• aktualisiert:

    MAIDBRONN

    Das letzte große Vermächtnis von Riemenschneider

    Sie gilt als letztes großes Vermächtnis des Meisters: die „Beweinung Christi“ in der ehemaligen Klosterkirche in Maidbronn. Dort, ein paar Kilometer nördlich von Würzburg, steht das Relief auf dem Altar der Kirche St. Afra, die früher zu einem Zisterzienserinnenkloster gehörte. Aus zwei graugrünen Sandsteinblöcken gemeißelt, scheint es förmlich von innen heraus zu leuchten. Die Faszination, die die Figuren auf den Betrachter ausüben, ist schwer in Worte zu fassen: Von einer „nicht wieder erreichten Innerlichkeit“ und „echten Größe des Gefühls“ spricht der Kunsthistoriker Max von Freeden angesichts von Riemenschneiders letztem großen Werk.

    So steht es in der Bibel: Noch in der Nacht, als Jesus stirbt, bittet Josef von Arimathäa Pontius Pilatus, den Leichnam in seinem Grab bestatten zu dürfen. Dieser reiche Jude Josef ist es auch, der Jesus vom Kreuz abnimmt, in ein Tuch hüllt und in das Grab legt. Weitere Personen, die bei diesen Ereignissen eine Rolle spielen, sind Maria Magdalena und Maria Salome, die als Jüngerinnen der Kreuzigung beiwohnten und später auch Zeuginnen der Auferstehung werden sollten. Ebenfalls involviert war Nikodemus, ein Pharisäer und stiller Anhänger von Jesus, der Myrrhe und Aloe für die Bestattung mitbringt.

    Maria und Johannes, die in Maidbronn als nächste Angehörige um Jesus trauern, sind zwar fester Bestandteil solcher Beweinungsgruppen. Die Bibel jedoch berichtet davon nichts. Die Geschichte von der Beweinung Christi stammt ohnehin nicht aus der Bibel, sondern aus der Legendenliteratur des Mittelalters. Erst ab dem 12. Jahrhundert spielt die Beweinung eine Rolle in der darstellenden Kunst – sei es als Pieta, also als Bildnis von Maria, in deren Schoß der Leichnam liegt, oder als Beweinungsgruppe, wie sie in Maidbronn zu sehen ist. Heute fasziniert uns die Kunst des Bildhauers, die Licht- und Schattenwirkung, die Plastizität. Damals jedoch waren andere Dinge wichtig. „Man hat das nicht als Kunstwerk empfunden“, ist Margarete Busche überzeugt. „Die Menschen hatten das Bedürfnis, Trost zu finden“, sagt die in Rimpar lebende Historikerin und Gästeführerin.

    Dass das Relief aus Riemenschneiders Werkstatt stammt, ist unstrittig, und auch, dass es das Ende seiner Schaffensperiode markiert. Dafür sprechen zum einen stilistische Merkmale: Auch wenn das Werk wohl insgesamt noch der Spätgotik zuzuordnen ist – die Schrägstellung der Schächerkreuze, die unter den Gewändern sichtbar werdenden Körper, der eher ruhige Faltenwurf sind Anzeichen der sich auch nördlich der Alpen bemerkbar machenden Renaissance. Ein weiterer Hinweis auf die Entstehungszeit findet sich in einer Rinne im oberen Rahmen: Hier wurde ein Handwerkszeichen angebracht, ähnlich dem, das man am Grabmal des Lorenz von Bibra im Würzburger Dom fand. Letzteres ist im Gegensatz zur Beweinung eindeutig zu datieren.

