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    AUGSBURG

    „Ich würde alle Häftlinge am liebsten entlassen“

    Der Ex-Gefängnisdirektor Thomas Galli fordert eine radikale Reform des Strafvollzugs. Straftäter sollten gemeinnützig arbeiten, nur die schlimmsten weggesperrt werden.

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    Die Kamera lief, und die Reporterin der Sendung „Stern TV“ wollte wissen, was er am liebsten mit den Insassen seines Gefängnisses machen würde. Thomas Galli, der zu jener Zeit Leiter der sächsischen JVA Zeithain war, dachte kurz nach und antwortete: „Ich würde am liebsten alle entlassen.“ Wahrscheinlich markierte diese Szene den endgültigen Bruch Gallis mit dem deutschen Gefängnissystem. Wenig später quittierte der Augsburger seinen Dienst. Heute ist der 43-Jährige einer der profiliertesten Kritiker des Strafvollzugssystems.

    Frage: In der öffentlichen Wahrnehmung sind Sie der ehemalige Gefängnisdirektor, der die Gefängnisse abschaffen möchte. Fühlen Sie sich korrekt getroffen?

    Thomas Galli: Die Beschreibung ist etwas zugespitzt und wird meiner Position auch nicht bis in letzte Detail gerecht. Aber ja, es stimmt: Ich halte das Gefängnissystem in seiner jetzigen Form für kontraproduktiv und würde es deshalb am liebsten abgeschafft wissen.

    Sie beschreiben Haftstrafen als „kostenintensive Symbolik“.

    Galli: Haftstrafen suggerieren, dass sie die Allgemeinheit schützen und die Sicherheit für jeden einzelnen von uns erhöhen. Der Schutz der Gesellschaft vor den gefährlichsten ihrer Mitglieder ist eines der stärksten Argumente für den Strafvollzug. Das Problem ist, dass der gegenwärtige Strafvollzug diesen Anspruch oft gar nicht einlöst. Die Mehrheit der Straftäter wird in der Haft nicht ausreichend resozialisiert. Die Straftäter sind für die Allgemeinheit nach ihrer Haftentlassung oft gefährlicher als vor ihrer Haft. Gleichzeitig kostet das jetzige Gefängnissystem enorm viel Geld. Geld, das man bedeutend besser einsetzen könnte, zum Beispiel in die Bildungs- und Präventionsarbeit.

    Verwandelt die Haft Straftäter in noch gefährlichere Straftäter?

    Galli: Je länger wir Menschen hinter Gitter stecken, desto schwerer ist es, sie anschließend wieder in der Gesellschaft zu integrieren.

    Wie hoch sind die Rückfallquoten?

    Galli: Es gibt darüber verhältnismäßig wenige Studien. Das ist in meinen Augen schon bezeichnend genug. Als ob man der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen möchte. Grundsätzlich geht man bei erwachsenen Straftätern von einer Rückfallquote zwischen 30 und 50 Prozent aus.

    Warum sind diese Quoten derart hoch?

    Galli: Man muss sich vor Augen führen, dass in einem Gefängnis Hunderte von Straftätern auf engstem Raum aufeinander leben. Sie lernen voneinander und bestärken sich in ihren Haltungen. Salopp formuliert sind Gefängnisse eine Hochschule für Verbrecher. Es gibt dort eine Parallelkultur mit eigenen Werten und Normen.

    Denken Sie auch an die Gefahr einer islamistischen Radikalisierung?

    Galli: Mehrere französische Attentäter waren Kleinkriminelle, die sich erst im Gefängnis religiös radikalisiert haben. Ähnliche Radikalisierungsprozesse sind auch in deutschen Gefängnissen zu beobachten. Viele Gefangene erleben ihre Haft als tiefe Kränkung und massiven Eingriff des Staates in ihr Leben. Das erhöht zwangsläufig die Gefahr, dass sie sich staatsfeindlichen Ideologien zuwenden.

    Die ganzen Therapien und Bildungsmaßnahmen hinter Gittern: Also alles sinnlos?

    Galli: Es werden gute Sachen angeboten, keine Frage. Aber dann machen die Gefangenen hinter Gittern einen Schulabschluss oder eine Ausbildung, und dann? Dann finden sie später dennoch nur schwer eine Arbeit, weil die Haftzeit einfach ein großer Makel ist, der fett im Lebenslauf steht. Viele rutschen nach ihrer Haft in prekäre Verhältnisse, was eine erneute Straftat zumindest nicht unwahrscheinlicher macht. Im günstigsten Fall liegen sie nur den Sozialkassen auf den Taschen. Aber selbst das ist ärgerlich genug.

