• aktualisiert:

    SAMSTAGSBRIEF

    Herr Fröhlich, schaffen Sie den Videobeweis wieder ab!

    Wird der Fußball in der Bundesliga durch die Einführung der Videoanalyse gerechter? Nein, sagt Achim Muth und rät dem Chef der DFB-Schiedsrichter: Weg damit!

    _ Foto: Christian Charisius (dpa)

    Sehr geehrter Herr Fröhlich, nein, ich weiß nicht, wo Ihr Auto steht. ;-) Sie müssen jetzt vielleicht auch schmunzeln. Sie kennen als Schiedsrichter diesen Refrain wie viele andere, die auf den Holperfußballplätzen der Amateurvereine sozialisiert worden sind so wie ich. Dabei ist das Thema gar nicht so lustig. Denn es handelt sich beim Gesang „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht . . .“ zur bekannten „Resi, I hol di mit'n Traktor ab“-Melodie eher um ein Synonym der ernsten Bedrohungslage, der sich Fußball-Schiedsrichter hierzulande Woche für Woche ausgesetzt sehen. Die Übersetzung des Liedes lautet also: Ey, Schiri! Wenn Du nicht richtig pfeifst, kannst Du Deine Karre zerkratzt mit nach Hause nehmen.

    1,6 Millionen Spiele jährlich

    1,6 Millionen offizielle Spiele finden jedes Jahr unter dem Dach des DFB statt – das sind unglaubliche 4400 pro Tag. Etwa 75 000 Schiedsrichter sorgen hierzulande mit dafür, dass dieser gigantische Spielbetrieb am Leben erhalten wird. Dafür zunächst einmal, stellvertretend an Sie als Chef der DFB-Schiedsrichter, ein dickes Dankeschön. Die allermeisten pfeifen ja in ihrer Freizeit und für eine geringe Aufwandsentschädigung.

    Ein Miniminijob sozusagen. Dabei ist es ja nicht vergnügungssteuerpflichtig, sich Woche für Woche mit der Trillerpfeife diesem Hagel an Beschimpfungen auszusetzen, der auf einen Schiedsrichter einprasseln kann.

    Wer je ein Spiel an der Seitenlinie eines Kreisklassisten verfolgt hat, weiß, wovon ich schreibe.

    Dr. Jekyll und Mr. Hyde

    So ein Kick kann aus einem Mr. Jekyll schnell einen Mr. Hyde machen, da mutieren sonst friedliebende Menschen auf den Zuschauerrängen zu finsteren Rabauken. Ich habe erlebt, wie Schiedsrichter bedroht wurden durch auf den Platz stürmende Zuschauer mit Bierflasche in der Hand. Oder Jugendspiele! Nichts geht ja über die vollkommen entfesselt lodernde Leidenschaft, mit der Mütter und Väter die sportlichen Auftritte ihrer Kinder verfolgen. Das Gekeife am Rande erinnert bisweilen an Kriegsgeschrei. Oft mitten im Fadenkreuz: Der Schiedsrichter. Es soll Unparteiische geben, die das Ende eines Spiels in den Fluten des Mains erlebt haben – hineingeschubst durch Zuschauer, die mit den Entscheidungen des bedauernswerten Tropfs nicht einverstanden gewesen waren. Aber: Welche Entscheidung ist richtig? Welche falsch? Herr Fröhlich, Sie ahnen jetzt wahrscheinlich, worauf ich hinaus will. Richtig. Der Videobeweis. Oder, wie es viele Beobachter jetzt schon nennen: Videomurks.

    Fußball ist ein simples Spiel

    Sie wurden nun vom DFB als Krisenmanager installiert, der nach der dilettantischen Einführung der neuen Regelung in der Bundesliga jetzt retten soll, was noch zu retten ist. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ich bin kein Freund dieser Videoanalyse in der jetzigen Form, ich finde, sie gehört eingestampft und will Ihnen gerne erläutern, weshalb. Fußball ist ein simples Spiel. Die Faszination für Milliarden Menschen weltweit liegt auch darin begründet, dass jeder es spielen kann, jeder leicht die Regeln versteht. Was nicht heißt, dass es keine Diskussionen über Entscheidungen gibt – aber ich behaupte: Sie gehören einfach dazu. Der Fußball lebt von diesen Debatten über falsch oder richtig. Sei es an den Stammtischen, in den TV-Shows oder in den Kommentaren der Zeitungen.

    Anfälliger für Manipulation

    Es ist ein Irrglaube zu denken, der Videobeweis würde den Fußball gerechter machen. Wobei ich auch bezweifle, dass dies die einzige Absicht ist. Denn der Fußball ist ja nicht nur die größte verbandsorganisierte Sportbewegung in Deutschland. Er ist auch eine fette Industrie. Allein die Summe für die Medienrechte der Bundesliga verdoppelte sich in den vergangenen zehn Jahren auf 835 Millionen Euro in der Saison 2016/17.

    Klubs haben vor allem auch ein wirtschaftliches Interesse, in der Bundesliga zu bleiben. Viele Vereine fühlen sich ja chronisch benachteiligt von Entscheidungen und hoffen deshalb auf den Videobeweis.

    Es herrscht Verwirrung

    Doch gerechter geworden ist der Fußball mit der Einführung des Videobeweises in der Bundesliga keineswegs. Eher herrscht Verwirrung. Zudem sind durch die Videoassistenten und den Supervisor noch mehr Menschen an entscheidender Stelle eines Spiels beteiligt – was die Anfälligkeit für Manipulation schon rein rechnerisch erhöht. Durch die Jury am Bildschirm wird den Schiedsrichtern auf dem Feld, die ja weiter die Hoheit über das Spiel haben sollen, nur noch mehr Druck gemacht. Sie werden häufiger die Videoanalyse zu Rate ziehen und dadurch den Spielfluss killen. Oft sind ja entscheidende Szenen wie bei einem Foul- oder einem Handspiel auch nach zehnmaliger Wiederholung in Zeitlupe nicht einwandfrei zu entscheiden.

    Menschen machen Fehler

    Deshalb: Moderne Technologie gerne – ähnlich wie beim Hawk-Eye im Tennis – bei der Frage, ob ein Ball die Torlinie überquert hat oder nicht. Aber die Videoüberwachung des gesamten Spiels in Hinterzimmern sollte schnell ein Ende haben. Zum Fußball gehören Menschen. Und Menschen machen Fehler.

    Lade TED

    Ted wird geladen, bitte warten...

    Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

    Jede Woche lesen Sie auf der Meinungsseite am Wochenende unseren „Samstagsbrief“. Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Figur des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An eine Person, der wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert wird der „Samstagsbrief“ sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der „Samstagsbrief“ ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen Samstagsbriefen hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den Samstagsbrief zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

    Weitere Artikel

    Kommentare (3)

    Kommentar Verfassen

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!