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    Die Herausforderung ist groß, der Kurs unklar

    Im Kanzleramt ist man siegessicher. Und Angela Merkel hält sich in diesem Wahlkampf, der kein rechter Kampf ist, alle Türen offen. Dabei täte Klarheit not.

    Youtube-Star müsste man sein. Dann gäbe es keine Probleme, einen Termin bei Angela Merkel zu erhalten. Nachdem die Bundeskanzlerin ihren Urlaub in Südtirol beendet hat, empfängt sie am Mittwoch die vier Youtuber MrWissen2go, ItsColeslaw, AlexiBexi und Ischtar Isik, deren Video-Shows zusammen auf rund drei Millionen Abonnenten kommen. Zum Auftakt der heißen Phase des Wahlkampfes gibt sich Merkel aufgeschlossen für die neuen Medien und will ein Publikum ansprechen, das sie auf herkömmlichem Wege nicht erreicht.

    Von so viel Zuneigung können die Vertreter der traditionellen Medien nur träumen. Vor ihnen macht sich die Kanzlerin noch rarer als sonst. Den jährlichen Auftritt vor der Bundespressekonferenz vor der Sommerpause ließ sie ohne Begründung ausfallen. Hintergrundgespräche finden praktisch nicht statt.

    Der Vorsprung der Union ist gewaltig gegenüber der SPD

    Im Kanzleramt ist offensichtlich die Siegesgewissheit groß, so eindeutig sind die Umfragen, so groß ist der Vorsprung der Union, so gewaltig der Rückstand der SPD. Und es liegt keinerlei Wechselstimmung in der Luft. Merkel und ihre Strategen setzen, wie schon in den Wahlkämpfen 2009 und 2013, auf einen wohltemperierten Wohlfühl-Wahlkampf mit Auftritten in 50 Städten und dem TV-Duell am 3.

    September. Da kann sie sich direkt an ihre Wähler wenden und als solide, verlässliche und unaufgeregte Moderatorin der Macht präsentieren, als ruhender Pol in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, und als Stimme der Vernunft im Chaos der Zeit.

    Alles spricht dafür, dass auch zum dritten Mal in Folge diese Strategie aufgeht. Indem sich Merkel der direkten Konfrontation mit ihrem Herausforderer entzieht und als eine Art über den Niederungen der Parteipolitik schwebende Mutter der Nation inszeniert („Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“), lässt sie die Angriffe von Martin Schulz systematisch ins Leere laufen und verhindert eine unmittelbare Auseinandersetzung.

    Schulz wiederum hat Probleme, überhaupt eine Angriffsfläche zu finden, da die SPD als Regierungspartei alle grundlegenden Entscheidungen der Koalition mitgetragen hat. Wie 2009 und 2013 haben die Sozialdemokraten keine Strategie, die Kanzlerin zu packen. Dabei herrscht gerade in diesem Wahlkampf, der voraussichtlich Merkels letzter ist, an Fragen kein Mangel.

    Deutschland steht vor wichtigen Fragen

    Wohin entwickelt sich dieses Land angesichts der dramatischen gesellschaftlichen wie technischen Veränderungen, der Digitalisierung wie der demografischen Entwicklung? Welche Rolle spielt Deutschland in einer Welt, in der nichts mehr ist, wie es mal war? Und, ganz konkret, mit wem will eine Kanzlerin Merkel in ihrer letzten Amtszeit all diese Probleme angehen? Es macht durchaus einen Unterschied, ob der Vizekanzler Martin Schulz, Christian Lindner oder Cem Özdemir heißt, ob Sozialdemokraten, Liberale oder Grüne am Kabinettstisch sitzen und den Kurs der Regierung mitbestimmen. Merkel ist?s offenbar egal, sie kann irgendwie mit allen. Aber Führung sieht anders aus.

    Es ist das Trauma des fast gescheiterten Wahlkampfes 2005, das bei Angela Merkel noch immer nachwirkt. Damals präsentierte sich die junge Oppositionsführerin als entschlossene Reformerin, die mit der Kopfpauschale im Gesundheitswesen und einer radikalen Steuerreform das Land umkrempeln wollte. Doch das hätte sie beinahe den sicher geglaubten Wahlsieg gekostet. Diese Lektion hat sie nie vergessen, seitdem gilt die Devise: je unkonkreter, desto besser. Und das Paradoxe: Es funktioniert. So genau wollen die Wähler gar nicht wissen, was auf sie zukommt, vor Veränderungen haben sie geradezu Angst. Insofern dürfen sie sich auch nicht beschweren: Angela Merkel bietet ihnen genau das, was sie wollen – einen Wahlkampf ohne Kampf.

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