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    BERLIN

    Frau Petry, Sie erinnern mich an Bernd Lucke!

    Die AfD-Chefin kokettierte mit ihrem Rückzug aus der Partei. Ob sie tatsächlich hinwirft, ist fraglich. Redakteur Benjamin Stahl hat aber ein Déja-vu.

    Die AfD-Chefin kokettierte mit ihrem Rückzug aus der Partei. Ob sie tatsächlich hinwirft, ist fraglich. Redakteur Benjam... Foto: Oliver Killig (dpa-Zentralbild)

    Sehr geehrte Frau Petry, ich habe lange überlegt, ob ich Ihnen an dieser Stelle schreiben soll. Denn es ist doch regelmäßig so: Die AfD formuliert einen schlagzeilentauglichen Satz, wartet, bis Medien und politische Gegner den Köder geschluckt haben, und rudert auf dem Gipfel der Empörung und Aufmerksamkeit zurück: „Das haben die Systemmedien sich ausgedacht“, „Da wurden wir absichtlich falsch verstanden“, „Ich wollte das nicht schreiben, ich bin auf der Maus ausgerutscht“. Als Journalist stellt man sich dann die Frage, ob man Ihrer Partei ein zu großes Forum geboten hat – und ärgert sich, wenn man zu dem Schluss kommt, dass jedes Wort zu viel war, das man über den kalkulierten AfD-Skandal, der doch nicht mehr war als eine Inszenierung, geschrieben hat. Wenn man über – oder wie in diesem Fall an – Sie schreibt, sollte man daher immer ein Petry-Zitat präsent haben: Man müsse Politik als Spiel entlarven, als „Theater“. Das sagten Sie jüngst dem „Tagesspiegel“.

    Ich habe mich also für diesen Brief entschieden. Denn was sie dem „Tagesspiegel“ sonst noch gesagt haben, könnte zwar erneut Teil einer Inszenierung sein, die eigentlich kein Wort wert wäre. Doch diesmal könnte Ihr mutmaßliches Theater näher an der Realität sein, als Ihnen lieb ist.

    Ihre Aussage, die am Donnerstag durchs politische Dorf getrieben wurde, lautete: „Weder die Politik noch die AfD sind für mich alternativlos.“ Sie sagen das im Wahljahr. In einer Phase, in der Ihre Partei, deren Kandidaten in Gedanken schon ihre Abgeordnetenbüros einrichten, einmal mehr im Machtkampf versinkt und in Umfragen verliert. Natürlich begannen Journalisten zu analysieren, was Sie, Frau Petry, denn gemeint haben könnten. Erwägen Sie tatsächlich einen Rückzug? Oder wurden Ihre Worte zu stark zugespitzt? Oder war das Ganze eine verklausulierte Drohung an Ihre parteiinternen Gegner? Und natürlich meldeten sich auch Politiker anderer Parteien zu Wort. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sprach davon, dass Sie ein sinkendes Schiff verlassen. Sie selbst ließen am Donnerstag über Vertraute mitteilen, dass an einem geplanten Rückzug „nichts dran“ sei.

    Alles wie immer irgendwie. Überraschend war aber, dass es in der AfD keinen Aufschrei gab. Die große Mehrheit der Parteifunktionäre schwieg. Wenn Sie mit Ihrem lauten Nachdenken über einen Rückzug testen wollten, wie fest Ihre Partei noch hinter Ihnen steht, war das Schweigen eine eindeutige Antwort. Ich frage mich, ob Sie schon in Erwägung gezogen haben, dass es gar nicht Sie selbst sind, die über Ihre Zukunft in der AfD entscheidet. Wissen Sie, an wen Sie mich seit Monaten erinnern? An Bernd Lucke. Auch er hielt sich seinerzeit für das unersetzbare Gesicht der AfD. Und auch er hatte die Dynamik der eigenen Partei völlig falsch eingeschätzt.

    Nicht einmal zwei Jahre ist es her, dass Sie auf dem Parteitag in Essen dafür gesorgt haben, dass der AfD-Gründer auf dem Chefposten von Ihnen abgelöst wurde und die Partei verließ. Damals galten Sie noch als Kopf der rechten Strömung der AfD, Lucke war der Moderate. Nun sind Sie – das klingt verrückt – die Parteilinke und wurden längst rechts von Björn Höcke überholt. Es ist Ironie der AfD-Parteigeschichte: Vor zwei Jahren war es noch Höcke, der mit seiner rechtsnationalen Anhängerschaft als Ihr Königsmacher auftrat, indem er sich gegen Lucke stellte.

    Jetzt ist er es, der am eifrigsten an Ihrem Thron sägt – mit tatkräftiger Unterstützung. Nicht nur von Mitgliedern der Parteispitze wie Alexander Gauland oder Jörg Meuthen. Sondern auch von der Basis.

    Vor gut zwei Jahren waren die Profile von AfD-Kreisvorsitzenden in den sozialen Netzwerken voll mit Fotos, auf denen sie stolz mit Bernd Lucke posierten. Viele von ihnen buhten ihn Wochen später in Essen von der Bühne und riefen „Petry heil!“. Dieselben Personen sind seitdem mit Ihnen auf Fotos zu sehen – hinter Ihnen stehen Sie aber längst nicht mehr.

    Sie wissen das. Denn zuletzt mussten Sie viele Niederlagen einstecken. In Niedersachsen wurde Ihr Rivale Armin Paul Hampel erneut zum Landeschef gewählt – Ihr Favorit scheiterte. In Bayern schaffte es Ihr Vertrauter Petr Bystron nicht auf Platz eins der Bundestagswahlliste. Und auf dem jüngsten Parteitag Ihres Landesverbands Sachsen wurden Sie so heftig angegangen, dass Ihnen die Tränen kamen.

    Vor diesem Hintergrund klingen die Rücktrittsspekulationen plausibel. Zumal Sie doch sicher auch zweifeln, ob Sie sich den Strapazen eines Wahlkampfes aussetzen sollten. Schließlich sind Sie hochschwanger. Doch egal, was hinter Ihren Worten steckt – eines haben Sie gezeigt: Sie sind angezählt, Frau Petry. Aus der Stärke heraus würde kein Politiker im Wahljahr sein eigenes politisches Aus ins Spiel bringen. Auch hier erinnern Sie mich an Bernd Lucke. Nur Wochen vor seinem Sturz von der Parteispitze kokettierte auch er öffentlich mit seinem Rückzug.

    Mit freundlichen Grüßen

    Benjamin Stahl, Redakteur

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