• aktualisiert:

    BERLIN

    Die Sozialdemokraten haben ihren Markenkern wieder gefunden

    „Gerechtigkeit“ für die „kleinen Leute“: Martin Schulz könnte mit den Themen der SPD von gestern zum Kanzler von morgen werden.

    Mutlos, resigniert, im Umfragetief gefangen – noch vor wenigen Wochen glich die SPD einem Auslaufmodell. Wie eine von der Pleite bedrohte Firma hat die 153 Jahre alte Volkspartei mit einem Chefwechsel reagiert. Und Martin Schulz, der Neue, scheint die richtige Strategie für die erfolgreiche Kehrtwende gefunden zu haben.

    Das Rezept ist ebenfalls aus der Wirtschaft bekannt. Unter Schulz besinnt sich die SPD auf ihren historischen Markenkern: Gerechtigkeit. Die Umfragewerte schießen in die Höhe, seit Schulz unermüdlich betont, dass es die Sozialdemokraten waren, die erfolgreich dafür stritten, dass der Erfolg des Wirtschaftswunders auch bei den Arbeitern ankam. Er weckt geschickt die Sehnsucht nach einer Zeit, in der das neue Auto, das eigene Häuschen und der Jahresurlaub an der Adria für Arbeiter erreichbar wurden. Als die SPD, angeführt von Willy Brandt und Helmut Schmidt, zusammen mit mächtigen Gewerkschaften dafür sorgte, dass die Löhne immer weiter stiegen, Kündigungsschutz und Mitbestimmung verbessert wurden, während die Arbeitszeiten sanken.

    Gerhard Schröder wurde als „Genosse der Bosse“ geschmäht

    Ebenso geschickt blendet er aus, dass Deutschland irgendwann zu behäbig geworden war und wirtschaftlich ins Hintertreffen zu geraten drohte, während die Globalisierung alte Gewissheiten wegfegte. Die Bundesrepublik, plötzlich der „kranke Mann Europas“, fand sich in einer tiefen Krise wieder. Und es war der Sozialdemokrat Gerhard Schröder, der mit der Agenda 2010 zwar den Knoten löste und zu einem Rückgang der Arbeitslosenzahlen beitrug. Aber auch als „Genosse der Bosse“ geschmäht und für die Auswüchse von Zeit- und Leiharbeit, Minijobs und die Entstehung eines Niedriglohnsektors verantwortlich gemacht wurde.

    Viele SPD-Anhänger wandten sich enttäuscht von ihrer Partei ab, zumal diese in den vergangenen Jahren als Juniorpartner der Großen Koalition zwar viel erreicht hat, aber kaum mehr als eigenständige Stimme der Arbeiterschaft wahrgenommen wurde.

    Martin Schulz hat es geschafft, die Erinnerung an die SPD von gestern wieder aufleben zu lassen, und er will damit Kanzler von morgen werden. Gerechtigkeit, und zwar viel mehr davon, das fordern die Sozialdemokraten, fordert Martin Schulz jetzt in zahllosen Sätzen. Doch noch ist nur in Teilen klar, was genau er damit meint. Seine Reform der Agenda 2010, die Verlängerung des Arbeitlosengelds I auf bis zu vier Jahre bei gleichzeitiger Qualifizierung, das ging vielen Genossen noch nicht weit genug. Freie Bildung für alle fordert er, von der Kita bis zum Studium, viele Wohltaten in der Beschäftigungspolitik, bislang ohne zu sagen, wie er das alles finanzieren will.

    Ab jetzt steht Martin Schulz auch für den Kurs des Landes

    Noch zielt er vor allem auf Emotionen. Doch seit Sonntag ist Martin Schulz nicht mehr nur der Mann von außen. Als Parteivorsitzender der an der Regierung Merkel beteiligten SPD steht er nun mit in der Verantwortung für den Kurs des Landes in den Monaten bis zur Bundestagswahl. Schon Ende März soll Schulz an der Sitzung des Koalitionsausschusses teilnehmen. Dabei geht es auch um strittige Themen wie die „Solidarrente“ für Geringverdiener, das geplante Rückkehrrecht von Teilzeit- auf Vollzeitarbeitsplätze oder den Familiennachzug für Asylbewerber. Schulz wird dann deutlich mehr als bisher zeigen müssen, wofür er steht.

    Und der Hoffnungsträger der Sozialdemokratie ist Profi genug, um zu wissen, dass er sich auf die Begeisterung um seine Person nicht bis zum Wahltermin verlassen kann. Er muss inhaltlich nachlegen. Wenn er sein bisher diffuses Versprechen, das Leben der sogenannten kleinen Leute zu verbessern, in tragfähige politische Konzepte ummünzen kann, wird Deutschland am 24. September ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Martin Schulz und Angela Merkel um das Kanzleramt erleben.

    Weitere Artikel

    Kommentare (2)

    Kommentar Verfassen

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!