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    Großwallstadt

    Wie man in der Pflege den richtigen Ton trifft

    Wie man in der Pflege den richtigen Ton trifft
    Wie spricht man darüber, wenn man plötzlich bei alltäglichen oder intimen Dingen Hilfe benötigt? Foto: dpa

    Die Tochter pflegt ihre Mutter, rund um die Uhr, jahrelang. Ein junger Mann kümmert sich um seine schwerkranke Partnerin. Oder eine professionelle Pflegekraft betreut ein behindertes Kind. Immer wieder müssen Betroffene, Angehörige und Fachkräfte in solchen Situationen den Austausch miteinander suchen. Aber: Pflegegespräche fallen nicht leicht. Wie findet man die richtigen Worte? Gibt es Tabuthemen? Die unterfränkische Sprachtrainerin Sandra Mantz, selbst ehemalige Altenpflegerin, gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

    Wie vermeiden pflegende Angehörige Konflikte mit den Betroffenen?

    Sandra Mantz: Die große Herausforderung liegt in den Emotionen. Wenn man angehörig ist, fühlt man sich verbunden und ist dadurch eher blockiert oder belastet. Dann ist es schwer, sachlich zu bleiben, sich nicht angegriffen zu fühlen oder Gesagtes nicht persönlich zu nehmen. Man muss sich aber bewusst machen: Was für die pflegende Tochter richtig ist, muss für die bedürftige Mutter noch lange nicht in Ordnung sein – und umgekehrt. Deshalb ist es wichtig, dass der Angehörige einen eigenen Kreis von Menschen hat, mit denen er über Probleme sprechen und bei denen er sich entlasten kann. Und dass es in der Pflege-Situation auch Pausen gibt.

    Wie trifft man in Pflegegesprächen den richtigen Ton?

    Sandra Mantz: Entscheidend ist die vorherige Abstimmung: Um den richtigen Ton treffen zu können, brauche ich Informationen voneinander. Ideal ist es, wenn man bereits das Gespräch sucht, bevor ein Pflegefall eintritt. Man kann zum Beispiel ganz offen fragen: Mama, wenn es dir mal nicht mehr gut geht, was willst du dann haben und was nicht?

    Gibt es Tabuthemen?

    Sandra Mantz: Im Pflegegespräch werden sehr intime, alltägliche Dinge plötzlich öffentlich – wie etwa der Gang zur Toilette oder unter die Dusche. Alles was schambesetzt ist, Körperhygiene, sich ausziehen, sich betrachten und berühren zu lassen, das ist oft erstmal ein Tabuthema. Aber es ist wichtig, dass man lernt, darüber zu sprechen. Gleiches gilt für Sexualität: Das ist ein Grundbedürfnis und wird oft überhaupt nicht thematisiert. Gerade für Paare ist das schwierig, gerade wenn der Partner in jungen Jahren pflegebedürftig wird. Je nach Generation und Erziehung, gibt es mehr oder weniger solcher Blockaden. Hier sollte man darauf achten, aus welcher Generation der pflegebedürftige Mensch kommt.

    Wie man in der Pflege den richtigen Ton trifft
    Sandra Mantz ist gelernte Altenpflegerin und arbeitet heute als Sprachtrainierin und Dozentin. Ihr Schwerpunkt ist die Kommunikation in der Pflege. Foto: Timo Raab

    Wie lernt man, offen über sensible Themen zu reden?

    Sandra Mantz: Am besten ist es auch hier, in der Familie frühzeitig über mögliche Pflegesituationen zu sprechen. Wenn zum Beispiel jemand sagt, für mich ist es schlimm, im Beisein von anderen ausgezogen zu werden, dann kann man später darauf achten. Oder man kann die Bitte äußern: Sollte ich pflegebedürftig sein, sprecht doch bitte mit mir und nicht über mich. Es gibt auch Menschen, die sagen, ich bin da nicht so empfindlich, dusch' mich, schau', dass das Bad warm ist – der Rest ist mir egal. Das ist auch in Ordnung. Wenn ich es weiß, kann ich damit umgehen. Wenn nie darüber gesprochen wurde, gehe ich vielleicht von mir aus – aber das ist selten so, wie es ein anderer Mensch erlebt.

    Was hilft bei der Vorbereitung auf ein Gespräch mit Ärzten und Pflegern?

    Sandra Mantz: Man muss sich vorher klar überlegen, was ist mir wichtig und was nicht. Und man kann mit einer Begleitperson entscheiden, was sie ansprechen, worauf sie achten und wann sie nachfragen soll.

    Wenn es um ambulante Pflege geht, stehen oft auch Gespräche mit den Medizinischen Diensten der Krankenversicherung an. Wie bereitet man sich da vor?

