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    WÜRZBURG

    „Ich versuche herauszufinden, was die Frau selbst möchte“

    An der Missionsärztlichen Klinik berät und behandelt Dr. Birgitta Bauer Frauen mit Genitalverstümmelung. Die Gespräche sind schwierig, die Probleme ganz unterschiedlich.

    An der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg berät und behandelt Dr. Birgitta Bauer Frauen mit Genitalverstümmelung. Die 53-Jährige ist Oberärztin in der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe, betreut den Kreißsaal, widmet sich besonders der Ultraschalldiagnostik und ist spezialisiert auf laparoskopische, also minimalinvasive Operationen.

    Wann sind Sie zum ersten Mal einer beschnittenen Frau in der Sprechstunde begegnet?

    Dr. Birgitta Bauer: Vor zehn, elf Jahren. Ich war längere Zeit im Ausland, im Entwicklungsdienst in Papua Neuguinea tätig, wo es keine Beschneidung gibt. Als ich dann nach Deutschland zurückkam und meine Arbeit an der Missionsärztlichen Klinik aufnahm, da sah ich die erste beschnittene Patientin.

    Und seitdem immer wieder?

    Bauer: Es hat innerhalb der letzten vier, fünf Jahre in Zusammenhang mit den Asylsuchenden zugenommen.

    Mit welchen Symptomen kommen die Frauen? Aus welchen Gründen?

    Bauer: Das ist sehr unterschiedlich. Am deutlichsten ist es natürlich bei Frauen, die die schlimmste Form der Beschneidung hatten, bei der auch die Schamlippen zusammengenäht wurden. Wenn sie heiraten wollen, möchten sie vorher den Verschluss des Scheideneinganges eröffnet haben, oder wenn sie schwanger sind und der häutige Verschluss noch besteht. Es gibt nicht die eine Frau mit einer typischen Fallbeschreibung. Und es ist immer sehr schwierig, weil sich die Frauen oft nur über den Dolmetscher verständigen können und das Thema immer sehr schambesetzt ist. Man muss daran denken, ob der Dolmetscher aus demselben Kulturkreis kommt und die Frau in ihrem Ansinnen unterstützt, oder ob sich die Frau ein Stück weit schämt, vor jemand anderem zuzugeben, dass sie darunter leidet.

    Kommen die meisten Frauen denn mit einem gravierenden medizinischen Problem?

    Bauer: Nicht alle. Manche Frauen kommen, um eine Bestätigung zu bekommen, dass sie beschnitten wurden. Das kann entscheidend sein für eine Aufenthaltsgenehmigung und wichtig, dass sie nicht zurückgeführt werden in ihr Herkunftsland. Manche Frauen haben tatsächlich Probleme durch den erschwerten Abfluss von Urin oder Menstrualblut. Was die Sache kompliziert macht, ist, dass die Frauen ihren Körper nicht anders kennen. Für sie ist es schwierig, die Beschneidung ganz speziell als Ursache ihres Problems zu benennen. Es kommt vor, dass beschnittene Frauen häufiger unspezifische Bauchschmerzen haben. Das kann mit der Beschneidung zusammenhängen, muss aber nicht.

    Wie gehen Sie vor? Erklären Sie erst einmal die Anatomie?

    Bauer: In der Regel versuche ich erst einmal herauszufinden, was die Frau selbst möchte. Das ist nicht immer leicht. Manche Frauen sind beschnitten und haben keine Probleme. Ich sehe die Vernarbungen im Klitoris-Bereich und spreche sie darauf an. Nicht selten erhalte ich die Antwort, dass sie zwei Kinder geboren haben und die Beschneidung nicht als etwas Negatives empfinden. Wenn eine Patientin kein Problem angibt, will ich ihr nicht vermitteln, dass etwas bei ihr nicht in Ordnung ist, es sei denn, ich sehe ein eindeutiges Risiko für ihre Gesundheit. Ich kann mich an eine schwangere Patientin erinnern, die drei Mal den Termin für eine Eröffnung des häutigen Verschlusses des Scheideneinganges hatte. Letztlich kam sie nie zu der geplanten Operation. Sie war wohl selbst hin- und hergerissen, was sie wollte. Schlussendlich wurde das Häutchen dann unter der Geburt eröffnet.

    Woher sollen die Frauen wissen, was sie möchten? Wissen, was sie erwarten dürfen?

    Bauer: Die Frauen haben durch die Beschneidung durchaus eher Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Aber irgendwann wird das akzeptiert. Auch in Deutschland sind Gespräche über sexuelles Empfinden nicht leicht zu führen. Wie schwer ist es dann für eine Frau aus einem fremden Kulturkreis, in einer fremden Sprache, einer weißen Ärztin gegenüber zu erklären, was sie als Problem empfindet?

    Welchen Unterschied macht es, ob eine Frau als Säugling beschnitten wurde oder mit 14 Jahren?

    Bauer: Allein von den Narben her kann man nicht erkennen, in welchem Alter die Beschneidung erfolgt war. Aber es ist natürlich ein großer Unterschied, an was eine Frau sich noch erinnert. Je älter das Mädchen bei der Beschneidung war, desto deutlicher sind die Erinnerungen an den Schmerz, desto größer sind psychische Probleme und „Flashbacks“, desto stärker ist sie traumatisiert.

    Würden Sie Helfern, Betreuern, die mit Flüchtlingen zu tun haben, raten, Frauen auf das Thema anzusprechen?

    Bauer: Ich glaube, dass man erst einmal einen guten Draht zu einer Frau braucht, bis man Fragen nach einer Beschneidung stellen kann. Dann ist die Frage, wie sehr die Frau darunter leidet und ob sie darüber sprechen möchte. Wir wissen nicht, wie einer Frau die Beschneidung erklärt wurde. Es wird in vielen Kulturen vermittelt, dass eine Frau nur „rein“ und „anständig“ ist, wenn sie beschnitten ist. Es bedeutet für eine Frau Mut, sich gegen tradierte Ansichten zu wehren, wenn 90 Prozent der Frauen im eigenen Land beschnitten wurden. Foto: INLINE INTERNET & WERBEAGENTUR

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