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    WÜRZBURG

    Allein unter Franken

    Willkommen! Wer die Geselligkeit rheinischer Kneipen gewohnt ist, kann beim ersten Besuch in einer fränkischen Wirtschaf... Foto: Illustration: Romina Birzer

    Manchmal tut man Dinge, von denen man nicht weiß, wie sie ausgehen. Heiraten zum Beispiel. Mit Rucksack sechs Wochen durch Griechenland reisen. Kinder kriegen. Einen 13 Jahre alten Gebrauchtwagen kaufen. Den Mont Blanc besteigen. Einen Hund aufnehmen. Mit einer inländischen Fluglinie durch Indonesien fliegen. Einen Verein gründen. Das sind kleine Abenteuer.

    Die meisten davon habe ich hinter mir. Wahrscheinlich weil ich Kinder und Mont Blanc ausgelassen habe, sind alle ganz gut ausgegangen. Mein ganz großes Abenteuer dauert noch an. Seit mehr als 30 Jahren lebe ich als Rheinländerin in Franken. Unter Franken.

    Wenn man jung ist, denkt man sich nichts dabei, seinen Wohnort mal eben 300 Kilometer Richtung Süden zu verlegen. Warum auch? Sind ja nur dreieinhalb Autostunden von Köln nach Würzburg.

    Und so packt man morgens seine bescheidene Habe in einen altersschwachen Kastenwagen und sitzt abends auf einer Matratze zwischen fünf Umzugskartons in einer Mansardenwohnung in einem Würzburger Stadtteil mit dem befremdlichen Namen „Frauenland“. Weil wir die frühen 80er Jahre schreiben, ist das Handy noch nicht erfunden und das Festnetz-Telefon noch nicht angeschlossen. Einsamkeit macht sich breit. Man muss raus. Unter Menschen.

    Zwei Straßen weiter ist eine Kneipe. Der Wirt steht hinterm Tresen und poliert Gläser. An jedem der acht Tische sitzt exakt ein Gast. Ein Mann hockt auf einem Barhocker vor dem Geldspielautomaten und daddelt. Alle Augen richten sich auf die Tür. Ein bisschen verlegen lächelt man die fremden Leute an. Sofort wenden sie den Blick ab und schauen in ihre Gläser. „N'Abend“ ruft man, bekommt keine Antwort, will sich auf einem der vielen freien Stühle niederlassen. „Nix da“, ruft der Typ vom Automaten ohne den Kopf zu wenden, „das ist mein Platz“. Man steht unschlüssig herum. „Ja was jetzt?“, fragt der Wirt. Man geht.

    Draußen steht eine Telefonzelle. Rein, Wählscheibe drehen. Heiße Tränen fließen in den Telefonhörer. „Das ist ganz furchtbar hier“, schluchzt man der Freundin im fernen Rheinland ins müde Ohr, „in den Kneipen steht keiner an der Theke und die Leute reden nicht miteinander und schon gar nicht mit mir“. „Hast halt die falsche Kneipe erwischt“, tröstet die Freundin, „geh jetzt ins Bett, wenn Du aufwachst, ist alles gut“. Sie lügt.

    Am nächsten Morgen beim Bäcker. „Grüß Gott“, sagt man, weil man das schon gelernt hat. Dass der Gruß nicht erwidert wird, lernt man jetzt. „Zwei von den Brötchen aus dem linken Korb, bitte“. „Kipf“, sagt die Verkäuferin. „Kipf?“, fragt man. „Kipf“, antwortet die Verkäuferin. „Diese Brötchen heißen hier Kipf“, erklärt ein freundlicher Kunde, dessen Aussprache ihn als Hessen outet.

    Wenigstens sind die Kollegen in der Redaktion froh, dass man da ist. Es ist Januar. „Magst Du Fasching?“, fragen sie. Man lacht. Wer im Rheinland sozialisiert wurde, liebt Fasching. Auch wenn die fünfte Jahreszeit dort Karneval heißt. Sich verkleiden, alberne Lieder singen, schunkeln, lustigen Büttenreden lauschen, tanzen ... Ist doch egal, wie man das nennt – denkt man.

    Und dann besucht man, im Auftrag der Redaktion, die erste fränkische „Prunksitzung“. Der Saal ist festlich geschmückt. Kaum ein Besucher ist kostümiert. Viele haben die Arme vor der Brust verschränkt, was signalisiert, dass sie Großes für ihr Eintrittsgeld erwarten. Als der Elferrat einzieht, steht niemand auf. Ein paar Leute klatschen verhalten.

