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    KEHLHEIM / BAMBERG

    Mit Volldampf in die Neuzeit

    Die Industrialisierung Frankens beginnt als Wettlauf, als Wettlauf zwischen Bahn und Schiff. 1834 beginnt man zwischen Kehlheim an der Donau und Bamberg am Main mit dem Bau des Ludwig-Main-Donau-Kanals. Im selben Jahr erhält auch die Königlich privilegierte Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft die Konzession für den Bau einer Bahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth. Während der Bau des gut 170 Kilometer langen Wasserwegs – dem Vorläufer des späteren Main-Donau-Kanals – elf Jahre dauert, dampft der legendäre „Adler“ bereits im Dezember 1835 auf der allerdings nur etwa sechs Kilometer langen Strecke Nürnberg-Fürth. Zudem ist das privat finanzierte Bahnprojekt – ein aus damaliger Sicht wagemutiges Unternehmen mit ungewissem Ausgang – wirtschaftlich äußerst erfolgreich. Der Raum Nürnberg prosperiert – und Franken hat im ländlich geprägten Bayern plötzlich die Nase vorn.

    In Unterfranken beginnt das Eisenbahnzeitalter allerdings erst einige Jahre später: Im August 1852 rollt der erste Zug zwischen Bamberg und Haßfurt. Doch schon im November desselben Jahres ist auch Schweinfurt eine Bahn-Stadt. Und im Juli 1854 wird dann endlich auch Würzburg an das noch überschaubare Streckennetz angeschlossen. In den folgenden Jahren kommen weitere Verbindungen hinzu, etwa die von Würzburg über Ochsenfurt ins mittelfränkische Ansbach (1864). Exakt 30 Jahre nach der Jungfernfahrt des „Adler“ ist auch die noch heute so wichtige Route von Würzburg über Kitzingen nach Fürth und Nürnberg fertig.

    Die Jahre des Bahnbooms sind auch die Jahre, in denen sich Franken von einem fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Landstrich zu einer Industrieregion wandelt. Es ist – wenig verwunderlich – vor allem der Großraum Nürnberg, der schnell nationale und internationale Bedeutung erlangt. Doch auch in Unterfranken entwickeln sich Industrie und Handel in einem bislang nicht gekannten Umfang. Vor allem mit dem Aufkommen der Elektroindustrie ab 1880 beschleunigt sich in der Region zwischen Aschaffenburg, Würzburg und Schweinfurt der Industrialisierungsprozess, schreibt Dirk Götschmann im historischen Atlas „Unterfranken in Bayern 1814 – 2014“. Die Zahlen, die der Atlas nennt, sind beeindruckend: So nimmt die Zahl der Beschäftigten in Industrie, Gewerbe und Handel zwischen 1882 und 1907 im damaligen Landkreis Bad Kissingen dreistellig zu. Und auch im Gebiet Schweinfurt und Haßberge verdoppelt sich die Beschäftigtenzahl in dieser Zeitspanne fast.

    Es sind Namen wie Ernst Sachs, die diese Zeit prägen. Der 1867 in Konstanz am Bodensee geborene Tüftler begeistert sich bald für eine der zahlreichen Innovationen: das Fahrrad. Als junger Mann sammelt er als Fahrer sogar sportliche Meriten auf dem Zweirad. Doch das Techniker-Gen behält die Oberhand: 1895 gründet Sachs gemeinsam mit dem Kaufmann Karl Fichtel die „Schweinfurter Präcisions-Kugellager-Werke Fichtel & Sachs“. Mit der 1903 präsentierten „Torpedo“-Freilaufnabe für Fahrräder gelingt dem Unternehmen eine bahnbrechende Erfindung. Später spezialisiert man sich auf Kupplungen und Stoßdämpfer – die Kugellager-Sparte wird verkauft. Das Wälzlager – so der korrekte Überbegriff, denn Lager müssen ja nicht immer kugelrund sein – ist wohl das Produkt, das stellvertretend für die Bedeutung der Industrieregion Unterfranken steht.

    Angefangen hat alles 1883: Friedrich Fischer konstruiert die Kugelschleifmaschine, mit der es möglich wird, gehärtete Stahlkugeln absolut gleichmäßig rund zu schleifen – und das in bislang nicht für möglich gehaltenen Stückzahlen. Die Gründung von Kugel-Fischer im Jahr 1896 ist ein Meilenstein der unterfränkischen Industriegeschichte – doch schon 1909 übernimmt der Schweinfurter Wettbewerber Georg Schäfer die Firma. Zwei Jahre zuvor hatte Sven Wingquist im schwedischen Göteborg die „Aktiebolaget Svenska Kullagerfabriken“ gegründet, kurz SKF. Unter Führung der SKF schießen sich 1929 sechs deutsche Lagerhersteller zur „Vereinigten Kugellagerfabriken AG“ zusammen. Mit dabei die 1890 von Wilhelm Höpflinger und Engelbert Fries in Schweinfurt gegründete „Deutsche Gussstahlkugelfabrik“. Schweinfurt ist wichtigster Standort – die Stadt wird endgültig zur Welthauptstadt des Wälzlagers.

    Einige der heute noch weltbekannten Firmennamen Unterfrankens aber stammen aus einer deutlich früheren Zeit. So nimmt die Familie Rexroth bereits 1795 einen Eisenhammer im Elsavatal im Spessart in Betrieb. Der Firmensitz allerdings wird erst 1851 ins nahe, verkehrstechnisch günstigere Lohr am Main verlegt. Heute ist die Bosch-Rexroth-Gruppe – mit Sitz immer noch in Lohr – mit weltweit rund 36 000 Mitarbeitern eines der bedeutendsten Unternehmen der Region.

    Und vor genau 200 Jahren beginnt die Geschichte eines weltbekannten Unternehmens, das eine ganze Branche quasi erfunden hat – und sie technologisch bis heute prägt: Koenig & Bauer. 1814 druckt die revolutionäre Zylinderdruckmaschine von Friedrich Koenig zum ersten Mal die Londoner Tageszeitung „The Times“ – und das mit Dampfmaschinenkraft. Nur wenige Jahre später gründen Koenig und sein Kompagnon Andreas Bauer die „Schnellpressenfabrik Koenig & Bauer“ im Kloster Oberzell bei Würzburg. Es sind echte Pioniere: Der Beginn des eigentlichen Maschinenzeitalters liegt da noch ein Vierteljahrhundert entfernt.

    Museum Industriekultur

    In Nürnberg bietet das Museum Industriekultur einen umfangreichen Abriss über die Geschichte der Industrialisierung in Franken. In historischen Fabrikgebäuden wird das Arbeits- und Alltagsleben der Vergangenheit wieder lebendig. Zudem gibt es eine Technik-Revue, ein Museumskino, Spezialschauen wie das Motorradmuseum oder ein Lern- und Spaßlabor zum Experimentieren. Tipp: Jeden dritten Sonntag im Monat, also auch wieder am 21. September, jeweils 15 Uhr, gibt es eine Themenführung für Erwachsene, das Motto „Industriepioniere und Unternehmer“.

    Infos: Museum Industriekultur, Äußere Sulzbacher Straße 60-62, Tel. (09 11) 231 -38 75. Di-Fr 9 - 17 Uhr, Sa, So, Feiertage 10 - 18 Uhr.

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