos oder zerbrochene Schallplatten, bewegen sich durchs Helle und durch die Dunkelheit, hören das monotone Rattern von Zügen über Schienen, schnuppern indische Duftstäbchen und können gegen Fußbälle treten. Sogar die Toiletten der früheren Bank sind kreativ umgestaltet worden. Doch die Wasserhähne laufen noch, Seifenspender stehen bereit.

    „The Haus“ ist mal witzig, mal unheimlich, gelegentlich obszön und immer zum Staunen. Im Juni wird das Gebäude im alten West-Berlin – zwischen Zoo und KaDeWe – abgerissen und mit ihm verschwindet die Kunst. An der Stelle lässt ein Kölner Immobilienunternehmen Eigentumswohnungen errichten.

     



    Die Firma wandte sich auf der Suche nach einer Zwischennutzung an das Künstlertrio „Die Dixons“. Die drei Berliner schlugen das Projekt vor und trommelten über ein Netzwerk die Leute zusammen. „Wir haben alle angerufen, die wir kennen“, sagt Dixons-Mitglied Jörn Reimers, der sich Jörni nennen lässt.

    In ein paar Wochen werden Haus und Kunstwerke verschwinden

    Dass die Kunstwerke in ein paar Wochen gemeinsam mit dem Haus dem Erdboden gleichgemacht werden, war für die Künstler kein Problem – im Gegenteil. „Genau das war für viele Künstler das Thema“, sagt Reiners. Street Art ist vergänglich, genauso wie „The Haus“. Einige Künstler reisten sogar eigens nach Berlin, um dort einen Raum oder einen Flur gestalten zu können.

    Draußen vor dem Gebäude tigert Reinders Mitstreiter Kimo von Rekowski neben der Warteschlange in der zugigen Straße auf und ab. Wer „The Haus“ besuchen möchte und keine Führung gebucht hat, muss auch an einem Nachmittag unter der Woche eine Stunde warten. Mehr als 200 Leute auf einmal dürfen „The Haus“ nicht betreten.

    Das Projekt zieht alle an. Junge Frauen mit Ringen in der Nase, Familien mit Kindern, elegante Mittvierziger mit teueren Sonnenbrillen, Rucksacktouristen und ältere Herrschaften mit Janker und Steppjacke.

    Etwa 1000 Besucher sind seit der Eröffnung am 1. April pro Tag gekommen. Der Eintritt ist frei, es gibt nur eine Bedingung: keine Handys. Telefone müssen nicht nur in die Taschen, sondern in blickdichte Tüten, die am Eingang verteilt werden. „Wir schenken euch zwei Stunden Freiheit“, ruft Rekowski mit kehliger Stimme.

    Verboten ist nicht nur das Telefonieren, sondern auch das Fotografieren. Beschwert hat sich über diese Regel noch keiner. Die Organisatoren jedenfalls sind überzeugt: Wirklich einlassen auf die Kunst kann sich nur, wer die Räume auf sich wirken lässt, statt Erinnerungsbilder zu sammeln.

    Einige Räume haben beinahe meditative Wirkung

    Tatsächlich haben einige Räume eine fast meditative Wirkung. Im fünften Stock zum Beispiel fällt Licht durch Transparenzpapier in Blau und Pastelltönen. Es rauscht, fast wie am Meer. Wer da stehenbleibt, kann sich dem Trubel der Besucher zum Trotz verlieren.

    Wer es lauter mag und wissen will, wie sich illegales Sprayen anfühlt, kann im vierten Stock ein realistisches Szenario erleben: Dunkelheit, Steine wie in einem Gleisbett, Geräusche vorbeifahrender Züge. In The Haus ist dagegen alles legal gesprüht und geklebt. Nur eine Gruppe wollte es nicht lassen. Noch bevor das Gebäude Anfang Januar die Türen für die Künstler öffnete, gestaltete sie heimlich eine der Wände.

    The Haus, Nürnberger Straße 68/69, 10787 Berlin. Geöffnet bis 31. Mai, Dienstag bis Sonntag 10–20 Uhr. Reservierungen unter www.thehaus.de

     
    Von unserem Redaktionsmitglied Sebastian Mayr

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!