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    UETTINGEN

    Schöne Sabine, schämst Du Dich für die Provinz?

    Sabine Fischer aus Uettingen (Lkr. Würzburg) konkurriert in L.A. um den Germany's-Next-Topmodel-Titel. Redakteurin Julia Haug fragt, ob ihr ihre Herkunft peinlich ist.

    GNTM-Kandidatin Sabine Fischer auf der mainDing-Bühne beim Wake-Race 2016 in Würzburg. Foto: Chris Weiß

    Liebe Sabine, ich darf doch Du sagen, wir kennen uns. Auch wenn du neuerdings mit Promis wie Heidi Klum oder Wolfgang Joop verkehrst, zeitweise in Los Angeles wohnst und jeden Donnerstag vor der Pro-Sieben-Kamera Interviews gibst. Als weltgewandte Münchnerin gibst du dich da gerne aus, dabei kommst du doch aus der fränkischen Provinz. Ist dir deine Herkunft peinlich? Vielleicht erinnerst du dich nicht mehr an unsere Begegnung. Ich schon: Es muss vor einigen Jahren gewesen sein, vielleicht vier. Ich war die junge Frau mit dem alten klapprigen Citroën, mit der du, damals 19 Jahre alt, drei Stunden auf der A 7 gen Süden gefahren bist. Wir waren nur zu zweit in der Fahrgemeinschaft, die wir kurzfristig im Internet gegründet hatten. 180 Minuten Zeit also, um sich kennenzulernen. Welcher Beruf, welches Studium, wohin es geht – auf der Straße und im Leben. Doch du hast mich nicht wirklich tief blicken lassen hinter dein schönes Gesicht, damals eingerahmt vom platinblonden Rapunzelhaar.

    Dieses breite Lächeln mit den strahlend weißen Zähnen, das da neben mir auf dem Beifahrersitz saß, kam mir bekannt vor. Ich fragte: „Kann es sein, dass ich dich von Main-Topmodel kenne? Hast du da mitgemacht?“ Beim Modelwettbewerb der Main-Post konkurrieren jedes Jahr junge Frauen aus Mainfranken darum, die Schönste zu sein. Das brauche ich dir nicht mehr zu erklären. Zwar hatte mein Gedächtnis Recht: Na klar warst du dabei. Aber ich machte einen bösen Fehler und fragte: „Bist du unter die ersten Drei gekommen?“ Gar nicht lustig: Du hattest den Wettbewerb gewonnen, da hast du drauf bestanden. Darfst du auch, der Titel ist deiner: Main-Topmodel 2012. Nimmt dir keiner.

    Schon damals war mir klar, du würdest es bald wieder anderswo versuchen, den Titel zu holen. Nur dabei sein? Für dich keine Option. Wenig überrascht war ich, als ich zwei Jahre später von deinem nächsten Titel erfuhr: diesmal die Schönste in der bayerischen Hauptstadt.

    Logisch, du wolltest in die Großstadt. Wenig erzählt hast du im Auto von deinem Heimatort Uettingen im Landkreis Würzburg, wenig Gutes von Kempten im Allgäu, wo du Tourismus-Management studiert hast. Möglichst schnell weg wolltest du von dort. Dabei fuhren wir doch genau da grade hin. Ein bisschen schämte ich mich fast, dass ich das Landidyll liebte, und mit Freude wieder einmal in meine Heimat unterwegs war. Du hast es offenbar schnell geschafft, weg aus der Provinz zu kommen. Schöne Müncherin 2014. Nimmt dir keiner.

    Als nächstes vielleicht Schöne Kalifornierin 2017? Schließlich bist du gerade in Los Angeles mit der zwölften Staffel von Heidi Klums Model-Castingshow „Germany's Next Topmodel“ (GNTM) unterwegs. Da stakst du jeden Donnerstag um 20.15 Uhr über Wüstenlaufstege, räkelst dich in Dessous auf fahrenden Betten oder posierst für das Joy-Magazin. In jedem Fall müsste es jetzt eine Nummer größer sein als München. Und über die fränkische Provinz brauchen wir gar nicht reden. Du bist auf dem besten Weg: Wieder bist du wo dabei. Und wenn ich das sage, ist es diesmal kein Fauxpas. Du hast den Titel ja (noch) nicht. Bei GNTM bist du noch eine unter elf Kandidatinnen. Das wäre was: Nachfolgerin von Kim Hnizdo– wer kennt sie nicht – werden. Würde dir keiner nehmen.

    Die Fernsehonkels von Pro Sieben hast du wie die Juroren von Main-Topmodel und diesem Weißwurst-Contest in München schon mit deinem Lächeln um den Finger gewickelt. Als „Frohnatur“ haben sie dich bezeichnet – das kam bei deiner Konkurrentin Greta nur mittelgut an. Ihr war dein Grinsen zu viel. Meinst du, das war der wahre Grund, weshalb sie freiwillig ausgestiegen ist: Weil sie nicht gegen dich anlachen konnte?

    Schon 2012 hast du alle in Grund und Boden gelächelt: Beim Main-Topmodel-Entscheid auf der Stadtfestbühne in Karlstadt – im Landkreis Main-Spessart, wieder so eine Provinzstadt – hast du immer gekichert. In der Provinz hast du Laufen gelernt. „Wie auf dem Dorffest“, sagte Heidi in einer der Shows über deinen Catwalk. Ein Kompliment für ein Topmodel?

    2012 warst du noch Teenie. Jetzt bist du 23, fast ein Best-Ager-Mannequin im Vergleich zu 16-jährigen Kandidatinnen. Im Lächeln bist du denen aber Meilen voraus! Und an Lebenserfahrung überbietest du sie eh. Mit 23 Jahren durftest du schon rasend viel erleben, wie Pro Sieben dir entlockt hat: ein Abenteuertrip nach Thailand, eine Kurzliaison inklusive Spontanauswanderung nach England.

    Haben die vom Fernsehen die krassen Trips nach Uettingen herausgeschnitten? Die abgefahrensten Exkursionen macht man ja bekanntlich in die Provinz. So wie unsere Autofahrt durch die Kuhweiden und Kartoffelacker Deutschlands. Nimmt uns keiner. Und unter uns: Wenn du dir dieses Hollywood, wo du gerade mit Heidi Klum rumhängst, mal genauer ansiehst, ist es auch nur ein Dorf.

    Viele Grüße

    Julia Haug, Redakteurin

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