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    BERLIN

    Weniger Glyphosat geht nur mit dem Verbraucher

    Die Debatte um das Pflanzengift offenbart, dass die Vorstellungen von Konsumenten und Landwirten auseinanderdriften. Ein Kommentar.

    Die Mehrheit der Deutschen war gegen eine Verlängerung der Zulassung von Glyphosat. Das haben Umfragen immer wieder ergeben. Ein Grund: Ob das Mittel Krebs auslöst oder nicht, ist nicht geklärt. Weil die Zulassung doch verlängert wurde – ausgerechnet durch das deutsche Ja –, fühlen sich viele Verbraucher zu Recht hintergangen.

    Doch die Diskussion um das Pflanzengift offenbart etwas anderes als mangelnde Absprachen zwischen Ministerien. Sie zeigt: Die Vorstellungen von Verbrauchern und Landwirten darüber, wie Landwirtschaft zu sein hat, geht auseinander. Landwirte müssen einen betriebswirtschaftlichen Blick auf das Thema Lebensmittel haben. Sie müssen von dem Gewinn, den sie erwirtschaften, leben und Investitionen tätigen können.

    Verbraucher wollen möglichst wenig bezahlen

    Verbraucher wollen sichere und gute Lebensmittel. Sie wollen sich auf Standards verlassen und nicht Bier trinken, in dem sich noch Spuren eines möglicherweise krebserregenden Pflanzengifts nachweisen lassen. Das Problem: Sie wollen für diese Lebensmittel nicht allzu viel bezahlen. Dazu kommt, dass die Vorstellung, die viele Verbraucher von der Arbeit der Landwirte haben, eher romantisch als real ist.

    Die Realität heißt: Der bayerische Bauer produziert nicht nur für den bayerischen Markt. Er verkauft seine Lebensmittel auf der ganzen Welt und zu Weltmarktpreisen. Und zwar erfolgreich. Die bayerischen Landwirte haben in diesem Jahr zum siebten Mal in Folge einen Ausfuhrrekord geknackt.

    Wie stark der Weltmarkt mit der heimischen Landwirtschaft zusammenhängt, lässt sich auch daran ablesen, dass die heimischen Bauern nach zwei Krisenjahren nun wieder Gewinne machen konnten. Das ging nur, weil die Nachfrage auf dem Weltmarkt und damit die Preise gestiegen sind. Wenn ein bayerischer Betrieb aber mit Bauern aus den USA oder Kanada mithalten muss, wo Landwirtschaft in viel größerem Ausmaß betrieben wird, kann er nicht darauf verzichten, immer effizienter zu werden. Und das heißt in konventionellen Betrieben: Pflanzenschutzmittel einsetzen und immer größere Ställe bauen. Nicht umsonst lautet der meist zitierte Spruch aus der Landwirtschaft in den vergangenen Jahren „Wachsen oder weichen“. Die Frage ist: Kann das so weitergehen?

    Die Nachfrage nach Biolebensmitteln steigt stetig

    Viele Landwirte beantworten das mit Nein. Deshalb gibt es Programme, die versuchen, der Entwicklung entgegenzuwirken. Es gibt Maßnahmen, die die regionale Kreislaufwirtschaft fördern oder Milchbauern unterstützen, die ihre Ställe modernisieren wollen, ohne mehr Milch herzustellen. Das hat seinen Preis, der durch Subventionen mitgetragen wird.

    Auch die Verbraucher sind gefragt. Sie müssen bereit sein, angemessene Preise für landwirtschaftliche Produkte zu bezahlen und regionale Produkte zu kaufen. Dass viele Konsumenten diese Bereitschaft haben, zeigt der Erfolg von Anbietern wie der Molkerei Berchtesgadener Land – die konsequent regionale Produkte zu fairen Preisen verkauft. Dafür spricht auch, dass die Nachfrage nach Biolebensmitteln seit Jahren stetig wächst.

    Welche Landwirtschaft wollen wir in Zukunft haben?

    Das Problem: In einem globalen Markt hilft es wenig, wenn bayerische – oder deutsche – Bauern und Verbraucher umdenken. Auch wenn Glyphosat nun weitere fünf Jahre lang verwendet werden darf, kann die Diskussion nicht enden. Und sie sollte sich nicht nur um die potenziellen Gefahren des Mittels drehen. Es muss vielmehr eine Debatte darüber geben, was für eine Landwirtschaft wir in Zukunft haben möchten. Dazu kann man Glyphosat verbieten – und dem Willen der meisten Deutschen entsprechen. Man muss dann aber den Weg bereiten für eine Landwirtschaft, die auch unter geänderten Vorzeichen gewinnbringend und nachhaltig produziert.

    Von Christina Heller red.politik@mainpost.de

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