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    IPHOFEN

    Als in Franken der Hexenwahn wütete

    Was der Anschuldigung vorausging, ist nicht bekannt. Contz Hofmockel aus dem kleinen Ort Weißenbronn, damals zum Kloster Heilsbronn gehörig, fühlte sich im Jahr 1582 seiner Manneskraft beraubt. Das konnte nur Hexenwerk sein. Eine Schuldige hatte Hofmockel mithilfe einer Wahrsagerin ausgeguckt: die Witwe Barbara Hörnlein aus dem benachbarten Weiterndorf.

    Warum ausgerechnet sie, ist auch nicht bekannt. Es findet sich in den Unterlagen nur der Hinweis, dass bereits ihre Eltern wegen Hexerei beziehungsweise „Truterei“ verschrien waren. Womöglich hatte Barbara Hörnlein zudem rote Haare, das galt damals als höchst verdächtig. Barbara Hörnlein jedenfalls wollte den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen und strengte ein Gerichtsverfahren an. Das hätte sie wohl bleiben lassen sollen. Zur Gerichtsverhandlung kamen sieben weitere Männer, die sich ebenfalls von ihren mordsmäßigen Fähigkeiten geschädigt fühlten. Sie beteuerte weiterhin tapfer ihre Unschuld. Es kam zum Vergleich – wohl nur deshalb, weil in der Zwischenzeit die Manneskraft Hofmockels zurückgekehrt war und er ein Kind gezeugt hatte. Das könnte der Grund dafür gewesen sein, dass sich Barbara Hörnlein mit diesem Schiedsspruch nicht zufriedengab. Sie wollte zweifelsfrei freigesprochen werden und zog zum Kaiserlichen Landgericht in Nürnberg. Anschließend wurde die Angelegenheit in die Obrigkeit des Markgrafen von Brandenburg-Ansbach übergeben. Zehn Jahre lang kämpfte sie um ihre Unschuld. Auch Contz Hofmockel gab nicht auf – und gewann. Barbara Hörnlein wurde um 1590 in Langenzenn auf dem Scheiterhaufen verbrannt, so berichtet es die Stimme im Audioführer in der Ausstellung „Hexenwahn in Franken“ im Knauf-Museum Iphofen.

    Als Barbara Hörnlein qualvoll starb, gehörten die Hexenprozesse in Franken bereits zum grausigen Tagesgeschäft. Nicht nur in protestantischen Fürstentümern, vor allem in den katholischen Hochstiften Würzburg und Bamberg gab es unerbittliche Hexenverfolgungen. Es konnte jeden treffen. „Der Bischof wolle das Ungeziffer gentzlich ausrotten“, verbreiteten Flugblätter um 1616 in Tübingen den Eifer des Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn. Gegen Ende seiner Herrschaft (von 1573 bis 1617) hatte seine Hexenjagd eine grausige Systematik angenommen: Immer dienstags gab es allein in einem der Haupthinrichtungsorte, in Gerolzhofen, „starcke Braendt“ – Massenexekutionen von bis zu 25 Personen. Zwischen 1616 und 1619 starben dort über 260 Menschen in eigens gebauten Verbrennungsöfen. Für Würzburg selbst nennt eine Quelle die Zahl von 300 Opfern, die dort binnen eines Jahres zu Tode kamen.

    Unter seinem Nachfolger, Johann Gottfried von Aschhausen, der die beiden Hochstifte Würzburg und Bamberg bis 1622 in Personalunion regierte, ging die Zahl der Hexenprozesse weiter nach oben. Auch sein Ziel war, seinen Machtbereich „von dem Hexen-Geschmaiß zu säubern“.

    Höhepunkt der Verfolgungen war unter dem Bamberger Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim (Regierungszeit 1623 bis 1633). Er erhielt den Beinamen „Hexenbrenner“. Etwa 1000 Menschen wurden Opfer seiner Unbarmherzigkeit.

    Auch der Neffe Julius Echters, Philipp Adolf von Ehrenberg, der im Hochstift Würzburg von 1623 bis 1631 an der Macht war, ging als ein „Hexenbischof“ in die Geschichte ein. Eine beschuldigte Frau soll über ihn geklagt haben: „Der bischoff läßt nit nach, bis er die gantze statt verbrennt hat.“ Sein fanatischer Hexenglaube kostete zwischen 1627 und 1629 etwa 900 Menschen das Leben – sogar seinem eigenen Neffen.

    Es starben also nicht nur Frauen, auch Männer und Kinder wurden der Hexerei verdächtigt – oder es wurde ihnen geglaubt, wie zum Beispiel dem zehn Jahre alten „Zinken Hänsle“ aus Bettingen bei Wertheim, der sich 1629 nur ein wenig wichtig machen wollte. Er erzählte in der Schule, dass er einen magischen Gürtel besäße, mit dem er sich in einen Hasen verwandeln könne. Die kindliche Prahlerei kam dem Pfarrer zu Gehör. Das Hänsle wurde verhört und ins Spital gesperrt. Was aus dem Kind wurde, ist nicht bekannt.

