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    BERLIN

    Martin Schulz wirkt auf die SPD wie ein Vitaminschub

    Die Sozialdemokraten feiern den neuen Spitzenmann. Doch wofür steht er politisch? Beim Koalitionspartner CDU und der Opposition gibt man sich gelassen.

    Martin Schulz – hier in der Parteizentrale in Berlin vor einer Skulptur von Willy Brandt – ist der Hoffnungsträger der S... Foto: Gregor fischer, dpa

    Fast scheint es so, als habe ein unsichtbarer Geist über Nacht einen Tankwagen voller Endorphine über dem Fraktionssaal der SPD ausgeschüttet. Mit einem Schlag sind Resignation und Enttäuschung, die zuletzt in den Reihen der Sozialdemokraten weit verbreitet waren und lähmend gewirkt haben, verschwunden. Stattdessen herrscht an diesem Mittwoch eine heitere, fast ausgelassene Stimmung. Johannes Kahrs, der einflussreiche Chef des konservativen „Seeheimer Kreises“, strahlt. Aber auch die Vertreter der „Parlamentarischen Linken“ wirken, als würden sie auf einer Wolke schweben.

    Die plötzliche Euphorie hat einen Namen: Martin Schulz. Als der frühere Bürgermeister von Würselen und langjährige Präsident des Europäischen Parlaments an der Seite von Fraktionschef Thomas Oppermann den Sitzungssaal betritt, erheben sich die Abgeordneten von ihren Stühlen und spenden ihm minutenlang Beifall. Der Coup Gabriels, der am Vortag seinen Rücktritt als SPD-Chef und seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur verkündet hat, wirkt wie eine Befreiung. Von einer „Aufbruchstimmung“ spricht Fraktionschef Oppermann hinterher, der Auftritt von Schulz vor der Fraktion sei ein „erfolgreicher Startschuss für das Wahljahr“ mit drei Landtags- und der Bundestagswahl.

    Große Erleichterung

    Mit dieser Beurteilung steht Oppermann nicht alleine da. In der gesamten SPD ist die Erleichterung groß, dass sich Gabriel von sich aus zurückgezogen und den Weg für einen personellen Neuanfang freigemacht hat. Wohin allerdings die Reise unter einem SPD-Chef und Kanzlerkandidaten Schulz geht, bleibt weiter offen, ebenso die Frage, wie er sich inhaltlich positionieren und welche Akzente er setzen will.

    Einerseits verspricht er, dass die SPD den Koalitionsvertrag erfüllen und „bis zum letzten Tag“ vertragstreu an der Seite Merkels regieren wolle. Andererseits erhebt er den Anspruch, die Regierung übernehmen und das Land führen zu wollen: „Wir wollen, in welcher Konstellation auch immer, den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland stellen.“

    Solche Worte hören die verunsicherten Genossen gerne. Für die Linken in der SPD ist dies auch das dringend erhoffte Signal, dass Schulz, obgleich Mitglied des konservativen „Seeheimer Kreises“ und Vertreter des rechten Flügels wie Gabriel, eine rot-rot-grüne Koalition nicht ausschließt. „Das ist die einzige Machtoption, die wir haben“, sagt ein SPD-Linker, „wir müssen uns endlich offensiv dazu bekennen.“

    Der Überraschungscoup des Sigmar Gabriel, sowohl auf den Parteivorsitz als auch auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten und sich ins Auswärtige Amt zurückzuziehen, hat auch die Union kalt erwischt. Nicht einmal die Bundeskanzlerin wurde, wie es sich eigentlich gehört hätte, von ihrem Vize vorab über seine Zukunftsplanung informiert. Im Kanzleramt wie im Konrad-Adenauer-Haus hatte man sich eigentlich auf Gabriel als Herausforderer der Regierungschefin eingestellt. Mit Blick auf seine anhaltend schlechten Umfragewerte und seine geringe Beliebtheit selbst in den Reihen der SPD galt er, daraus machten die Strategen hinter vorgehaltener Hand kein Geheimnis, als der leichtere Gegner im Vergleich zu Martin Schulz.

    Gleichwohl bleibt die Union auch nach der Rochade beim Koalitionspartner gelassen. Schulz habe zwar deutlich bessere Werte als Gabriel. Aber er sei in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, man wisse nicht, wofür er bei zentralen Fragen stehe. So zeichnet sich schon am Tag nach der Nominierung von Schulz ab, dass die Union seine Unerfahrenheit in der Bundespolitik in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung stellen wird. „Martin Schulz ist ein erfahrener Europapolitiker, aber in der Innenpolitik ein unbeschriebenes Blatt“, sagt der Chef der baden-württembergischen CDU-Landesgruppe im Bundestag, Andreas Jung, gegenüber dieser Redaktion. Da sei noch „viel Nebel“.

    „Verhinderter Grüß-Gott-Onkel“

    Noch deutlicher wird der stellvertretende Unionsfraktionschef Georg Nüßlein (CSU): „Den Populisten gibt er noch mehr als Gabriel.“ Es stelle sich die Frage, was man von einem Kanzlerkandidaten halten solle, der eigentlich viel lieber in Brüssel Präsident des Europaparlaments geblieben wäre. „Für den verhinderten Grüß-Gott-Onkel des EU-Parlaments die Kanzlerkandidatur als Trostpflaster? Wen soll das überzeugen?“, so der Schwabe.

    Verabschiedet sich die SPD mit Martin Schulz von der Großen Koalition und rückt deutlicher nach links, strebt der Kandidat gar offensiv ein rot-rot-grünes Bündnis an? Bei den Grünen wie bei den Linken ist die Skepsis groß; beide Parteien glauben, dass sie von Schulz nicht zu viel erwarten können. „Unser natürlicher Bündnispartner war schon immer die SPD“, heißt es bei den Grünen. „Aber gefühlt rückt Rot-Rot-Grün mit Martin Schulz in weite Ferne – aber Schwarz-Grün nicht näher“, sagt Ekin Deligöz vom Realo-Flügel der Fraktion. Als Außenminister wäre der überzeugte Europäer Schulz „der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ gewesen, aber als Kanzlerkandidat sei er doch noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt.

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