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    WÜRZBURG

    Auch ein Protest gegen die neue Heimat?

    Erschreckend viele hier lebende Türken stimmten für Erdogans umstrittene Verfassungsreform. Müssen wir uns davon in unserer Ausländerpolitik treiben lassen?

    Ausgerechnet die in Deutschland lebenden Türken bescherten Recep Tayyip Erdogan eine klare Mehrheit für seine autokratische Verfassungsreform. Über 63 Prozent stimmten für den starken Mann am Bosporus und seine Pläne, die Demokratie zu zersetzen. Das wirft kein gutes Licht auf die politische Kultur der in Deutschland lebenden Türken. Und es empört zu Recht viele Menschen in unserem Land.

    Da hilft es auch wenig, wenn man auf die niedrige Wahlbeteiligung verweist. Während in der Türkei 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger zur Wahlurne gingen, waren es bei den in Deutschland lebenden Türken nur 48 Prozent der Wahlberechtigten. Hat die Mehrzahl das türkische Referendum gar nicht interessiert? Auch das würde kein gutes Licht auf ihre demokratische Einstellung werfen. Wobei Wahlbeteiligungen um die 50 Prozent auch bei deutschen Landtagswahlen keine Ausnahme mehr darstellen.

    Hinzu kommen die bei uns bestens integrierten Türken der zweiten oder dritten Generation, die als mittlerweile deutsche Staatsbürger in der Türkei überhaupt nicht wahlberechtigt waren. Und das sind, man sollte in diesen Tagen daran erinnern, rein zahlenmäßig mehr als diejenigen, die für „Erdoganistan“ gestimmt haben.

    Erdogan bedient agitatorisch das Identitätsgefühl vieler Türken

    Am Ende aber zählen bei Wahlen die Prozente – und 63,1 Prozent erschrecken. Wählten die Türken wirklich die Entdemokratisierung ihrer alten oder war ihre Stimmabgabe vor allem ein Protest gegen die neue Heimat? Laut einer Studie sehen nur 17 Prozent der hier lebenden Türken Deutschland als ihre Heimat an. Ihre Identität als Türken stellen sie über ihr persönliches Leben hier in Deutschland. Und Erdogan war und ist der Mann, der ihr Türkisch-sein positiv auflädt. Der gefühlte oder tatsächliche Diskriminierung anprangert, der in Europa selbstbewusst und als starker Mann auftritt. Das färbt auf viele seiner Landsleute ab, durch ihn fühlen sie sich sozial aufgewertet. Jeder Mensch hat auch eine soziale Identität, die er gerne positiv erleben möchte. Und Erdogan weiß genau diese Gefühle zu bedienen. Seine Agitation, seine Warnung vor Assimilierung, seine Vorwürfe, Deutschland würde Nazi-Methoden anwenden, haben offenbar bei vielen seiner Landsleute einen Nerv getroffen. Das mag uns erschrecken, erschüttern aber sollte es uns nicht.

    Die Türken in Deutschland nicht aus ihrer Verantwortung lassen

    Völlig falsch wäre es, die Verantwortung der deutschen Politik, den Medien oder gar der Mehrheitsgesellschaft in die Schuhe zu schieben. Die Verantwortung bleibt bei den Stimmberechtigten. Sie müssen es uns erklären, da sollten wir sie nicht aus der Verantwortung lassen. Es bringt niemanden einen Schritt weiter, wieder in die alten ideologischen Debatten zwischen offener Gesellschaft und Abschottung zu verfallen. Da gibt es zu wenige neue Argumente.

    Die Türken in Deutschland sind keine homogene Gruppe. Es gibt bestens Integrierte genauso wie solche, die selbst in der zweiten und dritten Generation auf Distanz bleiben. Und es gibt gefährliche Tendenzen zu Parallelgesellschaften. Wenn das Abstimmungsergebnis uns etwas beweist, dann die Erkenntnis, dass Integration vieler Menschen eines anderen Kulturkreises eine der schwierigsten Aufgaben für eine Gesellschaft darstellt. Aber gibt es ernsthaft eine Alternative dazu?

    Wenn jetzt der Doppelpass als Wurzel des Übels genannt wird und Einschränkungen gefordert werden, sollten wir uns fragen, wie viel Einfluss wir Erdogan auf unsere Ausländerpolitik geben wollen. Liefern wir ihm gute Gründe, weiter seinen Keil zwischen hier lebende Türken und Deutsche zu treiben? Bleiben wir doch besser gelassen und vertrauen auf die Integrationskraft unserer Gesellschaft. Dazu gehört dann auch eine kritische Überprüfung, ob die sozialen Gruppen in Deutschland durchlässig genug sind. Nicht nur für die hier lebenden Türken.

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