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    BERLIN

    Auf dem Weg ins Schloss Bellevue

    Bundespräsidentenkür: Er war schon immer so etwas wie ein Kümmerer vom Dienst. Die Deutschen jedenfalls mögen Frank-Walter Steinmeier.

    Das Kofferpacken ist er gewohnt. Als Außenminister mit der mittlerweile drittlängsten Amtszeit nach Hans-Dietrich Genscher (FDP) und nur noch knapp hinter Joschka Fischer (Grüne) hat Frank-Walter Steinmeier in seinem Büro im Auswärtigen Amt praktisch immer einen gepackten Koffer griffbereit, wenn er wieder einmal in der Welt unterwegs ist, um sich mit Präsidenten, Regierungschefs, Außenministern und anderen Wichtigen und Mächtigen zu treffen. Am Sonntagabend erst ist er mal wieder nach Brüssel geflogen, um im Kreise seiner EU-Amtskollegen über die Folgen der Wahlen in den USA zu beraten. Am heutigen Dienstag ist Ankara sein Ziel, wo er sich mit seinem türkischen Kollegen Mevlut Cavusoglu treffen will.

    Nun heißt es für ihn wieder einmal Koffer packen. Denn der 60-jährige Chefdiplomat mit dem schlohweißen Haar und der charakteristischen Brille mit dem dicken schwarzen Rand steht vor der Krönung seiner politischen Laufbahn, dem Umzug ins Schloss Bellevue, Amtssitz des Bundespräsidenten im Berliner Tiergarten. Seiner Wahl zum zwölften Staatsoberhaupt in der Geschichte der Bundesrepublik steht praktisch nichts mehr im Weg.

    Wiederwahl 2021 nicht ausgeschlossen

    CDU und CSU haben ihren Widerstand gegen den Kandidaten von SPD-Chef Sigmar Gabriel aufgegeben und akzeptieren ihn als gemeinsamen Bewerber der Großen Koalition. Bei der Wahl durch die Bundesversammlung am 12. Februar dürfte ihm schon im ersten Wahlgang eine satte Mehrheit sicher sein. Ab dem 18. März, wenn die Amtszeit von Joachim Gauck endet, ist er dann für fünf Jahre Hausherr im noblen klassizistischen Schloss am Spreeufer, Wiederwahl 2021 nicht ausgeschlossen.

    Leicht ist dies der Union nicht gefallen. Bis zuletzt versuchten die Parteichefs Angela Merkel und Horst Seehofer, im Wahljahr die eigene Stärke in der Bundesversammlung, in der man mit Abstand die meisten Vertreter stellt, für einen Kandidaten aus den eigenen Reihen zu nutzen. Doch das war leichter gesagt als getan. Merkel handelte sich Absage um Absage ein, kein Christdemokrat wollte sich für das höchste Amt im Staat bewerben.

    Die Entscheidung für Steinmeier fiel schließlich am Samstag in München, wo sich der Außenminister mit Seehofer zu einem vertraulichen Gespräch traf. Zwar hatte die CSU noch Anfang der Woche den Beschluss gefasst, dass man auf der Nominierung eines CDU-Mitglieds bestehe. Doch Seehofer wollte in jedem Fall verhindern, dass Merkel mit dem grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, einen Mann ins Rennen schickt, der wie kein anderer für ein schwarz-grünes Bündnis steht. Ein derartiges Signal dürfe es unter keinen Umständen ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl geben, hieß es in der CSU. Unter diesen Umständen sei man bereit, Steinmeier den Vorzug zu geben.

    Die Botschaft kam in Berlin an. Merkel verstand. Sie durfte nach dem Dauerstreit um die Flüchtlingspolitik die bayerische Schwesterpartei nicht ein weiteres Mal brüskieren, sondern musste die eigenen Reihen schließen. In der Telefonkonferenz mit den Mitgliedern des CDU-Präsidiums warb sie um Steinmeier und sprach von einer „Entscheidung aus Vernunft“. Die Begeisterung hielt sich allerdings in Grenzen. Finanzminister Wolfgang Schäuble sprach nach Teilnehmerangaben von einer „Niederlage“ der Union.

    Auch sein Staatssekretär Jens Spahn kritisierte, mit dieser Entscheidung sende die CDU das Signal aus, eine Wiederauflage der Großen Koalition anzustreben.

