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    LESERANWALT

    Warum denn nicht? Bambis Geburtstag ganz vorne

    Walt Disneys Kitz auf der Titelseite, das hat auch Missfallen ausgelöst

    Haben wir als Regionalzeitung als Aufmacher nur 'Bambi hat Geburtstag'?“ Das fragt mich ein Mitarbeiter aus dem Unternehmen, aber nicht aus der Redaktion. „Wie peinlich ist das denn?“ schreibt er, weil nicht nur seiner Meinung nach der 75. Geburtstag des Rehkitz‘ von Walt Disney nicht auf den Titel der Zeitung (8. August) gehört hätte. Er beklagt sich bei mir, „was glaubst Du, was ich von meinen Nachbarn und Bekannten zu hören bekommen habe.“ – Ich kann es mir zumindest vorstellen.
     

    Die Auseinandersetzung muss bei Lesern nicht enden

    Erfreulich ist es ja, wenn eine Tageszeitung Gesprächsthemen liefert. Das geht zuweilen aber nicht ohne Beurteilung ihrer Inhalte und deren Platzierung. In diesem Fall geht es um die gedruckte Zeitung. Die Auseinandersetzung darüber sollte in der Redaktion beginnen und muss bei Lesern nicht enden. Und im besten Fall kehrt es aus der Leserschaft wieder in die Redaktion zurück.
     

    Bambi ist Kultur

    So komme ich zu „Bambi“ als Titelbild der Zeitung. Das fiel am 8. August ins Auge. Doch Tragweite oder gewaltige Bedeutung hat es nicht. Es gehört zur Unterhaltung und Kultur, die Teil jeder Zeitung ist. Und weltweit kennt man Bambi, das natürlich auch „Freunde“ in der Region hat, in der die Titel der Main-Post erscheinen. Ausführlich ist deshalb der Zeichentrick-Klassiker mit der Tier-Figur in der Zeitung (S.16), angefangen von seiner Weltpremiere am 8. August 1942 in London, dargestellt (Siehe Fotos). 





     

    Der Tragweite Genüge getan

    Eigentlicher Aufmacher vorne auf der Titelseite der Zeitung, direkt unter dem Bambi-Bild, ist jedoch ein Artikel über den Tourismus-Boom in Bayern („Ferienziel Bayern immer beliebter“). Der hat auch für diese Region Bedeutung. Und auch im Inneren der Zeitung dieses Tages ist in Beiträgen dem Nachrichtenfaktor „Tragweite“ noch ausreichend Genüge getan: darunter Eierskandal, VW-Affäre, Folgen des Brexit, Wetterkapriolen in Europa oder Ehrenamt. Ich verstehe, dass es Leser gibt, die sich davon geeignetere Titelbilder hätten vorstellen können.

     

    Regionale Ereignisse sind gesucht

    Allerdings gibt es Leser, die es als angenehm empfinden (und das öfter in Zuschriften mitteilen), wenn nicht nur Schlagzeilen von großer Tragweite sofort ins Auge springen, über aktuelle Weltpolitik, Katastrophen oder gesundheitliche Gefahren. Deshalb sind gerade Ereignisse von regionaler Bedeutung in der Redaktion für den Titel gesucht, liegen aber nicht immer vor. Finden sie sich im Sport, droht ein Konflikt zwischen Nah und Fern oder zwischen Anhängern unterschiedlicher Sportarten. Überdies kann leicht eine zu starke Würzburg-Lastigkeit entstehen. So bleibt zuweilen als Alternative auch ein unterhaltender Beitrag, der viele Menschen erreicht. Also: Warum nicht Bambi?
     

    Mehr als 300 Titelseiten jährlich

    Grundsätzlich gebe ich zu: Über die Eignung von Themen für Titelseiten von Zeitungen lässt sich trefflich streiten. Natürlich auch über Beiträge für prominente Platzierungen ihrer Websites, bei denen das Streben nach Reichweite dominiert. Positionen von Lesern und Nutzern von Tageszeitungen hängen dagegen von eigenen Interessen und vom Wohnort oder Lebensmittelpunkt ab. Das ist eine Schwierigkeit für die Redaktion, die eine möglichst große Akzeptanz erreichen will.
    So sage ich auch dem Kollegen, seinen Nachbarn und Bekannten: Es hätte am 8. August nicht nur Bambi gegeben. Aber bei jährlich mehr als 300 Titelseiten der Zeitung mögen sie doch mal das Disneys-Kitz tolerieren – und sei es anderen Lesern zuliebe.

    Weitere ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:
    "Für Smartphone und Sex auf der Titelseite hatten viele Leser kein Verständnis" (2014)
    "Was in der Welt geschieht, könnte auch für die eigene Region von Bedeutung sein" (2013)
    "Diskutieren Sie mit, welches Thema unbedingt auf der Titelseite der Zeitung stehen sollte" (2013)
    "Ein Leser und seine Frau wünschen sich gute Nachrichten" (2008)
     "Gute und schlechte Nachrichten, eine Frage der Perspektive" (2017)
     
    Anton Sahlender, Leseranwalt

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