    Glaubt man den Schautafeln in der ehemaligen Klosterkirche, dann wurde das Relief von den Zisterzienserinnen bestellt und im Jahr 1526 fertiggestellt. Eine andere Meinung ist, dass die Beweinung ursprünglich als Andachtsbild für die Ritterkapelle in Rimpar geschaffen wurde. Die Kapelle diente wie die Maidbronner Kirche als Grablege der Grumbacher, die bereits zuvor Aufträge an Riemenschneider vergeben hatten. Dass diese später auch ein Trostbild für ihre Totenkapelle bei ihm bestellten, ist plausibel. Das Zisterzienserinnenkloster dagegen machte in den fraglichen Jahren eine schwere Zeit durch: Im Jahr 1519 musste das Kloster, das nur noch drei Nonnen beherbergte, beim Fürstbischof um Geld bitten. Von den Zerstörungen durch die Bauern im Jahr 1525 erholte es sich nie mehr, 1581 wurde es ganz geschlossen.

    Dass die Nonnen ausgerechnet in dieser Situation ein so teures Kunstwerk angeschafft haben sollen, irritiert. Genau wie die Tatsache, dass an dem später hinzugekommenen barocken Rahmen mit den Heiligen Peter und Paul die Schutzpatrone der Rimparer Pfarrkirche befestigt sind. Zuletzt gibt auch die Predella mit einer Inschrift aus dem Jahr 1526 Rätsel auf: Von der Zerstörung durch die Bauern ist hier die Rede und vom heiligen Kilian – der in Riemenschneiders Bild gar nicht vorkommt.

    Klar beantworten lässt sich die Frage nach der Herkunft des Retabels dennoch nicht. Fest steht nur: Es ist in einer Zeit entstanden, die von Hungersnöten, Krankheiten, Kriegen und Unsicherheit geprägt war. „Der Tod war jeden Tag in den Häusern der Menschen“, sagt Busche. Für sie muss die Darstellung der Trauernden um Jesus eine ganz besondere Bedeutung gehabt haben. Riemenschneider zeigt einen toten Christus, der alles Leid überwunden hat, dessen Gesichtszüge fast gelöst wirken. Josef von Arimatäa, der den Oberkörper des Toten hält, tritt inmitten der ohnmächtig wirkenden Angehörigen als pragmatischer Helfer auf, der tut, was notwendig ist.

    Johannes als junger Mann scheint dagegen hilflos, auch wenn er liebevoll seine Hand auf Marias Arm legt. Bei dem bärtigen Mann, der neben Johannes steht, dürfte es sich um Simon von Kyrene handeln – der Mann, der gezwungen wurde, für Jesus das Kreuz zu tragen. Eine besondere Bedeutung hat Nikodemus, der als einzige Figur mittelalterliche Kleidung trägt: In ihm hat sich Riemenschneider offenbar selbst porträtiert. Anders als im Creglinger Marienaltar sieht man ihn hier als alten Mann. Zur Entstehungszeit dürfte Riemenschneider ein stolzes Alter von gut 60 Jahren gehabt haben. Sein Gesicht erscheint nur von vorne korrekt, von der Seite ist es verzerrt – ein Kunstgriff des Meisters. Dass er sich ausgerechnet als Nikodemus darstellt, ist kein Zufall: Der Legende nach soll der Pharisäer, der wie Riemenschneider eine wichtige Person des öffentlichen Lebens war, das erste Bildnis des gekreuzigten Jesus geschnitzt haben. Auch Michelangelo identifizierte sich mit dieser Persönlichkeit und stellte sich als Nikodemus dar.

    Dass der Künstler sich nicht irgendwo am Rand, sondern in der Bildmitte, direkt unter dem leeren Kreuz platziert hat, ist ungewöhnlich. Rückblickend könnte man das fast ironisch finden. Denn er steckte ja auch mittendrin in den Unruhen von Bauernkrieg und Reformation. Nach der „Beweinung Christi“, die heute – so viel ist zumindest sicher – in der alten Klosterkirche St. Afra in Maidbronn steht, hat Riemenschneider bis zu seinem Tod im Jahr 1531 keine größeren Kunstwerke mehr geschaffen.

    Weitere Artikel