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    Cambridge (dpa)

    Sehschärfe macht Fliegen-Winzling zum Super-Jäger

    Raubfliegen machen Jagd auf andere Insekten, die sie meist im Flug erbeuten. Ein ausgezeichnetes Sehvermögen ermöglicht eine ausgeklügelte Jagdstrategie.

    Das undatierte Bild zeigt eine kleine Raubfliege, die auf Beute wartet. Foto. Thomas Shahan Foto: Thomas Shahan

    Eine kleine Raubfliege beeindruckt Wissenschaftler mit ihren Jagdkünsten im Flug. Die Winzlinge nutzen eine ausgefeilte Flugstrategie, um ein vorbeifliegendes Beutetier abzufangen, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachmagazin „Current Biology”.

    Grundlage der Jagdkünste sei eine extreme Sehschärfe der Zweiflügler. Die selbst nur etwa sechs Millimeter großen Raubfliegen könnten Beutetiere unter zwei Millimeter Größe aus einer Entfernung von mehr als einem halben Meter sehen.

    Das Team um Trevor Wardill von der britischen Universität Cambridge hatte die Raubfliegen der Art Holocephala fusca in ihrem natürlichen Lebensraum mit Hochgeschwindigkeitskameras gefilmt. Mithilfe einer speziellen Apparatur ließen die Forscher ein bis vier Millimeter große, an einer Angelschnur angebrachte Kügelchen - vermeintliche Beutetiere - an den sitzenden Fliegen vorbeiziehen. Diese gingen daraufhin zum Angriff über. Während sie die Verfolgung aufnahmen, hielten sie zunächst einen ganz bestimmten Kurs, mit dem sie an einem bestimmten Punkt genau mit dem Beutetier zusammengetroffen wären.

    Dass auch die kleinen Raubfliegen diese im Tierreich weit verbreitete Strategie nutzten, sei zwar nicht völlig überraschend, war aber bisher unbekannt. Dann beobachteten die Forscher etwas Unerwartetes: Wenn sich die Fliegen auf knapp 30 Zentimeter ihrem Beutetier genähert hatten, bremsten sie ab und änderten ihre Flugbahn, bevor sie die Beute attackierten. Dieses spezielle Manöver erhöhe die Trefferchancen, schreiben die Forscher.

    Die Fliegen vermeiden dadurch, an ihrer Beute vorbeizurasen. Sie fliegen stattdessen kurzzeitig eher neben ihrem Opfer her, als es auf direktem Weg anzupeilen. Die Forscher vergleichen das mit einem Staffellauf, bei dem die Läufer vor der Übergabe des Stabes mit gleicher Geschwindigkeit in die gleiche Richtung laufen. So sei es wesentlich einfacher, den Stab zu übergeben, als wenn sie etwa aufeinander zuliefen. Ein derartiges Manöver sei noch bei keinem anderen fliegenden Tier beobachtet worden.

    Dass die Fliegen trotz des winzigen Gehirns und winziger Augen zu derart ausgefeilten Flugmanövern fähig seien, liege vor allem daran, dass ihnen ihre Augen eine enorme räumliche Auflösung ermöglichten. Sie verfügen an einer zentralen Stelle über eine sogenannte Fovea, einen Punkt, an dem das Sehen am schärfsten ist. Auch in der Netzhaut der Menschen und anderer Säugetiere gibt es so eine Sehgrube. Sie erlaubt den Raubfliegen die Wahrnehmung auch winziger Beutetiere, schreiben die Forscher.

    „Wir wussten, dass diese Fliegen im Vergleich zu anderen Zweiflüglern ein besseres Sehvermögen besitzen, aber dass sie damit selbst zehn Mal größeren Libellen im Hinblick auf die räumliche Auflösung überlegen sind, hätten wir nicht gedacht”, sagte Studienleiterin Paloma Gonzalez-Bellido, ebenfalls aus Cambridge. „Wir haben gezeigt, dass die Anpassungen, die selbst ein winziges Nervensystem unter starkem Druck hervorbringen kann, dem Tier Lösungen ermöglicht, die wir sonst nur größeren Tieren zusprechen.”