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    LESERANWALT

    Vertrauen einer Leserin enttäuscht

    Mit einem abgelehnten Leserbrief muss nicht auch das darin angesprochene Problem vom Tisch sein

    Blick auf die Bühne des Schweinfurter Theaters, das sich großer Beliebtheit erfreut. So kann es schon mal zu Warteschlan... Foto: Josef Lamber

    Der Leserin M.M. (Lkr. Schweinfurt), einer Besucherin des Schweinfurter Theaters, wurde die Veröffentlichung eines Leserbriefes in der Zeitung abgelehnt. Das halte ich für einen Fehler. Mit der folgenden Schilderung des Vorgangs mache ich auch redaktionelle Grundsätze deutlich.

     

    Lange Schlange vor der Kasse

    Der lokale Leserbrief der Frau hat dargestellt, dass sich (Sa., 4.11.) vor der Kasse des Schweinfurter Theaters eine lange Schlange aus (so schätzt Frau M.M.) 100, 150 oder mehr Leuten gebildet hatte. Zweieinhalb Stunden habe sie warten müssen. Deshalb hat sie gefragt: „Warum haben sie nicht die zweite Kasse geöffnet?“

     

    Die grundsätzliche Voraussetzung

    In der zuständigen Redaktion wurde die Ablehnung dieser Zuschrift damit begründet, dass sie sich nicht direkt auf einen zuvor erschienenen Artikel bezieht. Denn das ist eine grundsätzliche Voraussetzung für die Veröffentlichung von Leserbriefen in der Zeitung. Allerdings sollte wegen dieser fehlenden Voraussetzung für die Veröffentlichung des Briefes nicht auch das darin angesprochene Thema vom Tisch sein. So verdient aus meiner Sicht gerade die Mitteilung über eine gewaltige Warteschlange vor einer beliebten städtischen Einrichtung Beachtung in einer Lokalredaktion.

     

    Auf das Theater verwiesen

    Bei der Lokalredaktion wurde die Frau aber noch mit dem Hinweis abgewiesen, sie solle sich doch direkt an die Theater-Verantwortlichen wenden. Den hat sie freilich als wenig hilfreich empfunden. Stattdessen hat Frau M.M. hilfesuchend an mich, den Leseranwalt, geschrieben. Dabei hat sie mich wissen lassen, sie habe auch Mitwartenden zugesagt, den Missstand öffentlich zu machen. Da stehe sie im Wort.

     

    Die Lösung: Selbst recherchieren

    Diese Zusage der Frau an Dritte, so betone ich ausdrücklich, ist es aber nicht, was auch die Redaktion zur Veröffentlichung verpflichten könnte. Die würde damit ihre Unabhängigkeit gegen eine ungeprüfte Beliebigkeit austauschen.

    Die Lösung lautet: Die Redaktion muss selbst recherchieren (Stichwort #Sorgfaltspflicht), um zu sehen, ob die Schilderung der Frau zutrifft und – wenn ja – im Theater nachfragen, wie man künftig darauf reagieren wolle. Davon sollte selbst große Belastung (siehe "Was Auszeichnungen und Fehler verbindet"/Zur Transformation in der Redaktion) nicht abhalten.

     

    Wertvolles Vertrauen enttäuscht

    Eine erkennbare journalistische Reaktion blieb jedenfalls nach dem Leserbrief aus. Leider. So wurde wertvolles Vertrauen mindestens einer Leserin in ihre Lokalzeitung enttäuscht. Die vermutet „eine gewisse Beziehung“ der Redaktion zum Theater, die man „nicht strapazieren“ wolle. Das ist es aber nicht. Denn die Freikarten, welche die Frau in einem Gespräch mit mir hinter den "gewissen Beziehungen" vermutet, sind Arbeitskarten. Die gibt es fast überall für die Journalisten, die aus den Vorstellungen berichten. Grundsätzlich sind professionelle Beziehungen von Redaktionen zu Institutionen unerlässlich. Die hindern jedoch nicht daran, dort die Verantwortlichen auch mit kritischen Fragen zu „strapazieren“.

     

    Empfehlungen des Theaterleiters

    Ausnahmsweise habe ich das Nachfragen als Leseranwalt mal telefonisch nachgeholt. Der für das Schweinfurter Theater zuständige Kulturamtsleiter der Stadt Schweinfurt, Christian Kreppel, war bei meinem Anruf keineswegs strapaziert. Er kannte den Andrang vor der Kasse, hat Verständnis gezeigt und angekündigt, demnächst an solchen Tagen zwei Kassen zu öffnen und für den  Telefonservice  (etwa 2000 Anrufe an besagtem Abend) eine zusätzliche Kraft einzusetzen. Er empfiehlt zudem für den Kartenkauf (etwa dienstags) den Bürgerservice im Rathaus zu nutzen, der ebenfalls um weitere MitarbeiterInnen verstärkt werde.

    Frau M.M. hat sich nach meinem Anruf auch mit ihrer Zeitung versöhnt gezeigt und wird es nun wahrscheinlich auch mit dem Theater sein ...

    Anton Sahlender, Leseranwalt, siehe auch www.vdmo.de

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