    Sandra Mantz: Generell bieten die Medizinischen Dienste selbst Informationsmaterialien an, sowohl Broschüren als auch digital. Dabei wird beispielsweise empfohlen, ein kleines Pflegetagebuch zu führen, um sich zu beobachten, um zu dokumentieren, was kann ich noch gut, was vielleicht nicht mehr. Wenn ich mich unsicher fühle, würde ich zu solchen Gesprächen ebenfalls eine Vertrauensperson mitnehmen. Es hilft auch, sich vorher ein paar Notizen zu machen und zu klären, wo man gegebenenfalls im Anschluss noch Nachfragen stellen kann. So schafft man sich gedanklich ein paar Sicherheitszonen.

    Welche Gespräche soll man als Angehöriger für Betroffene übernehmen?

    Sandra Mantz: Alle Gespräche, vor denen man selber sehr viel Angst hat oder vor denen man sehr aufgeregt ist. Das ist meistens der Fall, wenn es um Diagnosen geht, um Therapien, aber auch um das Sterben. Das ist ebenfalls ein Tabuthema. Wenn ich mich fürchte, den Arzt nach meiner Prognose zu fragen, dann würde ich mich an Angehörige wenden.

    Wenn man mit der Pflege, egal ob durch einen Angehörigen oder eine Fachkraft, nicht einverstanden ist – wie äußert man Kritik?

    Sandra Mantz: Man sollte es direkt sagen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Mich wäscht jemand und die Tür steht dabei offen. Dann sage ich ganz direkt, bitte schließen Sie die Türe, das ist wichtig für mich. Im Grunde gilt: Je unmittelbarer ich in der Situation Kritik äußere, umso freundlicher kann ich bleiben. Es braucht immer von beiden Seiten ein Stück Klarheit, aber auch einen respektvollen Grundton.

    Was kann man tun, wenn ein Pflegegespräch schief läuft?

    Sandra Mantz: Dann braucht man entweder einen Dritten oder eine neutrale Ansprechperson, die beim nächsten Gespräch dabei sind, Probleme sortieren und vielleicht eine Brücke bauen.

    Welche Fragen der Pflegekräfte muss man beantworten – welche nicht?

    Sandra Mantz: Je mehr die Pflegenden von Betroffenen wissen, umso besser können sie die Pflege planen. Wenn Sie aber irgendetwas partout nicht sagen wollen, dann sagen Sie es nicht. Auch wenn man pflegebedürftig ist, ist man ein mündiger Mensch und entscheidet immer selbst, was man wie preisgibt. Das ist immer auch eine Vertrauensfrage.

    Gibt es eine Schweigepflicht für Pflegepersonal?

    Sandra Mantz: Alle Pflegenden sind angehalten, diskret zu sein und sie dürfen Angaben nicht an Dritte weitergeben. Auch wenn jemand telefonisch Auskunft verlangt, muss vorher geklärt und dokumentiert sein, wer die Vertrauenspersonen sind. Pflegende müssen natürlich innerhalb des Teams über Patienten sprechen, aber Informationen dürfen nicht nach außen gelangen.

    Wie man in der Pflege den richtigen Ton trifft
    Professionelle Pflegekräfte müssen gleichzeitig auf Menschen zugehen und Distanz wahren können. Foto: dpa

    Und aus Sicht der Pfleger: Wie findet man im Gespräch die richtige Balance zwischen Professionalität und Menschlichkeit?

    Sandra Mantz: Der Pflegende sollte aufgrund seiner Professionalität dazu in der Lage sein, das Emotionale zu erfassen und ernst zu nehmen, aber sich nicht davon einsaugen zu lassen. Er muss im Zweifel rechtzeitig einen Schritt zurückgehen. Gleichzeitig sollte man auf Menschen zugehen können. Das ist nicht immer einfach, aber es gehört zum Beruf. Wer zu emotional ist, zu viel mitleidet oder umgekehrt zu viel von sich wegstößt, braucht noch Anleitung. Empathie ist grundlegend wichtig im Pflegeberufund muss immer wieder geübt, trainiert und reflektiert werden.

    Wo liegen für Pflegekräfte Herausforderungen?

    Sandra Mantz: Schwierig ist die Stellung zwischen dem unmittelbaren Pflegeempfänger und Angehörigen als zweite Instanz. Häufig weichen da die Positionen voneinander ab. Zum Beispiel sagt eine Pflegebedürftige, sie möchte gerne ein bestimmtes Kleid anziehen – und dann beschwert sich die Tochter bei der Fachkraft, weil die Mutter unmöglich aussehe. Diesen Zwiespalt erleben Pflegende sehr oft. Da brauchen sie viel Geduld, Humor und möglichst ein vertrauensvolles Verhältnis sowohl zu den Pflegebedürftigen als auch zu den Angehörigen.

    Sandra Mantz
    Ursprünglich ist Sandra Mantz (geboren 1968 in Weilbach) gelernte Altenpflegerin und war 15 Jahre Stationsleiterin im Stiftungsamt Aschaffenburg. Seit 2000 ist sie unter anderem als Dozentin für Gesprächsführung tätig und leitet heute die SprachGut-Akademie in Großwallstadt (Lkr. Miltenberg). Im Frühjahr erscheint im Duden-Verlag Ihr neues Buch "Pflegegespräche richtig führen".

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