• aktualisiert:

    SAMSTAGSBRIEF

    Die Lottoziehung muss zurück ins Fernsehen!

    Samstag ist Lotto-Tag! Und damit auch: Glücksfee-Tag. Franziska Reichenbacher macht das perfekt, darf die Zahlen nur noch vorlesen - das will unser Autor wieder ändern.

    ARCHIV - "Lottofee" Franziska Reichenbacher schaut im Studio des Hessischen Rundfunks im Maintower in Frankfurt durch di... Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

    Man soll ja bekanntlich jedem Tag die Chance geben, der Schönste des Lebens zu werden. Was nett gesagt, im Alltag dann aber doch kaum durchzuhalten ist. Immerhin: Samstag ist so ein Chancen-Tag. Millionen Menschen hoffen Woche für Woche auf den vielleicht erhabensten Moment ihres Lebens: Lotto-Tag! Und damit auch: Glücksfee-Tag.

    Womit wir bei Ihnen wären, liebe Franziska Reichenbacher. Auch wenn die Chancen auf den großen Wurf eher schlecht stehen – um genau zu sein: für einen Sechser mit Zusatzzahl fast 1:140 Millionen – tut das der allgemeinen Zuneigung für Sie als Deutschlands bekannteste Glücksfee kein bisschen Abbruch. Im Gegenteil: Sie lächeln die blöde Statistik einfach weg. Sie schaffen es, dass unsereins hoffnungsfroh gestimmt und fest im Glauben ist, dass sich die Statistik endlich in Staub auflösen möge. Oder dass wenigstens ein netter Fünfer winkt, den es ja schon im Verhältnis 1:60 223 gibt.

    Wenn man sich, liebe Franziska Reichenbacher, eine Glücksfee schnitzen müsste, würden exakt Sie dabei herauskommen. Und das, obwohl der Schatten ihrer Vorgängerin kaum länger hätte sein können. Bei den nichts so ganz Spätgeborenen hat sich Karin Tietze-Ludwig derart auf der Festplatte eingebrannt, dass die Nachfolgerin eigentlich keine Chance hatte. Aber genau die haben Sie genutzt. Sie sind – nach nunmehr auch schon wieder fast 20 Jahren – selbst zur Institution geworden. Einhunderneunundsiebzig Zentimeter Glücksversprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie jemanden nicht mag, liegt bei etwa 1:140 Millionen.

    Seit Januar 1998 moderieren Sie mit der Ziehung der Lottozahlen die vielleicht spannendste Sendung im deutschsprachigen Fernsehen. Sie sprechen den Tippern Mut zu, reichen den Daumen zum gemeinsamen Drücken. Um so unverständlicher, dass die ARD Ihnen so übel mitgespielt hat. Bis Mitte 2013 gab es die Ziehung der Lottozahlen live im Fernsehen zu sehen. Direkt aus dem 53. Stock des Main-Towers hoch über Frankfurt, dem höchstgelegenen Fernsehstudio Europas. Doch statt auf die Sendung stolz zu sein, wanderte die Ziehung schnöde ins Internet. Seither darf unsere liebste aller Feen nur noch drei Minuten kurz vor der Tageschau ab 19.57 Uhr die Zahlen brav aufsagen. Aber selbst das machen Sie mit Charme – hier zeigt sich denn auch die wahre Lotto-Königin.

    Keine Ahnung, was die ARD da vor fünf Jahren beim Wegschieben ins Internet geritten hat. Angeblich war die Ziehung alt und verstaubt. Und keiner habe mehr geguckt. Aber mal ehrlich: Mit Spartensendungen wie „Börse vor acht“ werden wir zugemüllt – aber für die Lottozahlen ist kein Platz mehr? Und bitte: Hat nicht erst die ständige Verschiebung des Sendeplatzes – mal kurz vor acht, mal irgendwann nach 22 Uhr – dafür gesorgt, dass eine Fernseh-Institution beschädigt wurde?

    Nur so am Rande: In der ehemaligen DDR war die Lotto-Ziehung des VEB Vereinigte Wettspielbetriebe sogar eine Unterhaltungssendung. Da gab es mit „Tele-Lotto“ eine 20-minütige Show. 26 Jahre lang wurde sonntags um 19 Uhr eines der erfolgreichsten Fernsehformate ausgestrahlt. Der Clou war, dass sich hinter jeder gezogenen Zahl ein kleines Filmchen versteckte. Spaß und Spannung – ein telegenes Überraschungsei.

    Im Westen war die Ziehung, die im September 1965 erstmals ausgestrahlt wurde, um einiges nüchterner. Dafür gab es einen Satz für die Ewigkeit: „Der Ziehungsbeamte hat sich vor der Ziehung vom ordnungsgemäßen Zustand des Ziehungsgerätes und der Kugeln überzeugt!“ Geballte Prosa. Hätte es zu Goethes Zeiten schon Lottoziehungen gegeben – „Faust“ wäre ohne diesen Satz undenkbar gewesen.

    So etwas konnte wirklich nur das Land der Dichter, Staatsdiener und Glücksspieler hervorbringen. Generationen konnten diesen Satz auswendig, der Halt gab. Ein wohliges Gefühl, ein Versprechen: Da geht alles mit rechten Dingen zu! Wenn es überall im Leben so wäre! Ein Hoch auf den Aufsichtsbeamten!

    Aber ich schweife ab. Liebe Frau Reichenbacher, wir machen das so: Lassen Sie uns die Initiative „Lottoziehung zurück ins Fernsehen!“ gründen. Ich sammle schon mal Unterschriften für die Wiedereinführung. Sie werden sehen: Wir sind viele! Kann also nicht mehr lange dauern. Ich persönlich erwarte mir übrigens nicht unbedingt eine Sonderbehandlung samt erhöhter Gewinnchancen von Ihnen – ich will einfach, dass Sie wieder die Sendung bekommen, die Ihnen zusteht! Wir schaffen das!

    P. S.: Liebe Franziska Reichenbacher, ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass ich eingefleischter Dauerschein-Tipper bin. Unter uns: Meine Zahlen sind 3, 12, 13, 16, 23 und 41. Die wurden zwar bei der allerersten Ziehung in Deutschland am 9. Oktober 1955 schon mal gezogen – aber beim Lotto man weiß ja nie.

    Mit freundlichen Grüßen

    Frank Weichhan, Redakteur

    Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

    Jede Woche lesen Sie auf der Meinungsseite am Wochenende unseren „Samstagsbrief“. Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Figur des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An eine Person, der wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert wird der „Samstagsbrief“ sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der „Samstagsbrief“ ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen Samstagsbriefen hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den Samstagsbrief zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

    Weitere Artikel

    Kommentare (1)

    Kommentar Verfassen

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!