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    KARLSTADT / WÜRZBURG

    Beharren Sie auf handyfreien Pausen, Frau Merwald!

    Die Leiterin des Karlstädter Gymnasiums hat ein Handy-Verbot durchgesetzt und dafür Kritik bekommen. Unsere Redakteurin Gisela Rauch versteht die Kritiker nicht.

    Jutta Merwald Foto: Dieter Gürz

    Sehr geehrte Frau Merwald, bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich in diesem Brief zunächst über Tai Chi spreche und noch nicht übers Handy-Verbot, das Sie, zum Missfallen vieler Schüler und manch unterfränkischer Abgeordneter, am Karlstädter Johann-Schöner-Gymnasium installiert haben.

    Den Umweg über Tai Chi nehme ich deshalb, weil ich gerade einen Würzburger Tai Chi Lehrer über die Bedeutung der Pause habe referieren hören. Der Mann stand im Übungsraum, zentriert im Kern, entspannt bis in die Fingerspitzen, dem Laminatboden zum Trotz über die Fußsohlen tief in der Erde verwurzelt und sprach bedeutungsschwer folgende Worte: „Pause – ist Pause.“ Eine Pause sei nicht dazu da, das weiterzumachen, was man gerade getan habe. Seine Schüler verstanden, dass er sie dazu ermutigen wollte, in ihrer Arbeitspause tatsächlich die Arbeit loszulassen. Im Kopf. Im Körper. Wer in der Arbeitszeit stundenlang den Nacken beuge und den Rücken krümme, der sei gut beraten, dies nicht auch noch in seiner Pause zu tun. So – und jetzt komme ich zum Handy-Verbot an Schulen.

    Handynacken droht auch Kindern

    Stelle ich mir ein Klassenzimmer vor, dann sehe ich Kinder, die den größten Teil des Vormittags sitzen und dabei ihren Kopf gesenkt halten, wenn sie sich einen Text im Englischbuch oder ein Ergebnis im Taschenrechner-Display reinziehen. Schüler haben junge Körper, die viele Jahre lang Fehlhaltungen verzeihen; aber Haltungsschäden drohen ihnen natürlich. Seit der Erfindung von Tablet und Smartphone drohen ihnen diese Schäden mehr als früher, denn viele Kids starren nach den nackenbelastenden Schulstunden in ihrer Freizeit aufs noch stärker nackenbelastende Handy. Mit den Folgen des „Handynackens“ sehen sich denn auch Ärzte bei jungen Leuten konfrontiert: Verspannungen und Kopfschmerzen, Bandscheibenverschleiß.

    Von daher finde ich natürlich ein Handyverbot in der großen Pause gut! Dabei glaube ich nicht mal, dass die Schüler während einer Handy-Zwangspause freudig auf dem Schulhof herumtollen würden. Natürlich nicht; dafür sind sie (mit Ausnahme der Unterstufenschüler) zu cool. Aber vielleicht heben sie den Kopf und gucken sich an. Und reden – gerätefrei.

    Schüler durch Handy unter Gruppendruck

    Nach meiner Erfahrung verleitet das Smartphone Kinder zu vielen, unnötigen What?s-App-Konversationen im Stil von „Und wie?“ „Alles Shit“ „Stimmt“. Dutzende Nachrichten warten, kaum dass das Handy an ist. Und weil da oft auch ein gewisser Gruppendruck mitspielt („Die Lana und die Valeria haben ihr Porträtbild aktualisiert; ich muss unbedingt auch!“) fühlen sich gerade Mädchen verpflichtet, ihre zahlreichen What?s-App-Gruppen zu bedienen. Jungs sehen sich eher in der Pflicht, ihr erreichtes Level bei Handyspielen zu steigern und diesen Spielstand anderen mitzuteilen. Irrsinn? Durchaus.

    Auch hier gebe ich mich nicht der Illusion hin, dass ein Handy-Verbot in der Schule die Handy-Fixierung vieler unserer Kids stoppt. Aber es lockert sie vielleicht. Abgesehen davon glaube ich, dass Schüler dem Unterricht konzentrierter folgen können, wenn sie ihre Pausen nicht dem Handy widmen. Sie sehen, geehrte Frau Merwald, ich bin bei Ihnen, wenn es ums Handy-Verbot geht.

    Haben unterfränkische Abgeordnete das Gesetz wirklich gelesen?

    Die Argumentation einiger unterfränkischer Abgeordneter, die Sie des Handy-Verbots wegen kritisieren, kann ich argumentativ ohnehin nicht nachvollziehen. Es ist ja nicht so, Frau Merwald, dass Sie das Handy-Verbot nach Gutdünken aus dem Hut gezaubert hätten; Sie haben, meines Erachtens zu Recht, nur die zu liberale Handhabung der Ausnahmeregelung vom Handyverbot, die das Schulforum unter Ihrem Vorgänger beschlossen hat, aufgehoben. Es hatte eine maximal einstündige Nutzung des Handys in der Schul-Mittagspause akzeptiert, Sie tun es nicht. Dabei gehen Sie konform mit dem, was das Bayerische Erziehungs- und Unterrichtsgesetz in Artikel 56 Absatz 5 vorschreibt. Zur Beachtung dieser Gesetze sind Sie als Schulleiterin verpflichtet – wobei ich anmerken darf, dass neue Leiter Gesetze oft schärfer auslegen als alte Hasen, die wissen, dass Gesetze auch nur Spiegel ihrer Zeit sind.

    Ginge man fair vor, müsste man nicht auf Sie, sondern nur aufs Handy-Gesetz schauen und drüber sprechen, ob die Regelung des Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes zur Handy-Handhabung noch der Zeit angemessen ist. „Nein“, finden etwa die für digitale Infrastruktur zuständige CSU-Staatssekretärin Dorothee Bär oder auch der Würzburger SPD-Abgeordnete Georg Rosenthal. Beide argumentieren, dass Digitalisierung im Unterricht wünschenswert sei und etwa „bei der Vermittlung von Lerninhalten helfen und nicht verbannt werden“ sollte („Bär).

    Der Witz daran ist, dass das von Rosenthal und Bär kritisierte Gesetz eben diese Nutzung des Handys zu Unterrichtszwecken durchaus zulässt, schon jetzt zulässt. Vielleicht, Frau Merwald, haben Ihre Kritiker das bayerische Erziehungsgesetz ja gar nicht gelesen ....

    Mit besten Grüßen, Gisela Rauch

    Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

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