    Angst vor Zauberei, die anderen Schaden zufügt, hatte man bereits im Altertum. Sie wurde empfindlich bestraft. In frühchristlichen Zeiten galt die Magie als heidnischer Überrest, der bekämpft werden musste – aber noch nicht auf dem Scheiterhaufen. Erst nach der Inquisition im 13. und 14. Jahrhundert hatte es die Kirche neben den Ketzern verstärkt auf die Frau abgesehen.

    Grundlage für die Verfolgungen war die „Hexenbulle“ von Papst Innozenz VIII. aus dem Jahr 1484. Der Inquisitor Heinrich Kramer, der unter seinem latinisierten Nachnamen Institoris bekannt wurde, sollte sich dabei „frei aller Mittel bedienen“. Er schuf seinerseits ein Werk, das als Anleitung zum Töten angesehen werden kann: den 1487 erstmals erschienenen „Hexenhammer“. Unter anderen auf die Ausführungen von Institoris, die von einem starken Hass auf Frauen geprägt sind, beriefen sich die geistlichen und weltlichen Gerichte bei ihren Schuldsprüchen. Und auf die Bibel. Dort steht: „Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen“ (Ex 22,17).

    Der „Hexenhammer“ war ein Handbuch für Hexenjäger und -richter, in dem Heinrich Institoris ausführlich beschrieb, „was sich bei der Zauberei zusammenfindet“. Das waren der Teufel, der Hexer oder die Hexe. Er führte unter anderem aus, „ob die Hexen durch gauklerische Vorspiegelungen die männlichen Glieder behexen, so dass sie gleichsam gänzlich aus den Körpern herausgerissen sind“ – so schlimm wird es bei Contz Hofmockel sicher nicht gewesen sein.

    Im zweiten Teil widmete sich Institoris verschiedenen Arten und Wirkungen der Hexerei. So festigte sich immer mehr das Bild der Hexe, die sich mit dem Teufel einlässt, nächtens durch die Luft fliegt, am Hexensabbat teilnimmt und sich in ein Tier verwandeln kann. Im letzten Teil des „Hexenhammers“ beantwortet der Autor alle Fragen, wie man den Hexen und Hexern den Prozess macht – „die Arten der Ausrottung“.

    Dies alles erklärt jedoch nicht alleine das Phänomen der sich im frühen 17. Jahrhundert epidemisch verbreitenden Hexenverfolgungen. Es war vor allem die Angst vor dem Schadenzauber. Sie führte zu Denunzierungen – nicht durch die Kirche, sondern oft durch Nachbarn. Auslöser waren Streit, Missgunst und Neid, hervorgerufen durch Missernten und Hungersnöte nach der „Kleinen Eiszeit“, die ab etwa 1550 die Wetterverhältnisse durcheinanderbrachte. Für die Menschen war damals Hexenwerk daran schuld. Zudem verunsicherte die Menschen eine allgemeine Orientierungslosigkeit während der Reformationszeit. Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges taten ihr Übriges.

    Da nur Geständige verurteilt werden konnten, presste man durch Folter aus den Beschuldigten ihre angeblichen Schandtaten heraus, ebenso neue Namen, neue „Besagungen“. Ein Teufelskreis. Erst gegen 1631, als die Schweden nach Franken kamen, hörte der mörderische Spuk auf. Begnadigungen gab es bis dahin keine, höchstens die, dass zum Tode Verurteilte geköpft wurden, bevor ihre Körper brannten.

    So geschah es auch Renata Maria Singer von Mossau, der unbeliebten Subpriorin des Frauenklosters in Unterzell. Die Greisin wurde auf der Festung enthauptet und anschließend im Höchberger Wald, heute Hexenbruch genannt, verbrannt. Und das 1749, als die Scheiterhaufen eigentlich längst verloschen waren. Sie war die letzte Frau, die in Würzburg als „Hexe“ umgebracht wurde.

    Ausstellung im Knauf-Museum Iphofen

    Männer, Frauen und Kinder: Die Ausstellung „Hexenwahn in Franken“ im Knauf-Museum in Iphofen erinnert bis 2. November an Schicksale von Menschen, die in der Region wegen Hexerei gefoltert wurden und meist auf dem Scheiterhaufen landeten. Dass diese Hinrichtungen nicht im finsteren Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit stattfanden, verdeutlicht das Erscheinungsjahr der ausgestellten Dokumente; so ist die Bambergische Halsgerichtsordnung 1507 verfasst worden. Sie regelte den Ablauf der „peinlichen Befragungen“. Zu sehen sind zudem Folterwerkzeuge und ein Hexenhemd: Dienstag bis Samstag 10-17, Sonntag 11-17 Uhr. www.knauf-museum.de Am Galgenbrünnlein zwischen Hüttenheim und Seinsheim ist das Modell eines Scheiterhaufens zu besichtigen.

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