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    WÜRZBURG

    Lieber Grüner Punkt, mach den Gelben Sack „great again“!

    Er reißt, und reißt, und reißt. Der Gelbe Sack ist ein dünnhäutiges Ding geworden. Und wir ärgern uns mit ihm herum. Dabei zahlen wir Verbraucher gut für den Grünen Punkt.

    ARCHIV - Gelbe Säcke stehen an einem Grundstück zur Abholung bereit am 11.03.2014 in Sieversdorf (Brandenburg). Foto: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild)

    Lieber Grüner Punkt, eigentlich könnten wir gute Freunde sein. Schließlich befreist Du mich vom Verpackungsmüll. Du warst sogar ein Vorreiter bei der Verwertung von Verkaufsverpackungen, als Du 1990 als erstes duales System auf dieser Welt losmarschiert bist. Innovativ. Löblich. Feine Sache. Der Vorreiter der Kreislaufwirtschaft. Und heute – nach über 25 Jahren – bist Du immer noch ein führender Anbieter von Rücknahmesystemen.

    Es könnte alles gut sein – wenn da nicht diese Problematik mit Deinem Gelben Sack wäre. Dieses immerwährende Ärgernis. Zu Anfang waren die Dinger, wenn mich die Erinnerung nicht ganz trügt, noch einigermaßen stabil und taten das, wofür sie da sind: etwas aushalten. Ich will nicht von reißfest reden – aber es ging schon in die Richtung. Sagen wir es mal so: Die Säcke erfüllten ihren Zweck.

    Das hat sich geändert. Die Verpackungen sind ein gelbes Nichts geworden, das sich durch ungehemmte Reißfreudigkeit auszeichnet. Noch etwas dünner, und man hätte nichts mehr in der Hand. Ein Dauerärgernis. Ein Nervsack. Einmal scharf Hingucken – schon kaputt. Die heutige Gelbe-Sack-Generation reißt aus Prinzip. Vermutlich läuft ein heimlicher Wettbewerb, wer den dünnsten Sack herstellt.

    Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft mir schon das zarte Gelb gerissen ist. Und ich kann es erst recht kaum in Worte fassen, wie mich das zur Weißglut bringt. Wahrscheinlich halten mich die Nachbarn längst für Rumpelstilzchen. Weil ich seltsame Tänze aufführe, wenn sich – nach einem Ratsch – der ganze Kladderadatsch vor mir auf die Straße ergießt. Ich weiß genau, wer alles hinterm Fenster steht und aufpasst, in welchen Geschmacksrichtungen ich denn meinen Joghurt mag.

    Wenn wir schon mal dabei sind: Ebenfalls verdrießlich ist, dass diese gelben Schlaffi-Säcke auch noch rationiert werden. Ich bekomme genau zwei Rollen pro Jahr – und dann muss man gucken, wo man den Rest des Jahres bleibt. Früher war automatisch Nachschub da. Heute jagt man wie bekloppt hinter den Sack-Rollen her. Mit dem Wissen, dass die Hälfte der Säcke mich doch wieder zum Rumpelstilzchen werden lässt. In ihrer Sack-Not sind inzwischen übrigens nicht wenige Menschen auf die Idee gekommen, immer zwei Säcke auf einmal zu nehmen, damit Joghurtbecher & Co. einigermaßen unfallfrei transportiert werden können – daran lässt sich gut ablesen, wie weit wir gekommen sind.

    Übrigens, lieber Grüner Punkt, rate mal, warum es mich nicht überrascht hat, als ich gelesen habe, dass Deine Gelben Säcke in China hergestellt werden? Wenn ich eine Bitte äußern dürfte: Mach den Gelben Sack „great again“! So stabil, wie er mal war. Wie es sich gehört. Damit er seine Aufgabe erfüllen und mehr als dreieinhalb Joghurtbecher mit Erdbeergeschmack aufnehmen kann. Geht das?

    Zumal man ja auch sagen muss, dass man die Verpackung nicht kaputtsparen müsste, schließlich sind hier Milliarden von Euro im Spiel. Da willst Du mir, lieber Grüner Punkt, nicht wirklich sagen, dass da nicht handelsübliche, brauchbare, akzeptable Säcke drin sind?

    Wenn das so wäre, stünde es nicht gut um Dich. Zumal Du ja sowieso seit einiger Zeit mächtig in der Kritik stehst. Wenn man sich näher mit Dir beschäftigt, wird es schnell kompliziert. Und es ist erstaunlich, wer Dich alles weghaben will. Vielleicht ja auch, weil es schon komisch anmutet, wenn man erst einmal Plastik herstellen muss, um Plastikmüll einzusammeln. Und dann ist da weiterhin eine große Unklarheit, was eigentlich in den gelben Sack alles gehört und ob der Plastikblumentopf eigentlich Verpackung ist?

    Man glaubt ja gar nicht, wer alles an Dir herumnörgelt: Viele Kommunen rümpfen die Nase und sagen, Du bist zu teuer und zu kompliziert. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) will Dich lieber heute als morgen abschaffen. Weil der Verbraucher, so argumentiert der Verband, jährlich 120 Millionen Euro vorneweg zahlen muss, ohne dass auch nur ein Gelber Sack eingesammelt worden sei. Geld, das wir Verbraucher über den Verkaufspreis zahlen – Schätzungen gehen von ein bis zwei Cent pro Verpackung aus.

    Die Kritiker sagen, Du machst inzwischen die ökologische Bilanz der Verpackungsentsorgung in Deutschland schlecht. Mülltrennung schlecht für die Umwelt – ein schlechter Witz.

    Was sich auch nicht gut anhört, sind Deine Besitzverhältnisse: Das Non-Profit-Unternehmen ist längst Geschichte. Heute muss man studiert haben, um herauszubekommen, wie verschachtelt bei Dir alles ist und welche Investorengruppe Dich gerade besitzt. Klingt ein bisschen so, als würdest Du selber bald in die Abfalltonne geklopft werden und der Gelbe Sack irgendwann der Vergangenheit angehören. Aber das kennst Du ja: Am Ende ist eben alles Müll.

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