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    Rom

    Danke für die Menschlichkeit, Papst Franziskus

    Man muss nicht gläubig sein, um Papst Franziskus zu schätzen, meint Susanne Wiedemann. Aber man sollte ihm zuhören. Vor allem, wenn andere christliche Werte beschwören.

    _ Foto: B4844/_Giuseppe Ciccia (Pacific Press via ZUMA Wire)

    Lieber Papst Franziskus, ich hoffe, diese Anrede kommt nicht zu flapsig rüber. Aber nachdem, was man von Ihnen so hört und sieht, legen Sie auf das korrekte „Eure Heiligkeit“ keinen Wert. Wie auch auf Kleidungsstücke mit Hermelinbesatz und rote Slipper – obwohl ich diesen Teil der bisherigen päpstlichen Berufskleidung sehr schick fand. Brustkreuze aus Edelmetall sind auch nicht Ihr Ding. Ihres ist immer noch aus Blech.

    Wahrscheinlich gibt es wenige Vorhaben, die mehr Willen und Entschlossenheit verlangen, als die Dinge einfach mal anders zu machen. Auch wenn etwas schon seit Jahrhunderten so üblich ist, einfach dazugehört oder eben so sein soll. Und weil die Umgebung es so erwartet. „Der Karneval ist vorbei“ – dieser Satz wird als einer der ersten zitiert, die Sie in Ihrem neuen Amt gesagt haben. Hat mir gefallen.

    Wie Ihre Worte neulich an Ostern. Den Segen am Ostersonntag von der Loggia des Petersdomes aus für „urbi et orbi“, die Stadt und den Erdkreis, schaue ich mir so gut wie jedes Jahr im Fernsehen an. Viele Jahre habe ich den Fernseher vor allem der schönen Bilder wegen angeschaltet. Die Kolonnaden von Bernini, die Kuppel von Michelangelo, der Obelisk im Zentrum des Petersplatzes, im Hintergrund die Engelsburg. Pinien am Horizont, meist blauer Sehnsuchtshimmel. Wunderschön.

    Der religiöse Aspekt hat mich dagegen kaum interessiert. In der Wahrnehmung meiner Jugend war Kirche, vor allem die katholische, für mich in erster Linie ein Instrument der Unterdrückung, ein Machtapparat. Kein Ort der Spiritualität, der geistigen Anregung, der Sammlung oder des Trostes. Da war für mein Empfinden oft zu viel Bigotterie und Selbstgefälligkeit, gepaart mit Hartherzigkeit bei den sogenannten Gläubigen mit im Spiel. Hat mir nicht gefallen.

    Seitdem Sie Papst sind, schalte ich für „urbi et orbi“ den Fernseher ein, weil ich neugierig bin, was Sie sagen werden. Wie Sie auf die Probleme in der Welt eingehen, was Sie Menschen mitgeben, seien sie gläubig oder nicht. Und darauf, wie Sie es sagen werden. Mit Emotion, Herzlichkeit, Anteilnahme und mit einem ehrlichen Lächeln. Sie erinnern an das Leid von Flüchtlingen – offensichtlich definieren Sie im Gegensatz zu vielen Leuten, die Ihrer Kirche angehören oder sich im Wahlkampf auf den christlichen Glauben berufen, Menschen nicht nach ihrer Religion. Sie scheinen auch nicht die im politischen Kontext jetzt oft auftauchende Meinung zu vertreten, dass Nächstenliebe und Barmherzigkeit Gebote sind, die nur unter Christen gelten. Und auch nur dann, wenn dadurch nicht irgendjemandes Gewinn geschmälert wird und der Barmherzigkeitsempfänger den moralischen Ansprüchen des Barmherzigkeitsgebers genügt.

    In den USA scheint genau das in diesen Tagen die Definition von Christlichkeit zu sein. Oder was sonst treibt den republikanischen Abgeordneten an, der Essensmarken für Bedürftige abschaffen will und das mit einem Bibelzitat begründet: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen?“ Sie, Papst Franziskus, sprechen sich, wie auch jetzt an Ostern, im Gegensatz dazu ebenso deutlich für Barmherzigkeit und gegen Terror, Gewalt und Krieg aus. Egal, wer die Opfer sind, welcher Religion sie angehören, woher sie kommen. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Das zeigen die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen, die die christlichen Wurzeln Frankreichs beschwört; Donald Trump, der christliche Werte schützen und verteidigen will; oder die AfD, die die abendländische und christliche Kultur erhalten will. Ihnen allen ist aber Herkunft und Religionszugehörigkeit wichtiger als Nächstenliebe.

    Deswegen ist mir dieser Brief wichtig. Mir ist bewusst, dass auch und gerade im Vatikan viele Würdenträger ganz und gar nicht mit Ihrer Linie einverstanden sind. Wie übrigens nicht wenige konservative Laien draußen. Mir ist auch bewusst, dass Sie Missstände wie die institutionelle Ungleichheit von Mann und Frau zum Beispiel nicht einfach so werden abschaffen können. Vielleicht wollen Sie das auch gar nicht.

    Aber unabhängig von all den politischen, liturgischen, bürokratischen Streitpunkten, die zu diskutieren ich lieber fleißiger praktizierenden Katholiken überlassen möchte, ist Ihnen schon eines gelungen: Katholische Kirche hat neuerdings auch für mich tatsächlich wieder etwas mit echter Spiritualität, echter Einkehr und eben auch echter Barmherzigkeit zu tun. Dafür möchte ich Ihnen ebenso danken wie für die richtungweisende Wahl Ihres Namens als Papst. Der heilige Franziskus steht für vieles, was heute nicht mehr besonders hoch im Kurs steht. In Zeiten, in denen viele angesichts der Verknöcherung der Amtskirchen ihr Heil in fernöstlichen Weisheiten suchen, hätte er einiges beizutragen. Wie zum Beispiel diesen Rat, der klingt, als sei er auf unsere Zeit gemünzt: „Tu zuerst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche.“

    Mit dankbaren Grüßen

    Susanne Wiedemann, Redakteurin

    Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

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