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    BERLIN

    Es geht nicht um Anmache, sondern um Macht, Herr Brüderle

    Der damalige FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle galt als Sexist. Redakteurin Gisela Rauch schreibt ihm mit Blick auf die #MeToo-Debatte.

    Der Samstagsbrief geht an Rainer Brüderle Foto: Christian Charisius (dpa)

    Sehr geehrter Herr Brüderle,

    Nicht Harvey Weinstein. Nicht Dieter Wedel. Sondern – Rainer Brüderle! Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber der Name, der Journalistenkollegen zuerst einfällt, wenn es um sexuelle Belästigung von Frauen geht, ist Ihrer. Obwohl die Geschichte fünf Jahre zurückliegt, verknüpfen die Kollegen den Namen „Brüderle“ weniger mit „FDP“ als mit „Dekolleté“. Offenbar hat sich die Szene an der Bar des Stuttgarter Maritim-Hotels, wo Sie einer jungen Reporterin erklärten, sie könne ein „Dirndl auch ausfüllen“, unauslöschbar in Journalistenhirne eingegraben. Ist ja auch klar, warum. Weil die Reporterin ihre nächtlichen Barerlebnisse mit Ihnen aufschrieb, wurden Sie zur „Stern“-Skandal-Geschichte. Sie wurden zum Auslöser der ersten deutschen Sexismus-Debatte. Zeitgleich berichteten Frauen auf Twitter unter #Aufschrei über Missbrauch und Sie, Herr Brüderle, kamen in der aufgebrachten Öffentlichkeit damals durchaus als „Sex-Täter“ rüber.

    Warum ich darauf herumreite? Weil in Deutschland die zweite Sexismus-Debatte hochkocht. Begonnen hat #MeToo mit Vorwürfen gegen den US-Filmproduzenten Weinstein, gewandert ist die Debatte in viele europäische Länder; mit Vorwürfen gegen den deutschen Filmproduzenten Wedel brodelt sie jetzt endgültig in Deutschland. Sollte es stimmen, dass Wedel Schauspielerinnen vergewaltigt hat, muss er natürlich zur Rechenschaft gezogen werden. Genauso richtig ist es, sexuellen Missbrauch in der Filmszene zu beleuchten. Oder in der Politik. In Unternehmen und Kirchen. Weil #MeToo Frauen ermutigt, sexuellen Missbrauch anzuzeigen, den sie zuvor aus Angst, aus Scham, verschwiegen und tief in ihrer Seele vergraben haben, ist #MeToo wichtig.

    Das Problem der aktuellen Sexismus-Debatte aber ist die Undifferenziertheit der Beiträge; darin unterscheidet sich diese Debatte leider nicht von jener von vor fünf Jahren. Dämliche Anmachversuche, wie Ihrer, Herr Brüderle, einer war, Anmachversuche also, die Frauen durchaus verbal kontern könnten und sollten, werden vermengt und unzulässigerweise auf eine Stufe gestellt mit wirklichem Sexismus und mit strafrechtlich relevanten Vergehen. Das hat in der Gesellschaft Folgen, die dem gedeihlichen Zusammenleben von Männern und Frauen nicht förderlich sind.

    „Was dürfen wir eigentlich noch?“, fragen sich viele Männer. Ist es schon sexistisch, wenn ich das eng anliegende Kleid der Nachbarin bewundere? Wenn ich ihre Figur lobe? Sollte ich – aus Angst vor Anprangerung – nicht mehr gucken und mehr schweigen?

    Diesen Gedanken verfolgt auch die französische Schauspielerin Catherine Deneuve. Gemeinsam mit anderen prominenten Frauen aus Frankreich warnt sie vor einem „Klima der totalitären Gesellschaft“ und führt aus, dass die Debatte das Verhältnis von Frau und Mann auf Gewalt reduziere. „Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Delikt“, heißt es in einem Gastbeitrag in der französischen Zeitung „Le Monde“ zu #MeToo. Deneuve verteidigt eine „Freiheit, jemandem lästig zu werden, die für die sexuelle Freiheit unerlässlich ist“. Darin hat sie Recht. Natürlich gibt es zwischen Männern und Frauen Anziehung – manchmal halt nur einseitige Anziehung. Nur weil ein Anmachversuch blöd ist, ist der Anmacher kein Sex-Täter. Und das gilt auch für Sie, Herr Brüderle. Dass Sie damals in der Öffentlichkeit zum Gesicht von männlichem Sexismus wurden, war falsch.

    Deneuve argumentiert, dass erwachsene Frauen stark genug sind und sein müssen, Grenzen zu ziehen. In diesem Sinn: Die Journalistin, deren Dekolleté Sie damals anstarrten, hätte Ihr Verhalten benennen, verspotten, zurückweisen können. Passiert wäre ihr nichts.

    Wirklicher Sexismus ist anders. Dabei geht es nicht um Anmache, sondern immer um Macht. Ein Politiker, der einer jungen Journalistin aufs Dekolleté starrt, ist lästig. Aber zum Sexisten, zum Missbraucher wird er erst dann, wenn er hingreift – und dabei ausnutzt, dass sie ihn nicht abwehren kann. Weil er ihr Chef ist und sie von ihm abhängig. Weil er ihr den Job, den sie braucht, die Karriere, die sie anstrebt, geben – oder auch nehmen kann.

    Nach der Erfahrung von SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles ermöglicht das auch in Deutschland deutliche Machtgefälle zwischen Männern und Frauen Sexismus: „Immer wenn ich es in ein Gremium geschafft hatte, stellte ich fest: Es gibt ein noch höheres, informelles Gremium, in dem Männer die Entscheidungen unter sich treffen“.

    Die patriarchalen Strukturen aufzubrechen, dafür zu sorgen, dass Männer nicht mehr so viel Macht haben, Frauen zu schaden – darum muss es gehen. Ich hoffe, Herr Brüderle, das ist Ihnen als Präsident des Bundesarbeitgeberverbands für private Pflege ein besonderes Anliegen.

    Mit besten Grüßen

    Gisela Rauch, Redakteurin

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