    Was schwebt Ihnen stattdessen vor?

    Galli: Ich würde viele verurteilte Straftäter nicht mehr ins Gefängnis stecken, sondern sie stattdessen zu gemeinnütziger Arbeit verpflichten.

    Welche Art von Arbeit?

    Galli: Die Straftäter könnten in staatlichen Betrieben arbeiten, in Altersheimen oder sie könnten Straßen kehren. Natürlich dürften zum Beispiel keine Pädophilen in einem Kindergarten arbeiten, das ist klar. Grundsätzlich hätte die Gesellschaft aber einen Nutzen davon, wenn Straftäter gemeinnützig arbeiten würden. Es würde zweitens den Strafvollzug wesentlich günstiger machen. Und drittens würde Arbeit statt Haft die Resozialisierungschancen der Gefangenen erhöhen. Sich frei bewegende Straftäter würden das Sicherheitsgefühl vieler Menschen massiv beeinträchtigen. Wo dies sachlich geboten ist, müssten selbstverständlich elektronische Fußfesseln eingesetzt werden. Auch ein elektronisch überwachter Hausarrest wäre denkbar.

    Was ist mit der Abschreckung, die neben der Resozialisierung und der Sicherung der Allgemeinheit ein wichtiger Aspekt der Haft ist?

    Galli: Gemeinnützige Arbeit und eine elektronische Fessel am Fuß können durchaus einen Abschreckungseffekt auf Straftäter oder Menschen haben, die eine Straftat planen.

    Was ist mit dem Aspekt der Vergeltung?

    Galli: Vergeltung ist die gesetzlich reglementierte Form von Rache.

    Das klingt abwertend.

    Galli: Nein. Der Wunsch nach Vergeltung ist in allen von uns verwurzelt. Vor allem die Opfer und ihre Angehörigen haben den Anspruch darauf, dass der Täter entsprechend bestraft wird. Vergeltung hat darüber hinaus auch eine gesellschaftliche Funktion, weil sie die geltenden Normen immer wieder aufs Neue bekräftigen. All diese Funktionen leistet aber meiner Ansicht nach auch ein reformiertes Strafsystem, das nicht mehr nur auf Haftstrafen setzt.

    Was ist mit Mördern, Totschlägern oder Vergewaltigern?

    Galli: Für mein Modell, das die Haft durch gemeinnützige Arbeit ersetzen will, kommen selbstverständlich nicht alle Täter infrage. Ich denke in dieser Hinsicht vor allem an Täter, die zu einer Haft von ein, zwei oder drei Jahren verurteilt worden sind. Dabei handelt es sich aber um die große Mehrheit der in Deutschland Inhaftierten.

    Straftäter also wie Uli Hoeneß. Der Präsident des FC Bayern München saß wegen Steuerhinterziehung knapp zwei Jahre in Haft. Und was hat es der Gesellschaft gebracht, dass Hoeneß im Gefängnis saß?

    Galli: Hätte er in dieser Zeit stattdessen gemeinnützig gearbeitet, hätte er zumindest einen Teil des von ihm angerichteten Schadens wieder gutmachen können. So hat seine Haft den Steuerzahler monatlich noch 4000 Euro gekostet.

    Was aber tun mit den schweren Fällen?

    Galli: Wir müssen uns damit abfinden, dass manche Menschen zeit ihres Lebens eine Gefahr für die Allgemeinheit sein werden. Ich bin sehr skeptisch, was die Wirksamkeit von Therapien in Gefängnissen anbetrifft. Diese dauern sehr lange, kosten sehr viel Geld und bringen in vielen Fällen nicht wirklich etwas.

    Was bedeutet dies konkret?

    Galli: Manche Straftäter sollten ihr restliches Leben von der Allgemeinheit getrennt verbringen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie in einem eigenen Dorf leben. Sie sollten menschenwürdig untergebracht werden. Aber man sollte so ehrlich sein und ihnen von Anfang an sagen: Ihr werdet nie mehr in Freiheit leben können. Das halte ich für menschenwürdiger als den Kreislauf aus Sicherheitsverwahrung, Therapien und Prognosen.

    Thomas Galli, 1973 geboren, arbeitete 15 Jahre lang im Strafvollzug. 2013 wurde er Leiter der sächsischen JVA Zeithain. Seit 2016 arbeitet Galli als Rechtsanwalt in Augsburg. Mit dem deutschen Strafvollzug beschäftigt sich Galli auch in seinen Büchern „Die Schwere der Schuld“ und jüngst in „Die Gefährlichkeit der Täter“. Beide Bücher sind im Eulenspiegel Verlag erschienen.

    Das Gespräch führte Christoph Hägele

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