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    GAUKÖNIGSHOFEN / MAINBERNHEIM

    Vive la Windkraft: Zwei Mainfranken mit kühnem Plan

    Zwei Jungunternehmer aus Mainfranken wollen mit Bürger-Windparks die Energiewende voranbringen - und das ausgerechnet im Atomland Frankreich. Ein mutiges Vorhaben.

    Ausgerechnet Frankreich. Man kann sich das Leben auch leichter machen. Denn wenn man sich das Vorhaben von Christoph Sasse und Frederik Stier anschaut, dann fallen einem Umschreibungen ein wie Sisyphosarbeit oder Ding der Unmöglichkeit. Aber die beiden Unterfranken sind drauf und dran, viele Hürden zu nehmen, um die Energiewende in Frankreich um eine neue Komponente voranzubringen: Bürgerwindparks.

    In Frankreich dominiert der Atomstrom...

    Der besondere Hintergrund: Der Nachbarstaat erzeugt etwa drei Viertel seines Stroms in 58 Atomreaktoren, die übers ganze Land verteilt sind. Die Katastrophe von Fukushima 2011 ließ die auf Atomstrom fixierten Franzosen zunächst kalt. Während schon wenige Monate später in Deutschland der Atomausstieg und damit die Energiewende beschlossen wurde, ließ sich Frankreich mit ähnlichen Schritten bis Mitte 2015 Zeit.

    Aber nun kann es mächtig vorangehen: Medienberichten zufolge soll erneuerbare Energie bis 2030 ein Drittel der französischen Stromproduktion ausmachen. Der Staat will 400 Millionen Euro in den Ausbau nicht-atomarer Energieerzeugung pumpen – darunter in Windparks auf hoher See.

    ...und Windkraft ist ein laues Lüftchen

    Sasse und Stier haben beobachtet, dass trotz dieser ambitionierten Ziele Windkraft in Frankreich noch immer ein laues Lüftchen ist – vor allem, was die Struktur der Anlagen angeht. Von Bürgern getragene Windparks, wie auch in Unterfranken längst üblich, gebe es bei den Franzosen kaum. Doch genau in solchen Bürgerwindparks sehen die beiden Jung-Unternehmer die große Chance, die in Frankreich ihrer Ansicht nach noch immer vorherrschende Skepsis in der Landbevölkerung gegenüber Windrädern abzubauen und damit die Energiewende zu beflügeln.

    Die Idee: Anwohner sollen sich an den Windräder beteiligen

    Der Plan von Sasse und Stier: Anwohner sollen sich an Windparks vor ihrer Haustür in Form von kleingestückelten Aktien beteiligen können. So solle die Identifikation dieser Menschen mit den Anlagen gestärkt werden. Denn bislang lehnten viele Franzosen Windräder in ihrer Region ab, weil sie von Konzernen wie Electricité de France (EdF) betrieben und damit als Fremdkörper angesehen werden, hat Stier beobachtet. Die Botschaft der beiden Unterfranken: Lieber Franzose, die Windräder werden dir gehören – und nicht einem Fremden.

    Um das ambitionierte Vorhaben in Form zu gießen, gründeten Stier, Sasse und sieben Wirtschaftsstudenten an der Universität im südfranzösischen Montpellier die Firma alphaomegagreen. Stier stammt aus Gaukönigshofen (Lkr. Würzburg) und studiert Energieökonomie in Montpellier, wo der 24-Jährige auch wohnt.

    Das Vorhaben nahm in Würzburg seinen Anfang

    Den in Mainbernheim (Lkr. Kitzingen) aufgewachsenen Kollegen Sasse (23) lernte er an der Uni in Heidelberg kennen, wo beide ein Studium in politischer Ökonomie absolvierten. 2016 stieß Stier während eines Praktikums bei den Stadtwerken in Würzburg auf eine Website mit gebrauchten Windrädern – die Idee mit dem Bürgerwindparks in Frankreich nahm ihren Lauf.

    Mittlerweile ist Stier bei alphaomegagreen so etwas wie der technische Antreiber, Sasse der Mann für die Finanzen, beide sind die Geschäftsführer der Firma. Sasse hat eine heikle Aufgabe, denn dem Vorhaben liegt ein kompliziertes Konstrukt zugrunde: alphaomegagreen will über geschlossene Fonds das Startkapital von rund 400 000 Euro pro Windrad hereinholen. Wenn die Baugenehmigung vorliege, dann bekomme der Fonds das Doppelte – also 800 000 Euro – zurück, erklärt Sasse.

