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    WÜRZBURG

    Mr. Zuckerberg, tun Sie mehr gegen Lügen und Hetze auf Facebook!

    Der Fall Anas Modamani zeigt: Facebook tut zu wenig gegen Hass und Fake News. Deshalb schreibt Michael Czygan jetzt an Mark Zuckerberg, den Gründer des Netzwerks.

    Der Fall Anas Modamani zeigt: Facebook tut zu wenig gegen Hass und Fake News. Deshalb schreibt Michael Czygan jetzt an M... Foto: Esteban Felix (AP)

    Sehr geehrter Mark Zuckerberg,

    haben Sie von Anas Modamani gehört? Ich fürchte, nein. Aber ich finde, Sie sollten ihn kennen. Damit Sie ihn und seine Sorgen verstehen. Modamani ist der 19-jährige syrische Flüchtling, der seit Monaten bei Facebook, auf den Seiten ihres Unternehmens, übel verleumdet wird. Ausländerfeinde bringen ihn mit dem Terror in Brüssel und Berlin sowie mit dem Brandanschlag auf einen Obdachlosen in Verbindung. Nur deshalb, weil er sich im Freudentaumel nach der Ankunft in Deutschland vor fast anderthalb Jahren mit Bundeskanzlerin Angela Merkel fotografiert hat.

    All die Anschuldigungen sind erstunken und erlogen. Modamani will eigentlich nur in Frieden leben, Deutsch lernen, Geld verdienen, vielleicht eines Tages studieren. Aber er hat Angst, dass es Leute gibt, die die Behauptungen glauben – nicht zuletzt, weil sie Facebook für ein seriöses Medium halten.

    Seinen Versuch, Ihr Unternehmen zu verpflichten, die hundertfach im Netz verbreiteten Verleumdungen herauszufiltern und konsequent zu löschen, hat das Landgericht Würzburg dieser Tage vorerst gestoppt.

    Die Richter, die freimütig bekannten, sie hätten selbst keinen Facebook-Account, sagten, sie könnten nicht ausschließen, dass der Aufwand, die Fakes zu suchen und zu löschen, für Ihre Leute zu groß ist. Also könne man sie nicht dazu zwingen. Ich stelle mir vor, bei dieser Begründung haben einige ihrer Mitarbeiter am Firmensitz im Silicon Valley dreckig gelacht. Ein Unternehmen, dem es gelingt, jedes Bild, das nackte Geschlechtsmerkmale zeigt, zu zensieren, soll nicht in der Lage sein, Fotomontagen mit einem 19-jährigen Syrer aufzuspüren?

    Ich selbst bin technisch ziemlich unbeleckt, aber ich glaube den Experten, die sagen: Natürlich verfügt Facebook über eine Bilderkennungssoftware, die so etwas leisten kann. Das Zutrauen in ein Netzwerk, das weltweit fast zwei Milliarden Menschen verbindet, ist eben groß. Ich bin sicher, auch Sie wissen um die Leistungsfähigkeit ihrer Leute. Und wenn es der Computer allein nicht schafft, müssen Menschen eben nachbessern. Das kostet möglicherweise Geld.

    Aber, lieber Mr. Zuckerberg, das sind Peanuts angesichts der Gewinne, die Facebook mit unseren Daten macht. Allein im vierten Quartal 2016 waren es 3,6 Milliarden US-Dollar. Da mal ein paar Millionen abzuzweigen, um Modamani und andere Opfer vor Verleumdungen, Beleidigungen und Hetze zu schützen, das sollte der soziale Frieden wert sein. Schließlich haben auch Sie in Sonntagsreden immer wieder betont, Facebook sei „kein Ort für Hass“.

    Doch die von Ihnen formulierten „Gemeinschaftsstandards“ reichen offensichtlich nicht, diesen zu verhindern. Und Ihre Hoffnung, dass sich die meisten Fakes und Beleidigungen durch Rede und Gegenrede von selbst regulieren, die erfüllt sich in der Wirklichkeit – leider – auch nicht. Auch im Fall Modamani haben Nutzer unter die hetzerischen Facebook-Posts die Wahrheit geschrieben. Die Autoren zeigten sich gleichwohl unbeeindruckt.

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch ich finde, freie Meinungsäußerung ist ein hohes demokratisches Gut. Dazu gehört auch, allerlei Unsinn und krude Meinungen zu ertragen. Ich will auch keine Gesinnungspolizei, die bestimmt, was zu sagen erlaubt ist und was nicht. Aber ich möchte, dass das Recht, das das analoge Leben regelt, auch im Internet gilt. Was auf der Straße den Tatbestand der Verleumdung erfüllt, erfüllt ihn auch im Internet. Im Zweifel ist es eher schlimmer, jemanden via Facebook als Terrorist zu beleidigen als auf der Straße oder am Stammtisch. Die Wirkung ist ganz eine andere.

    Klar, Facebook ist nicht der Autor von Hassbotschaften. Aber es ist eben auch nicht, wie Sie glauben machen möchten, nur neutraler Verbreiter. Ihre Algorithmen entscheiden schließlich, bei wem, wann, an welcher Stelle und wie lange ein Beitrag im Netzwerk zu sehen und zu finden ist. Facebook übernimmt da Aufgaben, wie sie Journalisten bei Presse, Funk und Fernsehen schon immer haben. Wir Redakteure indes müssen für den Wahrheitsgehalt unserer Artikel geradestehen, müssen verhindern, dass Dritte – etwa auch in Leserbriefen – beleidigt werden.

    Ich finde, diese Sorgfaltspflicht ist auch Facebook und den anderen sozialen Netzwerken zuzumuten. Weil Sie freiwillig nicht mitmachen, muss die Politik Sie mit einer zeitgemäßen Gesetzgebung zwingen. Inklusive der Androhung von Bußgeldern. Die bestehenden Regeln reichen einfach nicht aus, wie Ihr Erfolg vor dem Landgericht in Würzburg deutlich gemacht hat.

    Wobei wir wieder bei Anas Modamani wären. Natürlich hat ihn das Medienecho der vergangenen Woche größtenteils rehabilitiert. Aber sich als Facebook-Chef darauf zu verlassen, wäre zynisch. Treffen Sie den jungen Mann, hören Sie ihm zu. Es lohnt sich. Zur Kontaktaufnahme empfehle ich Facebook.

    Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

    Künftig lesen Sie auf der Meinungsseite am Wochenende unseren „Samstagsbrief“. Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Figur des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An eine Person, der wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur. Persönlich, direkt und pointiert formuliert wird der „Samstagsbrief“ sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der „Samstagsbrief“ ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen Samstagsbriefen hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den Samstagsbrief zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.

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