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    TAUBERBISCHOFSHEIM

    Wie die digitale Zeit das Klassenzimmer verändert

    Am Schulmöbelhersteller VS erkennt man, welche Folgen die digitale Zeit für die Klassenzimmer hat. Es geht auch um Mobiliar, das Generationen von Schülern geprägt hat.

    Die eigene Schulzeit ist etwas, an was wir uns normalerweise ein Leben lang erinnern. Das sind dann nicht immer nur die meist wenig geschätzten Lehrer, die noch weniger geschätzten Matheformeln oder die Streiche in den Pausen. Es sind vielmehr auch die Lieblingsbands wie AC/DC oder Scorpions, deren Schriftzüge wir in die Schulbank aus Holz geritzt haben – neben die Namen des Lieblingsfußballvereins oder der heimlichen Liebe.

    Namen in den Holztisch geritzt

    Insofern hat sich auch das Mobiliar unserer Schule in unserer Erinnerung verewigt. Und damit das, auf was wir damals saßen: Jener unkaputtbare Holzstuhl mit Kufen unten, der immer nach Unterrichtsende auf den Tisch gehoben werden musste, damit später die Putzfrau ohne Hindernisse den Boden wischen konnte. All diese Erinnerungen und vor allem der Kufenstuhl sind in vielen Fällen mit dem Namen einer Firma in Tauberbischofsheim verbunden: VS, genauer: VS Vereinigte Spezialmöbelfabriken GmbH & Co. KG.

    VS gilt als Marktführer

    Dieser 1898 gegründete Betrieb gilt seit Jahren als Deutschlands Marktführer für Tische, Stühle, Pulte und ähnliches Inventar in Schulen. Was als reine Schulbankfabrik begann, ist heute eine international agierende Firmengruppe mit 1200 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 176 Millionen Euro. Trotz der Größe ist eines geblieben: das Ja zur Familientradition und zu Tauberbischofsheim. Entwickelt und produziert wird nur dort.

    Weil in den Klassenzimmern dieser Welt die digitale Zeit und moderne Lehrmethoden die Richtung vorgeben, wollte VS in den vergangenen Jahren weg von Schulbank und -stuhl in der klassischen Form. Im Produktportfolio ist deshalb heute auch das „digitale Klassenzimmer“: Schüler sitzen an dreieckigen Tischen, wo ihre Tablets kabellos per Akku – versteckt in einer Schublade – mit Strom versorgt werden und wo sie sich ins Schulnetz einwählen können.

    Lehrer hat Arbeitsplatz auf Rollen

    Nach Unterrichtsende können die Schüler ihren Klein-Computer in einem Schrank verstauen. Der Lehrer hat einen Arbeitsplatz auf Rollen, ebenfalls mit Digitalgeräten ausgestattet, mit denen er zum Beispiel das interaktive Display im Klassenzimmer – der Nachfolger der guten alten Schiefertafel – steuern kann. Um sich der Digitalisierung in der Schule besser stellen zu können, hat VS vor zehn Jahren einen reinen Tafelhersteller als Tochterunternehmen übernommen. Es heißt heute VS Visuelle Medien und ist nach Darstellung von Philipp Müller so etwas wie die Speerspitze der VS-Gruppe, wenn es um interaktives Lernen geht. Müller (35) ist studierter Betriebswirtschaftler und seit Januar 2016 Vorsitzender der VS-Geschäftsführung.

    VS-Chef in vierter Generation

    Er leitet das Tauberbischofsheimer Unternehmen in der vierten Generation. Übernommen hat Philipp Müller den Posten von seinem Vater Thomas Müller, ein gebürtiger Tauberbischofsheimer und 30 Jahre lang Chef bei VS. Er wurde Ende Januar 70 Jahre alt. Bei der öffentlichen Geburtstagsfeier bekam Thomas Müller auch Lob dafür, dass er sich für zahlreiche kulturelle, soziale und gemeinnützige Aktionen in seiner Heimatstadt einsetze.

    Müller wurde diesem Lob prompt gerecht: Statt Geburtstagsgeschenke erbat er sich Spenden für die Sport- und Jugendförderung in Tauberbischofsheim. 8000 Euro gingen ein, Müller legte noch einmal 8000 Euro drauf.

    VS hat auch EZB eingerichtet

    Indes sieht sich das Unternehmen als Komplettanbieter. „Die Schulen wollen oft ganze Einheiten“, erklärt Philipp Müller. Heißt: VS liefere nicht nur das Mobiliar, sondern stelle gleich auch die Notebooks, die Präsentationstechnik und sämtliche Software – Installation und Schulung der Lehrer inklusive. 70 Prozent seines Umsatzes macht VS nach Müllers Angaben in Deutschland, 75 Prozent der Produktion entfalle auf Schulen und Hochschulen. Der Rest gehe in den Bereich Büro. Hier hat VS nach eigenen Angaben zum Beispiel schon in großem Stil Räume der Europäischen Zentralbank, der Commerzbank (beide in Frankfurt/Main) und der BMW-Zentrale in München mit Mobiliar ausgestattet. Wenn es ums Design geht, schaltet VS seit Jahren namhafte Architekturbüros wie Behnisch in Stuttgart ein. Auch der Pionier der Nachkriegsarchitektur, Egon Eiermann (1904-1970), und der Star-Designer Verner Panton (1926-1998) waren schon für VS tätig.

    70 Fachberater sind im Land unterwegs

    „Unser Vorteil ist unser Direktvertrieb“, sagt VS-Chef Philipp Müller. 70 eigene Fachberater sind in Deutschland unterwegs. So sei man stets nah am Kunden dran und erfahre schnell, was im Trend und damit gewünscht sei. Schaltzentrale der Entwicklung bei VS ist die Abteilung Produktmanagement in Tauberbischofsheim. Dieses Team ist dafür verantwortlich, dass die Produktpalette passt – weltweit. Im Ausland – vor allem Europa, USA und Mittlerer Osten – arbeite VS mit Händlern zusammen, die nach Müllers Darstellung ebenfalls wichtige Rückmelder seien, wenn es um Trends in diesen Ländern geht. Getestet werden die Möbel unter anderem in Tauberbischofsheimer Schulen.

    Schulbank ist in „Feuerzangenbowle“ zu sehen

    Die Moderne kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Generationen von Schüler VS erst einmal mit den scheinbar guten alten Zeiten in den Klassenzimmern verbinden. Dazu zählen die Tische und Stühle aus Holz, die zu einer unverrückbaren Einheit verschraubt waren. Am bekanntesten darunter wiederum die Rettig-Bank von 1895, benannt nach seinem Konstrukteur Wilhelm Rettig, der Mitinhaber der VS-Vorläuferfirma Johannes Müller & Co. in Berlin war. Die Bank wurde sogar Teil eines Filmklassikers: Heinz Rühmann machte auf und neben ihr seine Streiche in „Die Feuerzangenbowle“ (1944).

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