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    Schlaflos in Kreuzberg

    In einem beispiellosen Verhandlungsmarathon nehmen die Spitzen von CDU, CSU und SPD die entscheidende Hürde. Von Currywurst, Skatrunden und eingeschlagenen Autoscheiben.

    CSU-Chef Horst Seehofer, die CDU-Vorsitzende Angela Merkel und der SPD-Vorsitzende Martin Schulz Foto: Tobias Schwarz, afp

    Kreuzberger Nächte sind lang“, sangen schon vor 40 Jahren die Gebrüder Blattschuss. Doch diese ganz spezielle Nacht hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), SPD-Chef Martin Schulz und den CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer sichtlich an den Rand ihrer Kräfte gebracht. Als sie am Morgen in der SPD-Zentrale im Berliner Szene-Stadtteil die Ergebnisse ihres mehr als 24-stündigen Verhandlungsmarathons vorstellen, wirken sie blass und erschöpft. Aber auch mächtig erleichtert. Schließlich haben sie gerade die nächste, vielleicht entscheidende Hürde auf dem noch langen Weg zu einer Neuauflage der Großen Koalition genommen.

    Nach dem großen Finale der fünftägigen Sondierungen legt das Spitzen-Trio ein Ergebnispapier vor, das nicht wie angekündigt nur eine Handvoll Seiten umfasst, sondern 28. An drei weißen Stehpulten sprechen sie von „hervorragenden Ergebnissen“ (Schulz), „sehr tief greifenden Sondierungen“ (Merkel) und einem Papier „das sich in allen Punkten sehen lassen kann“ (Seehofer).

    Dabei gab es eine beeindruckend lange Reihe von Punkten, die höchst umstritten waren, um die zäh gefeilscht wurde – bis zuletzt. Ob bei den Themen Rente, Zuwanderung, Steuern oder Gesundheit – dass so viele Kompromisse gefunden würden, schien zwischenzeitlich fraglich. Angela Merkel räumt ein, dass sie 24 Stunden zuvor nicht sicher gewesen sei, ob eine Einigung gelingen könne.

    Selbst die Bundeskanzlerin, die als Meisterin in der Disziplin Marathon-Verhandlungen gilt, hat eine solche Nacht noch nie zuvor erlebt. Ihre jeweils siebzehnstündigen Gespräche zur Griechenland-Rettung oder über eine Waffenruhe in der Ostukraine galten bislang als Rekord. Das Sondierungsfinale in der Berliner SPD-Zentrale hat noch fast einen gewöhnlichen Achtstunden-Arbeitstag länger gedauert. Manche Verhandlungsteilnehmer haben das Willy-Brandt-Haus sogar noch einige Stunden länger nicht verlassen. Vor allem die drei Verhandlungsführer Merkel, Schulz und Seehofer können sich kaum eine Pause erlauben im finalen Ringen um ein tragfähiges Regierungskonzept. Ab Mitternacht müssen sie die verbleibenden Streitpunkte im kleinen Kreis ausräumen.

    Für die übrigen Sondierer heißt es in der Zwischenzeit: warten. Am Buffet ist besonders die Currywurst gefragt, in der Nacht der dicken Brocken wärmt deftige Gulaschsuppe. Dazu kannenweise Kaffee zum Wachbleiben. „Keiner wollte sich die Blöße geben, als erster vom Stuhl zu fallen“, sagt der stellvertretende Unionsfraktionschef Georg Nüßlein.

    Die Nacht zieht sich, einige Politiker erholen sich beim Skat vom Koalitions-Poker. Immer wieder vertreten sich Politiker in der kalten Kreuzberger Nacht die Beine. Ursula von der Leyen (CDU), gehüllt in einen hellen Wollponcho, bricht gemeinsam mit Parteifreundin Julia Klöckner (in Daunenjacke) und CSU-Frau Dorothee Bär (in Pumps) zum gemeinsamen Spaziergang auf. „Mal kurz mit dem Hund gehen“ will Michael Groschek. Obwohl der nordrhein-westfälische SPD-Vorsitzende natürlich gar keinen dabeihat. Statt dessen passt eine Schar von Personenschützern auf die Polit-Prominenz auf.

    Denn in Kreuzberg schläft auch das Verbrechen nicht. So schlagen Unbekannte in unmittelbarer Nähe zum streng bewachten Willy-Brandt-Haus die Scheiben von drei geparkten Autos ein. Aus dem Wagen eines Pressefotografen wird teure Ausrüstung gestohlen. Dass in Deutschland 15 000 zusätzliche Polizisten eingestellt werden sollen, darauf hatten sich die Sondierer aber schon Tage zuvor geeinigt.

    Schwieriger, so berichtet ein Teilnehmer, seien die Gespräche über die künftige Einwanderungspolitik gelaufen. Neben einem Einwanderungsgesetz für Fachkräfte werden schließlich Einschränkungen beim Familiennachzug für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutzstatus und ein jährlicher Richtwert für die Aufnahme von Flüchtlingen vereinbart. „Es ist ein Papier des Gebens und Nehmens, das für unsere Gesellschaft einen breiten Bogen aufspannt“, sagt Angela Merkel.

    Juso-Chef Kevin Kühnert hingegen kündigt an, bis zum Parteitag in Bonn am 21. Januar alles zu unternehmen, um die 600 Delegierten zu überzeugen, die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen abzulehnen.

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