    Der Protokollarius tritt in die Bütt, lässt die Ereignisse des vergangenen Jahres auf lustige Art Revue passieren. „Wer kriegt das Rahmschnitzel?“, brüllt eine Kellnerin in den Saal. Niemand meldet sich. „Hallo“, ruft sie, „das Rahmschnitzel“. Der Büttenredner ist fertig. Tusch. „Letzs Jahr war der besser“, sagt ein Mann am Tisch. „Letzs Jahr war der gar net dabei“, sagt sein Sitznachbar. Der nächste Vortrag geht im Disput der beiden Herren unter.

    Die Kapelle spielt Stimmungslieder. Im Rheinland stünden die Besucher jetzt auf den Stühlen. In Franken gehen sie aufs Klo. Am Bühnenrand steht ein einsamer Teller mit einem kalten Rahmschnitzel.

    Nach der Sitzung fängt man Besucherstimmen ein. Schließlich muss man was schreiben über die Veranstaltung. „Hat es Ihnen gefallen?“, fragt man zwei Damen in feinen Sonntagsblüschen. „Noo“, sagt die eine. Die andere sagt nichts. Als der Bericht in der Zeitung erscheint, schickt der Präsident einen sehr bösen Brief an den Chefredakteur: „Diese Redakteurin ist völlig humorlos. Die kommt uns nicht mehr in den Saal.“

    Weil wir immer noch die 80er Jahre schreiben, hat die Zeitung eine „Mettage“. Hier bauen kräftige Metteure bleierne Texte, Bilder und Anzeigen zu Seiten zusammen. Theoretisch bestimmen die Redakteure, was an welchem Platz erscheint. Praktisch haben die Metteure das Sagen. Besonders, wenn die Redakteure jung sind und weiblich.

    Die Mettage findet abends statt und kann lange dauern. Das ist hinderlich, wenn man eine Verabredung hat. „Heute müssten wir mal ein bisschen flotter sein“, sagt man aufmunternd zum fränkischen Metteur, setzt sein schönstes Lächeln auf und stellt eine Flasche Bier auf den Setzkasten. Mit finsterem Blick öffnet er sie und nimmt einen langen Schluck. Dann sagt er „wir sind fei nicht in Köln“ – und man weiß, dass ein netter, gut aussehender, verliebter junger Mann vergeblich auf einen warten wird.

    Es ist viel Wasser den Main und den Rhein hinab geflossen seit diesen Ereignissen. Inzwischen sind wir im 21. Jahrhundert angekommen. Die Franken sitzen immer noch einzeln an Wirtshaustischen. Aber manche reden jetzt miteinander. Die Zeiten ändern sich halt. Sogar hier.

    „Heinz“, sagt ein älterer Mann zu einem anderen älteren Mann am Nebentisch, „Ihr ward doch in Spanien“. „Ja“, sagt Heinz. „Wie seid Ihr denn gefahren?“, will der erste wissen. Heinz überlegt, „Biebelried nauf“, antwortet er dann, „Spanien nunder“. „Aha“, sagt der erste. Dann schauen beide wieder in ihre Schoppengläser.

    Wenn der Frager nach Hause kommt, erzählt er seiner Frau bestimmt, dass er in der Kneipe den Heinz getroffen und einen netten Abend mit ihm verbracht habe.

    Franken reden nicht gern. Sätze mit mehr als zwei Kommata gelten als Geschwätzigkeit. Junge Journalisten verzweifeln, wenn sie Franken interviewen sollen. Ältere Kollegen versuchen es gar nicht mehr.

    Franken sind sich selbst genug – und fest davon überzeugt, dass das Leben schwer ist. Im Land der sauren Zipfel gilt ein Fest als gelungen, wenn es viel zu essen und zu trinken gibt. Zugereiste, die zu vorgerückter Stunde ausgelassen auf den Tischen tanzen, braucht hier kein Mensch.

    Dass ich trotzdem geblieben bin, liegt vermutlich an meiner Abenteuerlust. Außerdem muss ich zugeben, dass ich, nach zuweilen mühsamer Suche, auch in Franken Lieblingsmenschen, Lieblingskneipen und Lieblingsläden gefunden habe. Ich habe gelernt, dass in einem Geschäft der feste Blick und das leicht angehobene Kinn einer Verkäuferin „Guten Tag, was wünschen Sie, bitte“ bedeuten. Ich habe mich daran gewöhnt, dass die Tore der schönen, fränkischen Bauernhöfe nur geöffnet werden, wenn der Notarzt kommt. Und ich sage inzwischen sogar „die Hünd“, wenn ich von meinen Vierbeinern spreche.

    Aber auf meinen Leberwurst-Kipf gehört zwingend Butter. Und „Fasching“, das geht gar nicht.

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