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    Unser Samstagsbrief

    Warum nur tun Sie sich diesen Wahlkampf an, Frau Kohnen?

    Wie fühlt man sich, wenn man bei einer Wahl antritt, die man verlieren wird? Redakteurin Gisela Rauch möchte mit SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen nicht tauschen.

    Natascha Kohnen im Interview Foto: Johannes Kiefer

    Liebe Frau Kohnen, seit November wissen wir, dass Sie die Bayern-SPD in den Landtagswahlkampf führen werden. Ihre Kandidatur wird zwar erst beim SPD-Parteitag im März offiziell entschieden, aber natürlich ist klar, dass Sie Ihre Konkurrenten, unter anderem Markus Rinderspacher, aus dem Feld geschlagen haben. Um Rinderspacher ist es ein bisschen schade – der Mann hat sich in neun Jahren als SPD-Fraktionschef unermüdlich abgestrampelt, bei Radl-Touren im Wahlkampf – und in der Partei natürlich auch. Inhaltlich aber blieb er halt so langweilig, dass sogar seine besten Zitate kaum zitiert wurden.

    Sie also treten an. Sie sind langjährige SPD-Generalsekretärin und neue stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende, sind in Bayern aber trotzdem kaum bekannter als der Fraktionschef. Vermutlich werden Ihnen aber als Frau, die in den Medien als authentisch, als engagiert und manchmal auch als richtig laut rüberkommt, Sympathien eher zufliegen als dem Genossen Rinderspacher. Und Sympathiewerte sind in einem Wahlkampf, der immer stärker auch über Facebook-Posts gesteuert werden wird, wichtiger denn je. Die Frage ist bloß: Warum, liebe Frau Kohnen, tun Sie sich diesen Wahlkampf überhaupt an? Denn schließlich gehen Sie in einen Kampf, den Sie verlieren werden.

    Das liegt natürlich einerseits daran, dass gegen Sie der CSU-Grande Markus Söder gesetzt ist. Söder ist unter allen bayerischen Politikern derjenige, der sich selbst am besten inszeniert. Einerseits über Facebook, mit Fotos von sich samt sanftblickenden Pferden, Tauben, Hundewelpen. Andererseits als Heimatminister – schließlich hat Söder dieses Amt genutzt, um im Vorgriff auf eine mögliche Kandidatur in alle Ecken des Freistaats zu reisen und dort Beliebtheitspunkte zu sammeln. Sie, Frau Kohnen, kontern die „Heimatminister-samt-Hundewelpen-Tour“ mit Mietpreisbremsen-Verschärfungs-Posts auf Facebook. Muss ich Ihnen verraten, was der Wähler eher klickt?

    Andererseits, liebe Frau Kohnen, würden Sie den Wahlkampf sogar verlieren, wenn Sie statt gegen den stattlichen Selbstvermarktungs-Minister Söder aus Nürnberg gegen einen unattraktiven Hinterbänkler aus dem hinterletzten Kuhkaff antreten müssten. Selbst so einer würde in Bayern gewinnen – immer vorausgesetzt, er ist bei der CSU. So läuft das in Bayern seit 1958.

    Wie bewältigen Sie diesen zutiefst bayerischen Wahlkampf, bei dem es eben nicht um Sieg geht, sondern nur um Platz? Sie, Frau Kohnen, werden nur daran gemessen werden, wieviel Prozent der Stimmen Sie im Vergleich zu früheren Kandidaten für die Bayern-SPD holen können. Und auch da können Sie eigentlich nur verlieren. Denn die Zeiten, in denen ein Helmut Rothemund 31,9 Prozent, eine Renate Schmidt immerhin noch 30 Prozent der Wähler einfangen konnte – sie sind unwiederbringlich vorbei. Als Rothemund 1982 oder Schmidt 1998 antraten, war die Parteienlandschaft übersichtlicher. Mittlerweile angeln in Bayern neben FDP und Grünen ja auch die Freien Wähler nach Stimmen – und jetzt spielt ja auch ein AfD-Kandidat mit. Bei den Bundestagswahlen 2017, als alle diese Parteien auch schon um Kreuzchen rangelten, bekam die SPD im Freistaat gerade mal 15,3 Prozent.

    Nun könnte man argumentieren, dass auch die Kandidaten anderer bayerischer Oppositionsparteien mit dem Wissen in die Landtagswahl gehen, dass sie nur um Plätze spielen. Trotzdem glaube ich, dass das Wissen, einen aussichtslosen Kampf zu kämpfen, für den SPD-Kandidaten am härtesten ist. Und zwar deshalb, weil die „SPD“ bundesweit immer noch den Namenszusatz „Volkspartei“ trägt, die Erwartungen an ihren Kandidaten mithin höher sind als an die Vertreter der sogenannten „kleineren Parteien“. Was in diesem Bayern-Wahlkampf für die SPD zusätzlich belastend sein wird, sind ihre vielen Positionswechsel auf Bundesebene bezüglich der GroKo-Frage – da war ja von „auf gar keinen Fall“ bis „dann doch“ alles drin. Sie, Frau Kohnen, werden im Landtagswahlkampf ausbaden müssen, dass Ihre Partei auf Bundesebene erst „Nein“ sagte – und doch mit der CDU/CSU ins Bett ging. Womöglich sinkt das SPD-Ergebnis auf historische zwölf oder zehn 10 Prozent. Und wem wird man so ein Bayern-Debakel, von Martin Schulz auf Bundesebene verschuldet, dann anlasten? Genau: Ihnen!

    Liebe Frau Kohnen, Sie setzen sich für die SPD seit Jahren für bezahlbare Mieten, für einen fairen Mindestlohn, für finanzierbare Kinderbetreuung ein. Es sind das Themen, die im Alltag für viele Menschen extrem wichtig sind, aber auch Themen, die wohl nicht wahlentscheidend sein werden. Ich wünsche Ihnen, dass Sie diesen langen, harten und voraussichtlich ertragsarmen Wahlkampf angehen, weil Sie das selbst wollen – und nicht, weil Sie sich davon Ruhm und Ehre erwarten.

    Einer bekommt Post! – Der „Samstagsbrief“

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