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    Menschen auf dem Fluss

    Menschen am Fluss kennen ihn seit der Kindheit, den Geruch von Fischwasser und Motorenöl, der ans Ufer weht, wenn ein Frachter vorbeifährt. Sie kennen das Tuckern der Schiffsmotoren. Ich liebte als Kind den Namen „Rotterdam“ auf dem eisernen Rumpf, den ich im Rhythmus des Maschinen-Hämmerns vor mich hin sprach. Wo kamen sie her? Wo fuhren sie hin? Ich konnte lange an der Kaimauer stehen, atmen, lauschen, schauen. Schiffe schwammen vorbei mit kleinen Kindern, die an Deck in großen Käfigen spielten, um nicht ins Wasser zu fallen, Hunde bellten zum Ufer, Menschen hantierten mit Pinseln und leuchtenden Farben, rollten dicke Taue auf, ab und zu winkte jemand herüber. Ein Strom des Lebens, der vorbeizog. Gerne wäre ich damals mitgefahren.

    Jetzt habe ich es getan. An der Schleuse in Schweinfurt bin ich auf die Port de Mar gestiegen. Ein Frachter aus Marktheidenfeld (Lkr. Main-Spessart), der Tonerde von Bendorf am Rhein nach Baja an der Donau in Südungarn bringt. Das Schiff fährt Bernd Ludwig. Es ist Partikulier, das heißt, er fährt nicht nur das Schiff, die Port de Mar gehört ihm genauso wie ein Schubverband und die Beteiligung an einem weiteren Schubverband. Er reicht mir die Hand und hilft mir vom Beton der Schleusenmauer auf den Eisenboden des Schiffs.

    Er führt mich zum Herz des Schiffes, den 1200-PS-Dieselmotor. Sein gewaltiges Schlagen können wir nur mit Ohrschützern ertragen. Aber nun spüre ich ihn körperlich, den Rhythmus des Unterwegsseins auf dem Fluss. Ich laufe am Rand des Schiffsrumpfs entlang, wittere den Nuancen des Wassergeruchs nach, beobachte Enten und Schwäne, lasse meinen Blick sich im üppigen Baumgebüsch am Ufer verlieren und sehe, wie unendlich langsam Schloss Mainberg näher kommt, vorbeizieht und in der Ferne kleiner wird. Ich beginne, mich in den Zeittakt des Flusses einzuschwingen.

    „Unser Zeitgefühl ist ganz einfach“, sagt Ludwig und lacht. „Wir kennen keine Wochenenden, nur Tage vom Morgen bis zum Abend.“ Das gilt in doppeltem Sinn, ist Ausdruck für langfristigen Termindruck und tägliche Entschleunigung. Liefertermine und Schleusenzeiten müssen eingehalten werden und geben die Arbeitszeit vor. Schwieriges Wasser bedeutet Stress. Die lange Dunkelheit im Winter und Nebel, die vom Radar abhängig machen, spannen die Nerven an. Auf der anderen Seite kommt das Schiff im Durchschnitt bergwärts höchstens sieben, talwärts neun Kilometer in der Stunde voran, und der Arbeitsrhythmus stellt sich darauf ein.

    Gefahren wird vom Morgengrauen bis zur Nacht. Samstage und Sonntage verbringt die kleine Mannschaft aus Schiffsführer, seinem Sohn Julian, Steuermann Rifed Baldic und Decksmann René Weimer auf dem Schiff. An Sommerabenden wird an Deck oder am Ufer zusammen gegrillt, im Fluss geschwommen, über Gott und die Welt geredet. Unterwegs bei der Arbeit lenkt kein Bürogelärme ab. In den Motorentakt schlingt sich die Melodie aus Vogelgezwitscher, Entenquaken und den Stimmen der Menschen am Ufer.

