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    LESERANWALT

    Technologische Risiken und Nebenwirkungen für das Gemeinwesen

    Eine aufschlussreiche Zusammenschau des Journalistikprofessors Stephan Russ-Mohl: "Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde"

    Medienkompetenz wird unverzichtbar. Es ist eine Binsenweisheit und doch sind Mängel weiterhin unübersehbar. Es bedarf eben solider Kenntnisse, um sich im schier unendlichen Informationsangebot, dem kaum jemand entgehen kann, zurechtzufinden. Mehr Wissen über die Medienwelt und über die aktuelle Situation des Journalismus versetzt in die Lage, auch den Inhalt von Tageszeitungen noch besser einordnen zu können. Und: Man darf in mehr Medienkompetenz getrost einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der Demokratie sehen. Zur Unterstützung dieser Aussage empfehle ich ein Buch.

     

    Warnhinweise

    Das Buch (aus dem Herbert von Halem Verlag, Köln) genügt auch höheren Ansprüchen. Der Titel sagt, was Leser erwartet: „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“. Dazu der alarmierende Untertitel: „Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet“. Der Autor, Journalistikprofessor Stephan Russ-Mohl erteilt damit dem Digitalen keine Absage, sondern gibt Warnhinweise auf konkrete Gefahren und auf Schäden, die sie angerichtet haben. Und er zeigt auf, wie wichtig Medienerziehung ist. Eine Überschrift ernüchtert aber: "Fehlanzeige: Nachrichtenkompentenz an Schulen".

     

    Risiken für das Gemeinwesen

    Erst die Zusammenschau, so liest man, macht Risiken und Nebenwirkungen moderner Kommunikationstechnologien und die Neuverteilung ökonomischer, politischer und publizistischer Macht für unser Gemeinwesen erkennbar. So auch die digitale Disruption (radikale Veränderung). Wie das Internet, seine Suchmaschinen und soziale Netzwerke, innerhalb kürzester Zeit den Journalismus bedrängt und die Ausbreitung von Desinformation begünstigt haben, ist anschaulich erklärt. Auch die Kultusministerkonferenz hat die Digitalisierung mittlerweile zur "größten gesellschaftlichen Herausforderung unserer Zeit" erklärt.

     

     

     

    Journalisten ins Stammbuch

    Den Journalisten schreibt Russ-Mohl ins Stammbuch, dass wohl diejenigen dem Gemeinwohl am besten dienen, die nicht für sich in Anspruch nehmen, festnageln zu können, worin dieses Gemeinwohl genau besteht. Seine weitergehende Ansage dazu an Journalisten habe ich verkürzt: Sie sollten den Prozess der Gemeinwohlfindung ergebnisoffen begleiten und sie sollten "nicht für alles, was nicht funktioniert, sofort einem Pappkameraden die Schuld zuweisen."

     

    Quellenklarheit

    Für die redaktionelle Praxis lässt sich die Quellenklarheit des Autors Russ-Mohl abschauen: Der Wissenschaftler, der sich auch als Journalist sieht, unterlegt Aussagen mit Forschung und bleibt verständlich. So mündet das Buch, das auch Pädagogen zu empfehlen ist, in ein 28-seitiges Literaturverzeichnis mit zahllosen Links ins Net.

    Im Hinblick Quellenklarheit verweise ich auf meine jüngste Kolumne, ("Quellenangaben gegen Fakes") die auch besagt, dass ein bisschen mehr Wissenschaft dem Journalismus nicht schaden würde.

     

    Schmerzhaft: Die verlorene Unschuld

    Exemplarisch und schmerzhaft ist im Buch aufgezeigt, weshalb der Journalismus trotz Professionalisierung seine Unschuld verloren habe. Dazu erwartet Russ-Mohl Widerspruch und Diskussionen. Er nennt PR-Dominanz und Fernsteuerung, schrumpfende Redaktionen und dadurch spürbare Lücken in redaktioneller Kompetenz. Wörtlich: „Nicht zuletzt drücken aber auch fortdauernde Verteilungskämpfe, die Angst vor Arbeitsplatz-Verlust und drohender Prekarisierung sowie hohe Eingangshürden und mangelnde finanzielle Anreize für junge Leute auf die Motivation und aufs innerredaktionelle emotionale Klima.“ Und doch gibt der Autor auch Gero Kalt (Geschäftsführer F.A.Z.-Institut Markt und Medieninformationen) recht: „Die Qualitätsmedien sind zurzeit die Leuchttürme im globalen Orkan der Unsicherheiten, aber gerade deshalb müssen wir uns um deren Funktionsfähigkeit kümmern.“

    Ich hoffe, eine gute Alternative angeboten zu haben, denn der Leseranwalt macht bis 12. März Pause und plant seine nächste Kolumne erst wieder für 17. März.

    Weitere ergänzende Leseranwalt-Kolumnen:

    "Transparenz, Baustein für Glaubwürdigkeit" (Nov. 2017)

    "Guter Vorsatz": Mehr Quellenklarheit" (Dez. 2016)

    "Was Auszeichnungen und Fehler verbindet" (Nov. 2017)

    "Zeit für Gespräche mit dem Publikum nehmen" (Dez. 2017)

    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

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