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    Wächter der antiken Stätten

    Allaha ?smarlad?k – „Auf Wiedersehen“ auf Türkisch, das haben wir uns alle gemerkt. Erstens, weil man wiederkommen muss in dieses Land zwischen Orient und Okzident mit seinem türkisblauen Meer und den über 4000 antiken Stätten. Und zweitens, weil Serdar, unser Fremdenführer, diesen Witz erzählt hat: „Fragt ein Deutscher einen Türken, was 'Auf Wiedersehen' heißt. 'Allaha ?smarlad?k', sagt dieser. Damit sich's der Deutsche merken kann, baut er ihm eine Eselsbrücke: 'Allaha is mal dick.' Tags darauf will der Deutsche sein Wissen gleich anbringen und verabschiedet sich mit 'Allaha is mal fett'.“

    Serdar haut einen Kalauer nach dem anderen heraus – in akzentfreiem Deutsch. Und zwischendurch auch mal im Swiizerdütsch. Das beherrscht er genauso gut, seit er mal eine Schweizer Wandergruppe durch das antike Ephesos geführt hat. Englisch spricht er ebenfalls fließend. Dank seiner Lebensgefährtin – eine Kanadierin, die in München lebt.

    Alle vier Wochen pendelt Serdar in die bayerische Landeshauptstadt. Aber dort leben, das möchte er nicht. Seine Heimat ist Izmir, die Vier-Millionen-Stadt an der türkischen Westküste, zwischen der ägäischen Bucht und dem bergigen Hinterland. Wo man in den bunten Kemeralti Bazar eintauchen und in einer knappen Autobahnstunde an den karibisch-weißen Sandstränden von Çesme liegen kann. Wo alte Kunstschätze und westliche Moderne aufeinandertreffen. Wo man bis in den Morgen Party feiern und mit Meerblick frühstücken kann.

    Izmir gilt als die liberalste und westlichste Stadt der Türkei, aber die Rollenverteilung ist auch hier klar: Im Restaurant bedient der Mann, in der Küche schafft die Frau. Und draußen wehen die roten Fahnen mit dem türkischen Halbmond, um an die Gründung der Republik am 29. Oktober 1923 zu erinnern, mit der eigentlich auch die Gleichstellung der Frau festgelegt wurde.

    Auf Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk lässt Serdar nichts kommen. Er habe viel gearbeitet, wenig geschlafen und den Frauen Rechte gegeben. Im Osmanischen Reich nämlich waren sie gar nicht existent, die Frauen. Da seien nur die Männer und deren Pferde gezählt worden. Aus Dankbarkeit hat man wohl ein riesiges Konterfei Atatürks' in einen Felsen oberhalb der Metropole gehauen.

    Die wirklichen Sehenswürdigkeiten aber wurden in der frühen Antike errichtet. Zuerst von den Griechen, später von den römischen Besatzern. Zum Beispiel Ephesos, die einstige Weltstadt der Antike, 70 Kilometer südlich von Izmir. Seit 130 Jahren wird hier ausgegraben, und man wird noch über 100 Jahre lang graben können, weiß Serdar von den österreichischen Archäologen, die hier mit einheimischen Wissenschaftlern forschen. Bis jetzt habe man gerade erst mal zehn bis 15 Prozent der antiken Weltstadt zu Tage gefördert. Und das allein ist schon beeindruckend.

    Die Stadt ist mehrere tausend Jahre alt. Sie war die wichtigste Hafenstadt und zweitgrößte Handelsstadt in der Antike mit einem Hospital, Marmor bepflasterten Hauptstraßen, überdachten Abwasserkanälen, Thermalbädern, Tempeln, einer Basilika, der drittgrößten Bibliothek der antiken Welt, einem riesigen Theater und sogar einem Freudenhaus. 250 000 Menschen lebten hier.

    Serdar führt uns zuerst zum Dampfbad gleich am Eingang der Stadt. Alles war hier aus feinstem Marmor, der aus einem 15 Kilometer entfernten Steinbruch abgebaut wurde. Das Wasser hat man in Rohrleitungen aus 43 Kilometer entfernten Quellen herbeigeschafft – ohne Pumpen, ohne Strom.

    Auf dem Weg zum Odeion, dem einstigen Rathaus und Konzertsaal, blinzelt uns eine Katze entgegen. Sie liegt auf einem kunstvoll verzierten Säulenstumpf und genießt die warmen Sonnenstrahlen des Spätherbstes. Vor dem Tempel des Domitian – in der Realität ist nicht mehr viel davon übrig – sitzt wieder eine, und das Tor des Herakles bewacht auch eine Katze. Erst jetzt fällt auf, wie viele es sind. Schwarze, weiße, rotbraune, getigerte, gefleckte – die Katzen sind fast überall, als wären sie die Bewacher der antiken Stadt.

