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    KARLSTADT

    Folge 103: Wenn ich ein Vöglein wär

    Manchmal sieht man über dem Maintal bei Karlstadt einen ganzen Schwarm Gleitschirmflieger in der Luft. Gewimmel am Himmel. Blau, weiß, rot, gelb – alle Farben haben die Schirme. Mich selbst hat das Gleitschirmfliegen bisher überhaupt nicht gereizt, auch wenn in meiner Verwandtschaft einige fast schon fanatische Anhänger dieses Sports zu finden sind. Nun habe ich mich aber als Anhängsel an einem Tandem einmal, eigentlich sogar zweimal doch auf das Abenteuer eingelassen. Und es war gar nicht so schlecht – nur war mir selbst beim zweiten Flug ganz leicht übel.

    Beim ersten Mal bekomme ich einen Anruf, dass es jetzt gleich klappen könnte mit einem Tandemflug, der Wind sei günstig, ich solle mich beeilen. So funktioniert das also. Ich schwinge mich ins Auto und fahre oberhalb von Karlburg (Lkr. Main-Spessart) in die Weinberge am Mäusberg. Zunächst einmal gilt es dort, mit Wanderstiefeln und warm angezogen zusammen mit einem Tandempiloten die Ausrüstung rund 100 Meter zum Startplatz hochzutragen. Es ist ein heißer Tag. Die Anstrengung wäre nicht nötig gewesen, damit ich schwitze.

    Und fast wäre sie umsonst gewesen, denn der Wind lässt zu wünschen übrig, die Windfahnen hängen schlapp herunter. Statt Paragliding ist erst einmal „Parawaiting“ angesagt, scherzt der Tandempilot, ein alter Fuchs. Der Fuchs heißt Wolfgang Wiesebrock, ist Würzburger und Träger eines beeindruckenden Schnauzbarts. Gleitschirmfliegen sei nicht gefährlich, will er mir weismachen. „Das Gefährliche ist der Aufschlag.“ Das zu hören, beruhigt natürlich ungemein. In voller Montur warten wir eine geschlagene Stunde lang.

    Irgendwann passt der Wind doch einigermaßen, sowohl von der Richtung als auch von der Stärke her. Auf geht's! Wir stellen uns auf, ich vorne. Der 57-Jährige zieht hinter mir den Schirm auf. Als der sich über uns befindet, laufen wir los. Und dann passiert es: Wir gleiten plötzlich in der Luft. Naive Vorstellungen, dass sich dabei irgendetwas in der Magengrube tut, bewahrheiten sich nicht. Es ist eher wie in Träumen, in denen man läuft und plötzlich abhebt. Ein sehr angenehmes Gefühl.

    Ich hüte mich, an die Schnallen der lebensnotwendigen Gurte zu fassen. Als wir auf Bäume rechter Hand zusteuern, hoffe ich, dass mein Pilot hinter mir weiß, was er tut. Doch, er weiß es. Es geht darüber hinweg. Nach oben in die freien Lüfte geht es aber nicht. Ehe ich mich versehe, befinden wir uns schon wieder im Landeanflug. „Lauf! lauf! lauf, sonst haut's uns hin!“, ruft der Pilot von hinten. Wir landen so sanft, wie wir gestartet sind. Der ganze Flug, ein „Abgleiter“, wie es im Gleitschirmflieger-Jargon heißt, hat nur etwa eineinhalb Minuten gedauert.

    Wiesebrock hat das „Flugfieber“ 1996 gepackt, seit 2000 hat er einen Tandemschein. „Das Faszinierende ist, dass man aus dem Rucksack heraus Streckenflüge machen und auf zwei-, fast dreitausend Meter aufsteigen kann“, sagt er. Wenn man dann nach einem Streckenflug von bis zu 100 Kilometern irgendwo landet, stellt man sich mit seinem 18-Kilo-Rucksack einfach an die Straße und versucht, per Anhalter heimzukommen oder fährt Zug.

    Er sehe Gleitschirmfliegen zwar nicht als eine Extremsportart, sagt Wiesebrock. Er gibt aber zu, dass es insofern ein extremes Hobby ist, als im Grunde die gesamte Freizeit dafür draufgeht. Das sei auch nötig, da die meisten Unfälle Urlaubsfliegern passierten, die nicht regelmäßig fliegen gehen, meint er. Selbst fliegt er im Jahresschnitt jeden dritten bis vierten Tag. Übersetzt heißt das: praktisch fast immer, wenn es geht. So machen das die meisten Gleitschirmflieger um Karlstadt herum. „Gleitschirmfliegen ist wie eine Sucht, wenn man mal damit anfängt“, drückt es eine junge Fliegerin aus. Aber die Ausrüstung und der Flugschein sind mit zusammen über 5000 Euro alles andere als billig.