    Kooperativen sollen Aktien an Bürger ausgeben

    Dieses Geld will sich alphaomegagreen in erster Linie von der dann pro Windpark gegründeten Kooperative holen, deren Aktien eben die Bürger vor Ort kaufen können. Bis dahin kümmere sich alphaomegagreen auch um das sperrige Genehmigungsverfahren für die Windräder, deren Bestellung sowie zuvor schon um die Standortsuche. Kooperativen sind laut Stier im Übrigen in Frankreich gängig, zum Beispiel in der Landwirtschaft oder bei Photovoltaikanlagen – nur eben nicht bei Windkraft. Noch nicht.

    Allein die Genehmigung einer Anlage sei eine große Hürde, weiß Stier, der den Energiemarkt in Frankreich in seiner Bachelor-Arbeit beleuchtet hat. Eine solche Genehmigung koste mehrere hunderttausend Euro, dauere drei Jahre und fordere mindestens 15 verschiedene Gutachten.

    Interesse an „Bürgerwind“ nimmt in Frankreich offenbar zu

    Um dem Stromkonzern EdF und seinen Windrädern keine Konkurrenz zu machen, habe bis vor einigen Jahren noch der politische Wille in Frankreich gefehlt, von Bürgern getragene Windparks voranzubringen, so Stier. Das ändere sich allmählich, ergänzt Sasse: „Bürgerwind kommt gerade erst auf.“

    Diese Einschätzung passt zu den allgemeinen Zahlen: Nach Angaben von WindEurope lag Frankreich 2016 EU-weit hinter Deutschland auf Platz zwei, was die in jenem Jahr die Gesamtleistung von neuinstallierten Windkraftanlagen angeht. 1561 Megawatt waren es in Frankreich (12,5 Prozent in der EU) 5443 Megawatt in Deutschland (43,6 Prozent). WindEurope mit Sitz in Brüssel ist die Vereinigung der europäischen Windkraftindustrie, früher bekannt als European Wind Energy Association (EWEA).

    Zehn Windparks pro Jahr sind geplant

    Zehn Windparks wollen Sasse und seine Mitstreiter im Durchschnitt pro Jahr anleiern. Vor allem in der südfranzösischen Region Languedoc-Roussillon, die wegen ihrer ausgeprägten Windverhältnisse „eine Goldgrube“ sei, ist sich Stier sicher. In diesen Tagen soll eine Crowdfunding-Aktion starten, um die weiteren Kosten von alphaomegagreen (Sitz: Mainbernheim) tragen zu können. Denn bisher haben Sasse und Stier nach eigenen Worten alles aus der eigenen Tasche bezahlt. Im Sommer will das Team in Südfrankreich mit einer Infotour über die Lande ziehen, um so die ersten Kommunen zu finden, in denen Bürgerwindparks entstehen können.

    Kalkulation der Windparks basiert auf unterfränkischen Zahlen

    Die beiden Vorreiter sind vom Erfolg ihrer Idee schon deshalb überzeugt, weil sie sich auf Erfahrungen aus ihrer Heimat stützen können: Mit Hilfe der Universitäten in Würzburg und Montpellier habe man der Kalkulation der Bürgerwindparks in Frankreich die Zahlen von Windkraftanlagen unter anderem in Wallmersbach bei Uffenheim und in der Nähe von Theilheim (Lkr. Würzburg) zugrunde gelegt, erklärt Sasse. Diese Anlagen laufen seit Jahren.

    Windräder werden nach neun Jahren abgeschrieben sein

    Die Kalkulation sehe unter anderem vor, so Sasse, dass die Anlagen in den Bürgerwindparks nach neun Jahren abgeschrieben sein werden. Dann sollen sie Gewinn abwerfen, der den Bürgern vor Ort zugute komme: „Zu jeder Zeit bekommt der Anleger eine Dividende“, verspricht Stier. In einer Modellrechnung mit drei Windrädern hat er mit Kompagnon Sasse ausgerechnet, dass pro Jahr 14 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt und damit knapp 1,1 Millionen Euro Erlös erzielt werden. Ziehe man 450 000 Euro Betriebskosten ab, bleibe ein Gewinn von gut 600 000 Euro.

    Die Bürgerwindparks sollen von jenen 8,2 Cent je Kilowattstunde Strom profitieren, den der französische Staat als Abnahmepreis zusichere, sagt Stier. Diese Garantie gelte für 15 Jahre, wenngleich der Betrag nach zehn Jahren degressiv kleiner werde. Nach den 15 Jahren gebe es dann den Marktpreis.

    Französischer Staat zahlt Fixpreis für Windstrom

    Stier ist sich sicher, dass in Frankreich „dieser staatliche Fixpreis auf kurz oder lang abgeschafft wird“. Das sei für die Idee der Bürgerparks aber kein Problem. In andere alternative Energieformen wolle alphaomegagreen auf jeden Fall nicht einsteigen, verkündet Sasse: „Wir sind von der Windkraft absolut überzeugt.“

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