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    FRANKEN

    Franken: "Das nächste Dorf ist schon Ausland"

    Der Würzburger Historiker Wolfgang Altgeld meint, gelegentlich müsse man „das Nichtmachen viel stärker beachten, um Geschichte zu verstehen“. Ferdinand von Habsburg-Toskana, der kleine Bruder des österreichischen Kaisers, war einer, dessen Nichtmachen die Region nachhaltig geprägt hat. 1806 richtet ihm Napoleon ein Großherzogtum ein. Ferdinand soll herrschen über 350 000 Unterfranken auf 6000 Quadratkilometern zwischen Spessart und Coburg, Fulda und Bad Mergentheim.

    Aber Ferdinand versteht sein kleines Reich nicht. Was und wer gehört hier wem? Wer ist ihm etwas schuldig? Wem ist er etwas schuldig? Und warum ist das Durcheinander so groß? Altgeld schreibt, Ferdinands Erfahrungen als Herrscher über die Toskana hätten „ihn kaum dazu befähigt, die so überaus komplexen Gemengelagen und Diversifikationen der feudalen Strukturen gerade in Franken zu begreifen“.

    Als Ferdinand vor über 200 Jahren nach Würzburg kommt, hat die Region bereits eine dreijährige bayerische Reformorgie hinter sich. Im Auftrag des französischen Kaisers krempelten der bayerische Kurfürst Maximilian und sein Minister Montgelas die feudalen Strukturen um. Sie trennten Kirche und Staat, entwickelten ein neues kulturelles, gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben, setzten nüchterne Wissenschaft gegen barocke Religion. Der Historiker Anton Chroust konstatiert: „Das Land machte in den drei Jahren von 1802 bis 1805 stärkere Fortschritte als in den vorausgegangenen drei Jahrhunderten.“

    1806 müssen die Bayern von Würzburg lassen und Ferdinand, allem Radikalen abhold, dreht das Rad zurück. In Schweinfurt treiben die Bayern ihr Reformwerk bis 1810 weiter. Während hart und schnell der Puls der neuen Zeit schlägt, versinkt Würzburg im reformerischen Dornröschenschlaf. Schweinfurt entwickelt sich zur blühenden Industriestadt mit einem starken Proletariat. In der Beamten- und Gelehrtenstadt Würzburg überdauert Ferdinands Trägheit die Zeit.

    Kurt Töpner, ehemals mittelfränkischer Bezirksheimatpfleger, erklärt, für den fränkischen Dörfler und Städter sei „vielfach der nächste Ort schon wieder Ausland“ gewesen. Die Folge sei ein Patriotismus, der „enger, kleinräumiger und differenzierter war und in manchen seinen Nachwirkungen immer noch ist“. Franken war immer vielfältig, nie eine Einheit.

    Der Nürnberger Historiker Werner K. Blessing, schreibt, im 19. Jahrhundert hätten in Franken „weltanschaulicher Widerstreit“ – Gegner von Demokratie und Modernisierung versus liberale Fortschrittsgläubige – und konfessionelle Verwerfungen das soziale Leben, die kulturellen Formen, die politischen Verhältnisse „sehr polarisiert“. Blessings Analyse: „Franken besaß keine eigene Staatlichkeit, keine einheitliche Geschichte von Gewicht und (…) keine durchgehende Leitkultur.“ Dagegen sei die Idee von der deutschen Nation hier „schon sehr früh gegenwärtig“ gewesen. Er berichtet von „Orten und Zeichen, in denen man das fränkische Wesen verdichtet sah, wie in Rothenburg oder Nürnberg oder im Bamberger Reiter“. Das gelte vor allem für die protestantische Bevölkerung, aber auch Teile des katholischen Bürgertums haben bürgerliche Interessen „über katholische Werte, die Klasse über die Konfession“ gestellt.

