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    SAMSTAGSBRIEF

    Sophia Thomalla, wo haben Sie nur diese Altmänner-Phrasen her?

    Sophia Thomalla hängt in Jesus-Pose für ein Werbefoto am Kreuz. Die #Metoo-Kampgane lehnt sie ab. Ein Zeichen von Stärke? Autorin Susanne Wiedemann sieht das anders.

    Sophia Thomalla im Coloneum in Köln Foto: Rolf Vennenbernd (dpa)

    Liebe Sophia Thomalla, ich hatte darüber nachgedacht, Ihnen einen Samstagsbrief zu schreiben. Beim Brainstorming in der Redaktion, wer denn der nächste Adressat dieser Rubrik sein könnte, kam Ihr Name auch schnell auf.

    Aber ich tue es nicht. Denn damit würde ich auf die Provokation hereinfallen, die Sie und Ihr Auftraggeber „Lottohelden“ beabsichtigen. Für den posieren Sie in einer Werbeanzeige leichtbekleidet in Christuspose am Kruzifix: Da ist die Publicity durch allgemeine Empörung schon fest eingeplant. Gerade in der Weihnachtszeit. Und das in einer Zeit, in der ständig jemand meint, die christlichen Werte verteidigen zu müssen. Ironischerweise sind es in letzter Zeit eher die zu sehr angezogenen Frauen, die angeblich diese Werte bedrohen. Nicht leichtbekleidete. Tut mir leid, dass Sie es so erfahren, aber in dieser Hinsicht könnte Ihre Provokation ins Leere laufen.

    Ein paar vorhersehbare Reaktionen hat es trotzdem gegeben. Geschmacklos und erbärmlich, nennt etwa die katholische Kirche pflichtschuldigst die Aktion. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Sie und Ihre Lottohelden ein bisschen mehr Feuer erwartet hätten.

    Würde ich Ihnen also schreiben, würde ich in die gleiche Falle tappen. Ich würde Ihnen das geben, worum es bei Werbung immer geht: Aufmerksamkeit.

    Würde ich Ihnen schreiben, wüsste ich auch gar nicht, wo ich anfangen sollte. „Weihnachten wird jetzt noch schöner“, lautet der Slogan unter der sexy Gekreuzigten. A propos Werte des Abendlands: Dieses Motiv hätte eher zu Ostern gepasst. Aber auch das ist wahrscheinlich Teil der Provokation – oder die Beteiligten haben keine Ahnung von diesem Jesus-Kram.

    Würde ich Ihnen schreiben, müsste ich auch auf Ihren Auftritt bei Sandra Maischberger eingehen. Ich könnte in einem Brief allerdings eine gewisse Bewunderung nicht unterdrücken: Noch so eine Falle, noch so eine Provokation, die todsicher Aufmerksamkeit generiert. Die #Metoo-Kampagneempfinden Sie also als Beleidigung für die wahren Vergewaltigungsopfer.

    Würde ich Ihnen schreiben, wäre das ein Punkt, auf den ich näher eingehen würde. Warum? Weil es sehr viel Mut kostet, über Belästigungen, Übergriffe zu reden. Weil das lange nicht möglich war. Weil man so etwas ein Leben lang mit sich rumschleppt. Weil man dadurch Vertrauen verliert, auch in sich selbst. Weil so etwas zerstört, Narben hinterlässt.

    Wie war das? Man hätte auch vor 20 Jahren einfach Nein sagen können, behaupten Sie als Antwort auf die Schilderungen bekannter Schauspielerinnen ihrer Erfahrungen mit Hollywoodmogul und Sextäter Harry Weinstein. Klar, man kann Nein sagen. Haben viele Frauen gemacht, die ihre Traumata unter #Metoo schildern. Aber manche erinnern sich jetzt an Sachen, die ihnen als Kind, als Teenager passiert sind. Soll man denen auch vorwerfen, sie hätten nicht deutlich genug Nein gesagt? Sie seien schwach gewesen, wo sie doch ganz einfach hätten stark sein können ?

    Was die Frauen angeht, die Nein gesagt haben, zu all diesen Weinstein-Typen: Sind sie deswegen nicht verletzt worden? Denken sie nicht oft an diese Momente zurück? Fühlen sie sich nicht erniedrigt, gedemütigt, beschmutzt? Und sollen diese Weinstein-Typen, von denen es mehr als genug gibt, einfach so weitermachen können, weil sie sich so schön rausreden können: Die Frau, das Mädchen, hätte ja einfach Nein sagen können? Zu ihrer Verteidigung könnten diese Typen Sie zitieren. Auch eine Form von Aufmerksamkeit. Würde Ihnen das gefallen?

    Würde ich Ihnen schreiben, müsste ich an dieser Stelle sagen, wie wütend mich derlei Ansichten machen, besonders bei einer Frau. Mag ja sein, dass Sie so stark sind, dass ein Weinstein-Typ keine Chance hätte. Dass jegliche Übergriffe Sie völlig kaltlassen würden.

    Deswegen können Sie es sich auch gönnen, ein Foto in sexy Dessous zu posten mit dem Hinweis, deswegen hätten Sie eine Rolle bekommen.

    Würde ich Ihnen schreiben, würde ich Ihnen wahrscheinlich empfehlen, mal einige der Sachen unter #Metoo zu lesen. Vielleicht würden Sie dann merken, dass es auch sehr viel Stärke braucht, um von Übergriffen, Belästigung, Missbrauch oder einfach widerlichem Verhalten zu erzählen. Aber vermutlich würden Sie trotzdem auf Ihrem bei Plasberg geäußerten Standpunkt beharren: „Wer als Frau ständig für Gleichstellung und gegen Sexismus wettert, hat offenbar noch nie ein Kompliment bekommen.“

    Würde ich Ihnen schreiben, würde ich fragen, woher Sie diese ganzen Altmänner-Phrasen haben. Glauben Sie die oder sind die auch PR? Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was schlimmer wäre. Wie gesagt, ich schreibe Ihnen nicht. Aber ich bin gespannt auf die nächsten Provokationen. Bademoden-Shooting auf Lampedusa? Unterstützungsfonds für Harry Weinstein?

    Ich bin gespannt!

    Grüße Susanne Wiedemann

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