• aktualisiert:

    LESERANWALT

    Eine Entschuldigung ist kein übertrieben humanitärer Akt

    Befürchtungen eines Lesers, die ich nicht teile

    Es geht um die Befürchtungen eines Lesers. Dazu aus dem Archiv das Foto (von Daniel Peter) samt Beschriftung zu dem Beit... Foto: Daniel Peter

    Leser M.V. blickt in einer Zuschrift düster in die Zukunft:

    „Nun sind wir also so weit, dass sich eine Professorin bei einer 19-Jährigen, muslimischen Kopftuchträgerin entschuldigen muss !!! Wenn es so weiter geht mit den übertriebenen, humanitären Einstellungen (Dank Grüne u. Linke) werden wir irgendwann auf dem Gehsteig Platz machen müssen, wenn uns ein Asylant oder eine Kopftuch- oder Burkaträgerin entgegenkommt. Armes Deutschland.“

    Das war eine Zuschrift zum Zeitungsbeitrag vom 30.10.. Hier die Online-Fassung anklicken: „Kopftuchstreit beigelegt/Studentin nimmt Entschuldigung an“).

     

    Glückliches Deutschland

    Meine Antwort:

    „Lieber Herr V., danke für Ihre kritische Zuschrift. Ich versuche Sie zu verstehen, entgegne Ihnen deshalb, was mir spontan dazu eingefallen ist:

    Glückliches Deutschland, wenn sich Menschen bei anderen Menschen entschuldigen. Und das ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Rolle und Religionszugehörigkeit. Und wenn es sich als notwendig erweist, werde ich auf dem Gehsteig anderen Menschen Platz machen, ganz gleich wo sie herkommen oder welche Kleidung sie tragen. Nein, so weit, dass jemand dem Angehörigen einer anderen Religion oder einem geflüchteten Menschen auf dem Gehsteig ausweichen muss, wird es in Deutschland hoffentlich nicht mehr kommen. Darauf sollten Sie vertrauen. Denn das lässt unsere Verfassung nicht zu. Darin sind Menschenrechte geschützt. Deutschland hat gelernt.

    Verehrter Herr V., bitte bleiben Sie der Main-Post als aufmerksamer und kritischer Leser gewogen, auch wenn Sie mitunter einen Standpunkt vertritt, der nicht ihren Vorstellungen entspricht. Mit freundlichen Grüßen ...“

     

    Für Menschen gemacht

    Gewöhnlich äußere ich mich an dieser Stelle zu journalistischen Leistungen oder Fehlleistungen. Aber die an mich gerichtete Zuschrift hat nicht direkt den Journalismus betroffen, sondern Einstellungen, die als übertrieben humanitär bezeichnet sind – einer Entschuldigung wegen. Da will ich dann  doch auch grundsätzlich auf Journalismus zu sprechen kommen, denn gerade der sollte doch stets eine vorwiegend humanitäre Leistung darstellen. Er wird für Menschen gemacht. Für die Menschen steht auch das Grundgesetz, dem sich die Medien mit ihren publizistischen Angeboten verpflichtet sehen. Das Grundgesetz sagt jedenfalls in Artikel 3 ausdrücklich: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Gleich welches Geschlecht, welche Abstammung, Sprache oder Herkunft, welcher Glaube oder welche politische Anschauung.

     

    Gleichberechtigt unterwegs

    Aber in der Entschuldigung bei einer Studentin mit Kopftuch ist wohl noch kein besonders humanitärer Akt zu erkennen. Wenn man will darf gerne auch eine Stärke der Professorin darin sehen.

    Jedenfalls sehe ich Veränderungen in der Gesellschaft nicht so düster: Ich bin sicher und setze mich auch dafür ein, dass nicht nur Herr V. auf allen gesetzlichen Wegen gleichberechtigt unterwegs bleiben darf.

    Weitere Leseranwalt-Kolumnen zur Humanität:

    "Die Vergebung und der Journalismus" (Mai 2016)

    "Über den journalistischen Bauchnabel hinaus auf die Wirklichkeit blicken" (September 2015

    Anton Sahlender, Leseranwalt, auch www.vdmo.de

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)


    Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de?
    Dann jetzt gleich hier registrieren.