    Drei nah beieinanderliegende Startplätze gibt es bei Karlstadt: linksmainisch den Mäusberg, auf der gegenüberliegenden Mainseite den majestätischen, 120 Meter hohen Kalbenstein (durch die Aussichtsplattform „Edelweiß“ bekannt) und vier Kilometer weiter bei Gössenheim die Ruine Homburg. Je nach Windrichtung – der Wind muss beim Starten von vorne kommen – suchen sich die Flieger den passenden Startplatz aus. Im Flachland zu fliegen und oben zu bleiben sei viel schwieriger als Gleitschirmfliegen in den Alpen, erklärt Wiesebrock. In den Bergen gebe es praktisch immer Aufwind, weshalb ein Start dort selten ein Problem sei.

    Weil ich gerne einen etwas längeren Flug hätte, ist ausgemacht, dass wir es wieder versuchen zusammen, wenn ein Flug von einem der Startplätze bei Karlstadt möglich ist. Vier Wochen ziehen ins Land, dann kommt wieder ein Anruf und es muss wieder schnell gehen. Mein Horoskop im Radio hat mir gesagt: „Abwarten sollte heute Ihr Motto sein.“

    Am Startplatz bleibt uns auch erneut keine andere Wahl als abzuwarten. Diesmal soll es von der Klippe des Kalbensteins losgehen und nicht mehr vom sanften Hügel des Mäusbergs. Der Wind ist im Gegenteil zum vorigen Mal diesmal zu stark und böig zum Starten. Am Startplatz stehen jede Menge kommunikative Gleitschirmflieger, aber auch einige Drachenflieger herum. Der gut 14 Meter lange Tandemgleitschirm könnte bei einem solchen Wind Pilot und Passagier einfach über den Acker hinter sich herziehen, befürchtet Wolfgang Wiesebrock. „Das ist ja wie der Kater Mikesch bei der Augsburger Puppenkiste“, sagt eine Zuschauerin, die einen Flieger beim Start an den Leinen des Schirms hängen sieht, der nicht vorwärtskommt.

    Ich bin schon auf den Abend vertröstet, für den schwächerer Wind vorhergesagt ist, als die Sonne durch die Wolken bricht und den Wind etwas abschwächt. Mit zwei Helfern gelingt uns trotz des starken Winds ein Start. Durch den Wind fliegt es sich jetzt etwas schaukelig. Mir wird flau im Magen, aber die Aussicht ist grandios. Man sieht die Windräder, Karlstadt und Ortsteile und unter sich, Bäume, Weinberge, Autos, Züge, den Main. Wenn wir uns ein Stück nach oben schrauben, müssen wir uns wie beim Motorradfahren in die Kurve legen. Auf rund 260 Metern Höhe kommen wir. Bis nach Würzburg geht der Blick. Mein Tandempilot sagt, er habe aus 1600 Metern Höhe von hier aus auch schon den Vogelsberg gesehen.

    Um uns herum fliegen einige andere Gleitschirmflieger und unter uns zischen hin und wieder Drachenflieger vorüber. Fieberhaft sucht der Tandempilot nach einer Thermikblase, um noch höher steigen zu können, aber es kommt keine mehr. Weil mir leicht schlecht ist, bin ich auch gar nicht böse darum. Schließlich fliegen wir über den Main, und ich setze auf einem Feldweg etwas unsanft mit dem Hintern auf. Diesmal waren es fast 45 Minuten in der Luft. Aufregend war es, aber alleine hänge ich mich so schnell trotzdem nicht an einen Schirm.

    Der starke Wind mag mich zwar durchgeschaukelt haben, aber zugleich hat er an diesem Tag für zwei neue Weitenrekorde für den Startplatz gesorgt: ein Gleitschirmflieger flog 85 Kilometer weit bis nach Hildburghausen in Thüringen und ein Drachenflieger sogar 199 Kilometer bis nach Gera.

    Informationen zu Tandemflügen unter www.gleitschirmflieger-mainspessart.de

    Von unserem Redaktionsmitglied Björn Kohlhepp

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