    Vier Millionen Besucher kommen jedes Jahr nach Ephesos. In der Hauptsaison sind es 7000 am Tag. „Dann ist hier kein Durchkommen mehr“, sagt Serdar, als er uns durch Ephesos' Fußgängerzone, die Kuretenstraße, führt. Rechts die öffentliche Toilettenanlage, in der man reihum saß, kommunizierte und zugleich „Geschäfte erledigte“. Daher auch die Redewendung, erklärt Serdar. Links geht es hinauf zu den Hanghäusern. Hier wohnten die ganz Reichen. Davon zeugen die freigelegten Mosaiken und Fresken mit feinen Malereien. Die Häuser wurden treppenartig nach oben gebaut. 27,5 Meter beträgt der Höhenunterschied.

    Ein Pfad neben der Anlage führt wieder hinunter auf die Hauptstraße, die vor der berühmten Celsus-Bibliothek endet. 16 Säulen ragen in den Himmel. Umgerechnet drei Millionen Mark hat der Wiederaufbau der reich verzierten Fassade in den 1970er-Jahren gekostet. „Erdbebensicher bis Stärke acht“, versichert Serdar. Zwei Japanerinnen machen ein Selfie und eilen weiter zum Theater. 24 000 Sitzplätze hat es, laut Serdar ist es das größte halbrunde Theater der Welt. Früher gab's hier Gladiatorenkämpfe, heute sind es Konzerte. Auch Elton John ist schon aufgetreten.

    Vom Theater fällt der Blick auf die große Hafenstraße, die einst direkt zum Meer führte. Durch klimatische Veränderungen verschob sich die Küstenline aber im Laufe der Jahrhunderte, sodass sich die Reste der Stadt heute mehrere Kilometer landeinwärts befinden. „Hier waren die teuersten Geschäfte angesiedelt“, erzählt Serdar. Säulen und Statuen säumten die Straße, die nachts sogar mit Öllampen beleuchtet war.

    Etwas abseits dann eines der sieben Weltwunder der Antike: der Tempel der Artemis. Aber da braucht man schon ein wenig Fantasie, denn von den 106 reliefverzierten Säulen steht nur noch eine einzige in der Gegend herum. Selfies macht hier keiner.

    Dafür ist Serdar ganz scharf darauf, ganz alleine in den Ruinen von Pergamon fotografiert zu werden. Kein Problem: Touristen verirren sich im Herbst kaum in die 80 Kilometer nördlich von Izmir gelegene hellenistische Stadt der Antike, obwohl sie nicht minder geschichtsträchtig ist. Einer Legende zufolge soll dort das Pergament erfunden worden sein.

    Die meisten Sehenswürdigkeiten findet man auf der Akropolis, die auf dem Berg hoch über dem heutigen türkischen Bergama thront. Wir fahren ganz bequem mit der Seilbahn hinauf. Oben hat man einen fantastischen Blick über die Landschaft, kann bis zum einige Kilometer entfernten Asklepieion blicken. In der Heilanstalt für die Reichen wurde damals schon psychotherapiert, mit Hypnose gearbeitet und mit Opium experimentiert. „Hier liegen die Wurzeln der Medizin“, ist Serdar überzeugt.

    Die Überreste des aus weißem Marmor gefertigten Trajan-Tempels sind Zeugnis griechischer Baukunst. Das Theater haben die Römer gebaut, mitten in den Hang – nicht rund und breit, sondern weit und steil.

    All das hat man quasi für sich alleine. Erst am Ausgang wird man wieder umlagert von den Händlern, die ihre „Genuine Fakes“, also echten Fälschungen, an Mann oder Frau bringen wollen. Wir nehmen lieber einen Granatapfeltrink – frisch gepresst, echt aus der Natur und nicht verfälscht.

    Ganz ohne Souvenir lässt uns Serdar aber nicht zurück nach Deutschland. Wir bekommen ein nazar boncugu, eine Glasperle mit einem blauen eingelegten Auge, das den bösen Blick von uns abwenden soll. Und keiner hat dank Serdars Humor vergessen, wie man sich auf Türkisch verabschiedet: „Allaha is mal dick.“

    Tipps zum Trip

    Anreise: Turkish Airlines, Lufthansa und Chartermaschinen fliegen von allen großen Flughäfen täglich in die Türkei. Linienflüge kosten um 600 Euro, Charterflüge sind billiger. Themenreise: „Die Chöre reisen und singen“ ist eine Rundreise an sieben Orte, wo die ersten Christen lebten – Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia, Laodicea und Ephesos. Kontakt: serdar.celenk@hotmail.com Haus der Mutter Maria: Es ist angeblich das Sterbehaus der Mutter Jesu, sieben Kilometer von Selçuk entfernt. Visionen der heilig gesprochenen Nonne Anna Katharina Emmerick führten zur Verehrung der Ruine, die Papst Leo XIII. 1896 zum Wallfahrtsort erklärte. Auch Muslime verehren dort die „Mutter des Propheten Isa ibn Maryam“ und stecken ihre Wünsche auf Zetteln an die Wunschwand.

    Information: Türkisches Fremdenverkehrsamt, Baseler Straße 35-37, 60329 Frankfurt, Tel. (0 69) 23 30 81, www.reiseinfo-tuerkei.de

    Hinweis der Redaktion: Unsere Autoren reisen gelegentlich mit Unterstützung von Fremdenverkehrsämtern und Tourismusunternehmen.

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