    „Vom Fluss aus sehe ich der Welt zu“, sagt Ludwig, der jetzt auf seinem Sessel im Kopf des Schiffes sitzt, im Schiffsführerhaus. Er mag es, früh durch große Städte wie Köln oder Düsseldorf zu fahren und zu sehen, wie der Berufsverkehr die Brücken füllt, wie die Fußgänger an den Kais mit schnellen Schritten unterwegs zu ihren Zielen sind. „Alles eilt. Das Leben fängt an.“ Mittags beobachtet er die Trägheit am Ufer und abends die Gelöstheit. Manche joggen, alles geht heimwärts. „Samstag morgens um fünf Uhr beobachte ich die Jugend, die die Nacht durchzecht hat, auf dem Nachhauseweg.“

    Stadtsilhouetten glänzen in der Sonne. „Das ist ein schöner Anblick, du fühlst dich wohl.“ Ludwig erzählt von den Veränderungen, die er beobachtet. „Als ich ein junger Kerl war, gab es keine Biber in den Flüssen.“ Jetzt sieht er sie schwimmen. Irgendwann entdeckte er, dass sich eine neue Gänsesorte am Main niedergelassen hatte. Der Fluss ist sauberer geworden, als er in Ludwigs Kindheit war.

    In die Betrachtungen des Lebens und der Natur auf dem Fluss tönt der Funkspruch der Ottendorfer Schleuse (Lkr. Haßberge), die vor uns noch ein anderes Schiff abfertigen muss. Zeit für ein paar Daten. 105 Meter lang ist die 29 Jahre alte Port de Mar und 10,50 Meter breit. Sie hat Platz für 2428 Tonnen Ladung und gehört damit zur oberen Mittelklasse der Flussschiffe. „Wir fahren alle festen Stoffe“, sagt Ludwig. Getreide, Futtermittel, Erz, Kohle. Die Ladung besorgt die Mainschifffahrts-Genossenschaft MSG in Würzburg, für die etwa 70 Schiffe mit zusammen gut 100 000 Tonnen Frachtraum fahren. Fünf Prozent Provision zahlt Ludwig der MSG.

    Das Herz des Unternehmens von Bernd Ludwig schlägt – ähnlich wie das etwa eines Handwerksbetriebes an Land – nach Zahlen. Der Partikulier klagt über zunehmende Bürokratie, über den Druck durch Billiganbieter und Überkapazitäten, über fehlende Unterstützung durch die Politik, die vor allem den rollenden Verkehr fördere. Und über fehlenden Nachwuchs. Denn gemütlich ist das Leben an Bord nicht. Ludwig erzählt von nicht enden wollenden Arbeitstagen im Sommer im heißen, gläsernen Schiffsführerhaus. Er erzählt von Wochen, die das Schiff in abgelegenen Häfen eingefroren ist und bewacht werden muss. Aber Aufstiegschancen und Verdienst in dem Gewerbe sind nicht schlecht. Mit 22 Jahren kann einer schon sein Schiffsführerpatent in der Tasche haben und 3000 Euro netto verdienen, sagt Ludwig.

    Decksmann René Weimer ist einer, der diesen Weg vor Augen hat. Er hat, nach zehn Jahren auf dem Bau, erst im Februar auf der Port de Mar angefangen und schwärmt vom Leben an Bord. Seine Wohnung an Land hat er aufgegeben. Als die Port de Mar in Köln lag, hat er dort eine Freundin gefunden. Partnerinnen haben auch seine Kollegen. Familie an Land lasse sich organisieren, sagt Ludwig. Seine Angestellten haben lange Freizeitphasen zu Hause. Er allerdings verbringe zehn, elf Monate im Jahr auf dem Schiff. Und so lange er noch könne, fahre er, sagt der Mittfünfziger. „Das ist halt mein Leben.“

    Wir nähern uns der Knetzgauer Schleuse (Lkr. Haßberge). Hier steige ich aus. Aber ich würde am liebsten mitfahren bis Ungarn. Eine Woche ist die Port de Mar bis dahin noch unterwegs. Ich habe mich ein Stück mitnehmen lassen vom Leben auf dem Fluss. Und es gefällt mir. „Das sagt meine Freundin auch“, sagt Ludwig. „Ein Tag auf dem Schiff ist entspannender als ein Urlaub.“

    An Land stehe ich und schaue der Port de Mar nach, wie sie weiterzieht. Die Männer an Bord winken. Wo werden sie morgen sein? Der Fluss jedenfalls ist für uns alle derselbe.

    Von unserem Redaktionsmitglied Angelika Becker

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