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    BERLIN

    Sigmar Gabriel als Chef-Diplomat - kann das gut gehen?

    Als Wirtschaftsminister tappte er im Ausland in manches Fettnäpfchen. Als Außenminister muss er vorsichtiger werden. Ob er auf dem glatten Parkett besteht?

    Sigmar Gabriel ist für sein Temperament bekannt. Im Auswärtigen Amt legt man die Worte hingegen auf die Goldwaage. Foto: Britta Pedersen, dpa

    Gerade einmal dreieinhalb Kilometer sind es vom Bundeskanzleramt im Berliner Spreebogen bis zum Auswärtigen Amt am Werderschen Markt. Und doch liegen Welten zwischen der Regierungszentrale und dem Sitz des Außenministers. Das Heer der Diplomaten lebt gefühlt in einer anderen Welt als der Rest der Regierungsbeamten. Das Haus, das nach alter Tradition nicht „Ministerium“ heißt und seine Akten nicht dem Bundesarchiv aushändigen muss, sondern selber verwalten darf, ist stolz darauf, dass praktisch nichts aus seinen Mauern nach draußen dringt.

    Umso erstaunlicher, was in diesen Tagen in Berlin hinter der Hand die Runde macht: Im Auswärtigen Amt habe man mit einigem Entsetzen die Ankündigung von Sigmar Gabriel vernommen, nicht nur als SPD-Chef, sondern auch vom Amt des Wirtschafts- und Energieministers zurückzutreten und als Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier, der am 12. Februar zum neuen Bundespräsidenten gewählt werden soll, ins Auswärtige Amt zu ziehen.

    „Im zukünftigen Amt muss ich diplomatischer werden.“
    Sigmar Gabriel, künftiger Außenminister

    Bereits am Freitag wird die Rochade vollzogen, wenn Gabriel von Bundespräsident Joachim Gauck die Ernennungsurkunde erhält. Auch der Auswärtige Dienst mit seinen weltweit 11 000 Mitarbeitern wurde von dieser Ankündigung kalt erwischt, im Auswärtigen Amt galt es als sicher, dass der Europapolitiker Martin Schulz bis zum Ende der Legislaturperiode das prestigeträchtige Ressort übernimmt.

    Doch es kam völlig anders. Viele stellen sich jetzt die bange Frage: Kann Gabriel Diplomat? Kann der oft so polternde, lautstarke, emotionale und manchmal auch unbeherrschte Sozialdemokrat, der keinem Streit aus dem Weg geht, auf dem glatten Parkett der Diplomatie bestehen? Dort wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und mit vielen Worten wenig gesagt. Zu viel Ehrlichkeit und Direktheit gelten als Makel, erlaubt sind allenfalls dezente Seitenhiebe.

    Sigmar Gabriel selber kennt die Vorbehalte gegen ihn, seine Person und seine Art der politischen Auseinandersetzung. Bei seinem letzten Auftritt als Wirtschaftsminister im Bundestag am Donnerstag räumte er unumwunden ein: „Im zukünftigen Amt darf ich das ja nicht mehr so, hat mir der Steinmeier gesagt. Da muss ich diplomatischer werden.“ Er sei schon „irritiert, wie viele Leute klatschen, wenn man zurücktritt“, gab er zu, um hinzuzufügen: „Eine gewisse Erlösung ist auch zu spüren – auf beiden Seiten.“

    Im neuen Amt wird es für Gabriel keine Schonfrist geben. Er selber begründete seinen Wechsel damit, dass er die größte internationale Erfahrung aller SPD-Minister habe und auch als Chef des Wirtschaftsressorts zahlreiche Auslandsreisen unternommen habe. Allerdings hatte es dabei durchaus auch Irritationen gegeben, weil der Niedersachse im Ausland, wie in diplomatischen Kreisen mit einer gewissen Nervosität verbreitet wird, in manches Fettnäpfchen getreten und „wie ein Elefant im Porzellanladen“ aufgetreten sei.

    So lobte er beispielsweise bei einem Besuch in Kairo seinen Gastgeber Abdel Fattah al-Sisi als „beeindruckenden Präsidenten“, obwohl diesem schwere Verstöße gegen Menschen- und Bürgerrechte vorgeworfen werden. Die Antrittsrede des neuen US-Präsidenten Donald Trump kritisierte er so scharf wie kein anderes Regierungsmitglied. Während sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zurückhielt und die Devise ausgab, konstruktiv mit dem neuen Chef im Weißen Haus zusammenzuarbeiten, warf ihm ihr Wirtschaftsminister „nationalistische Töne“ vor und orakelte düster: „Wir müssen uns warm anziehen.“

    Für Verstimmung sowohl im Kanzleramt als auch im Auswärtigen Amt sorgte seine Reise in den Iran im Juli 2015 unmittelbar nach dem Atom-Deal und der Aufhebung der Sanktionen, Israel war regelrecht verärgert und kritisierte den „Kuschelkurs“ gegenüber Teheran. Und Israel nannte er schon einmal ein „Apartheid-Regime“.

    „Wir müssen uns warm anziehen.“.
    Sigmar Gabriel über den neuen US-Präsidenten

    Mit Gabriel, daran gibt es keinen Zweifel, ziehen ein neuer Ton und ein neuer Stil ins Auswärtige Amt ein. Während Frank-Walter Steinmeier die hohe Kunst des bedächtigen und abwägenden Formulierens perfekt beherrschte, sich nie provozieren ließ und selten sagte, was er wirklich dachte, dürfte sein Nachfolger eher eine Politik der deutlichen Aussprache betreiben.

    Zudem kommt auf den neuen obersten Diplomaten des Landes eine andere Herausforderung zu: Als Außenminister muss er sich noch mehr als bisher mit dem Kanzleramt abstimmen, im Umgang mit ausländischen Mächten und bei der Bewältigung internationaler Krisen ist es unabdingbar, dass die Regierung mit einer Stimme spricht.

    An Themen und Herausforderungen herrschen kein Mangel, weder in Europa noch auf der Welt. Schon Mitte Februar wird er bei der G-20-Außenministerkonferenz in Bonn erstmals seinen neuen US-Kollegen Rex Tillerson treffen – auch er ein Freund klarer Worte. Das verspricht spannend zu werden, zumindest aber unterhaltsam.

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