    Frank-Walter Steinmeier kann dies egal sein. Wie kein anderer weiß er aus eigener Erfahrung, dass das Amt zum Mann kommt, nicht der Mann zum Amt. Als einfacher Referent für Medienrecht und Medienpolitik fing der promovierte Jurist 1991 in der niedersächsischen Staatskanzlei an. Sein damaliger Chef, Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD), erkannte rasch das Talent des ebenso unauffälligen und ruhigen wie äußerst zielstrebigen Referenten und beförderte ihn zu seinem Büroleiter und Leiter der Ressortkoordinierung, später gar zum Chef der Staatskanzlei. Die Arbeitsteilung funktionierte. Schröder, das Alphatier, gewann 1998 erst die Landtagswahlen, dann die Bundestagswahlen. Steinmeier, das Arbeitstier im Hintergrund, sorgte für ein reibungsloses Funktionieren des Regierungsapparats und erwarb sich einen Ruf als „Seine Effizienz“.

    Mit Gerhard Schröder zog Steinmeier als Staatssekretär ins Berliner Kanzleramt und trat im Juli 1999 die Nachfolge von Bodo Hombach als Chef der Regierungszentrale ein. Als engster Vertrauter Schröders hielt er das oftmals schlingernde rot-grüne Regierungsboot auf Kurs, vermittelte zwischen Sozialdemokraten und Grünen, entschärfte Konflikte und hielt seinem Chef den Rücken frei, sowohl die Reform des Renten- und Gesundheitssystems als auch die Agenda 2010 mit den Hartz-Gesetzen wurden maßgeblich von ihm formuliert und im parlamentarischen Prozess durchgesetzt.

    Die Niederlage Schröders 2005 bedeutete nicht das Ende seiner politischen Karriere. Im Gegenteil, Steinmeier trat aus dem Schatten seines Mentors hervor, wurde Außenminister und Vizekanzler der ersten Großen Koalition unter Angela Merkel und wurde rasch so populär, dass ihn seine Partei 2009 zum Kanzlerkandidaten kürte. Doch es war ein aussichtsloses Rennen.

    Zwar bewies der sonst so ausgeglichene, ruhige und besonnene gebürtige Westfale, der schon in seiner Jugend als Libero bei der TuS 08 Brakelsiek nach eigenen Worten sein „Kämpferherz“ und seinen „langen Atem“ unter Beweis gestellt hatte, dass er auch Wahlkampf kann. Am Ende aber landete die SPD bei enttäuschenden 23 Prozent und musste auf den Oppositionsbänken Platz nehmen.

    Für Steinmeier hatte das Wahldebakel keine Folgen. Er blieb als Fraktionschef der SPD im engeren Führungszirkel der Partei und führte die Sozialdemokraten 2013 wieder als Juniorpartner der Union zurück an die Macht. Er selbst kehrte als Nachfolger seines Nachfolgers Guido Westerwelle (FDP) ins Auswärtige Amt zurück. Die Welt allerdings war in der Zwischenzeit eine andere geworden.

    Steinmeier selbst sprach davon, dass sie aus den Fugen geraten sei. Im Nahen und Mittleren Osten, in Nordafrika und in der Ostukraine, überall brannte es, die Beziehungen zu Russland und zur Türkei verschlechterten sich dramatisch. Steinmeier versuchte zu moderieren und zu schlichten, auszugleichen und zu versöhnen. Zusammen mit seinem US-Kollegen John Kerry handelte er mit dem Iran das Atomprogramm aus und hielt den Kontakt zum russischen Amtskollegen Sergej Lawrow. Dagegen nannte er Donald Trump im Wahlkampf einen „Hassprediger“.

    Seiner Frau Niere gespendet

    Nun wartet die nächste Herausforderung. Für den Mann, der 2010 viele Menschen in der Republik beeindruckt hat, weil er seiner damals schwer kranken Frau, der Berliner Verwaltungsrichterin Elke Büdenbender, eine Niere spendete. Seit Jahren gehört er zu den beliebtesten Politikern im Land. Ob der Vater einer erwachsenen Tochter der neuen Aufgabe gewachsen sein wird? Für Mama Ursula steht dies außer Zweifel. „Er ist besonnen, ehrlich, vermittelnd und niemals aufbrausend“, sagt die 87-Jährige dem „Westfalen-Blatt“. Sie hoffe allerdings, dass er dem Amt gesundheitlich gewachsen ist. „Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste, und er hat doch vor sechs Jahren seiner Frau eine Niere gespendet. Aber ich denke schon, dass er das schafft.“

    An Vorschusslorbeeren jedenfalls herrscht kein Mangel. Steinmeier werde ein „sehr guter Bundespräsident“, sagt sein „Ziehvater“ Schröder; Steinmeier genieße das Vertrauen der Bürger, sagt sein Förderer, SPD-Chef Gabriel. Und dieses Vertrauen sei „in einer Zeit der Brüche, der Umbrüche, der Unsicherheit“ besonders wichtig.

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