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    DORTMUND / PARIS

    Leitartikel: Voreilige Reaktionen verstärken die Angst

    Nach dem Anschlag von Dortmund stand für viele der Täter schnell fest. Nun holt sie die Realität ein.

    Es sind zwei schreckliche Ereignisse mit völlig unterschiedlichen Hintergründen: der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund in der vergangenen Woche und der terroristische Angriff auf Polizisten in Paris am Donnerstag. Während hinter dem Bombenattentat auf die Dortmunder Fußballer offenbar skrupellose Geldgier als Motiv steckt, übernahm für die Schüsse auf die französischen Polizisten der sogenannte Islamische Staat die Verantwortung. Was aber beide Taten eint, sind die voreiligen Reaktionen darauf – und deren Wirkung, über die sich vor allem eine Gruppierung freuen dürfte: die Terroristen des IS.

    Es ist nur ein Beispiel von vielen, aber wohl das markanteste: Am Tag nach dem Angriff auf Borussia Dortmund veröffentlichte der bayerische AfD-Chef Petr Bystron das Video einer „spontanen Wutrede“. Darin sprach er von Linksextremisten oder Islamisten als Tätern. Grundaussage des knapp zweiminütigen Videos: „Jeder, der jetzt noch den Terror verharmlost, macht sich mitschuldig an weiteren Opfern.“

    Zurückhaltung statt Gerüchte in Echtzeit

    Das überraschende Ermittlungsergebnis in dem Fall war damals noch lange nicht absehbar. Stattdessen diskutierten Experten die Authentizität der drei vermeintlich islamistischen Bekennerbriefe; Unbekannte veröffentlichten ein – wie sich herausstellte – gefälschtes Geständnis auf einem linksradikalen Internetportal; später erreichte den „Tagesspiegel“ noch die Bekenner-Mail von angeblichen Rechtsextremisten. Jeder konnte sich die Theorie herauspicken, die am besten in sein Weltbild passte. Viele konnten da nicht widerstehen – wie Bystron – und wurden nun entlarvt. Dabei hätte der Amoklauf in München ihnen doch eine Lehre sein können: Auch damals stand für viele ein islamistischer Hintergrund bereits fest, noch bevor die Ermittler ihre Arbeit aufgenommen hatten.

    Der Fall von Dortmund zeigt anschaulich, warum sich seriöse Medien in solch unübersichtlichen Situationen zunächst lieber zurückhalten, auf gesicherte Ergebnisse der Ermittler warten und Einzelheiten erst dann nennen, wenn sie als Tatsachen feststehen. Doch viele verstehen das offenkundig nicht. Sie erwarten Informationen in Echtzeit – und zwar bitte nur solche, die sich mit ihren Vermutungen decken.

    Wer falsch lag, fühlt sich bestätigt

    Es war am Donnerstag um 21.33 Uhr als die französische Nachrichtenagentur afp meldete: „Polizist durch Schüsse auf Champs-Elysées in Paris getötet.“ Die Eilmeldung der afp war zwar nicht die Erste, die an diesem Abend gesendet wurde. Viel mehr Informationen waren aber zu diesem Zeitpunkt von offizieller Seite ohnehin noch nicht bestätigt. Stattdessen kursierten in französischen und deutschen Medien sich teils widersprechende Gerüchte, etwa zu Todesopfern und der Anzahl der Täter. Dennoch hatten sich da zahlreiche Kommentatoren auf Twitter und Facebook längst festgelegt: Der Täter war islamistischer Terrorist, und die Medien verharmlosen die Tat, so der Tenor. Erst um 22.13 Uhr meldete afp, dass die Anti-Terror-Einheit der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen habe.

    Die Drahtzieher des „Islamischen Staats“ dürften unterdessen zufrieden gewesen sein. Sie haben nicht nur den Terror zurück nach Paris gebracht und die Franzosen kurz vor der Wahl in Panik versetzt. Sie haben der hasserfüllten Debatte über Integration, Muslime und Sicherheit neue Nahrung gegeben – wieder ein Schlag auf den Keil, der die europäischen Gesellschaften spalten soll.

    Besonders prekär: Die, die vergangene Woche nach dem Anschlag in Dortmund noch fälschlicherweise Islamisten beschuldigt haben, fühlen sich jetzt bestätigt und übersehen dabei, dass sie dem IS einen großen Erfolg beschert haben: Sie haben den Terrorismus schon so in ihre Köpfe gelassen, dass nicht einmal Islamisten selbst einen Anschlag verüben müssen, um die gewünschten Reaktionen loszutreten.

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