    Blessing spricht von einem „national durchtränkten Frankenbild“, das deutschnationale und völkische Kreise gegen die von ,undeutschen‘ (...) Interessen bestimmte Weimarer Republik“ ausspielten. Sie hätten sich vor allem aus der bäuerlichen Lebenswelt zwischen Untermain und Fichtelgebirge „zu einer vorbildhaften Szenerie ,fränkischer Art‘“ entwickelt. In der nationalsozialistischen Blut- und Boden-Ideologie „traten die Franken als deutscher Hauptstamm in die vorderste Reihe“. Aber auch im Nationalsozialismus erschien Franken nicht als Einheit. Die NSDAP siegte bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 in den überwiegend protestantischen Gebieten deutlich, teilweise triumphal. In den mehrheitlich katholischen Gegenden zog sie gegen die katholische Bayerische Volkspartei den Kürzeren.

    Seit 1995 gibt es in Deutschland „Metropolregionen“, in den sich Städte und Gemeinden zusammenschließen zur gemeinsamen wirtschaftlichen Entwicklung. Auch hier keine Spur von fränkischer Einheit. Im Osten liegt die Metropolregion Nürnberg (3,5 Millionen Einwohner), zu der Mittel- und Oberfranken gehören, die halbe Oberpfalz und die unterfränkischen Landkreise Haßberge und Kitzingen.

    Im Westen liegt die Region Frankfurt/Rhein-Main (5,5 Millionen Einwohner), ebenfalls mit unterfränkischer Beteiligung, mit Aschaffenburg und den Landkreisen Aschaffenburg und Miltenberg.

    Dazwischen, eine Million Einwohner klein: die Region Mainfranken mit Würzburg und Schweinfurt und den Landkreisen Bad Kissingen, Haßberge, Main-Spessart, Rhön-Grabfeld, Würzburg und Schweinfurt. Die Oberbürgermeister von Würzburg und Schweinfurt sehen die Zukunft der Region nicht in einem vereinten Franken. Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt schätzt Nürnbergs Dominanz im Wirtschaftsraum Franken als „sehr stark“ ein. Die ehemalige Reichsstadt sei „Konkurrenz und eine Art Magnet in der Wahrnehmung von außen“. Schuchardts Schweinfurter Kollege Sebastian Remelé schaut noch mehr auf den „starken Süden“, gegen den sich die Region behaupten müsse.

    Beide setzen auf die Region Mainfranken. Remelé bewirbt sie als einen „einzigartigen Lebensraum mit vergleichsweise günstigen Lebensbedingungen, einen idealen Wirtschaftsstandort mit guter Infrastruktur und eine Vielfalt kultureller Einrichtungen“. Sie helfe, gleiche Lebensbedingungen in Stadt und Land zu fördern. Schuchardt preist die Region Mainfranken als einen „Kreis von überschaubar vielen, gleichwertigen Partnern“ an, die „einfach, schnell und direkt Entscheidungen“ treffen könnten. Sie seien nicht „Juniorpartner einer großen Stadt“, eines „erdrückenden Partners, der alles vorgibt“. Beide Oberbürgermeister geben als Ziel aus, etwas gegen die demografisch bedingte „Entvölkerung“ (Schuchardt) zu unternehmen. Remelé erklärt, wie: „für die ansässige Bevölkerung attraktiv bleiben und den Zuzug fördern“. Folge: Nicht nur Wirtschaft und Technologien verändern sich ständig. Auch die Bevölkerung, ihre Kultur und Mentalität wird immer vielfältiger werden.

    Der Historiker Blessing sieht Frankens Vorzug darin, „dass es keine durchschlagende Identität gibt, sondern Zugehörigkeitsräume von ganz verschiedenem Profil und Gewicht gelten“ lasse. Er erkennt darin die Chance für die Zukunft. Gerade in seiner Vielfalt sei Franken „ein Feld von exemplarischen Formen der Beheimatung auch in der modernen Gesellschaft.“

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