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    EISINGEN

    Seit 40 Jahren ganz normal anders

    Dreieck, Kreis, Quadrat: Um das Logo des St. Josefs-Stifts Eisingen menschlich in Szene zu setzen, versammelten sich 518... Foto: Atelier Weidner, Eisingen

    Eisingen feiert. Zum 40-jährigen Bestehen des St. Josef-Stifts veranstalten die Mitarbeiter am Wochenende ein Musik-Festival mit Rock, Gospel und Blues. Jeder ist willkommen, wenn der musikalische Teil mit „The Best of Eric Clapton, live!“ am Samstagabend, 22. September, um 20 Uhr im Theatersaal auf dem Stiftsgelände beginnt. Kostenfrei sind allerdings nur der Gospelgottesdienst am Sonntag, 23. September, 10.15 Uhr, in der Josefskirche vom Gospelprojekt der Philippuskirche“ und der Musikfrühschoppen, ebenfalls am Sonntag, ab 11.15 Uhr am Theatersaal auf dem Gelände mit „Hugos Bluesladen“.

    Noch viel mehr bringen sich Mitarbeiter, Beschäftigte und Bewohner übers Jahr in die Aktionen zum 40-jährigen Bestehen ein. Für den Festakt am 12. Oktober haben sie Überraschungen parat, wie die Stifts-Praline zum Beispiel. Am 2. Dezember laden sie zum Weihnachtsmarkt aufs Gelände ein, und am 13. Dezember sind es wiederum die Menschen mit Handicap, die eine Modenschau gestalten.

    Der beeindruckende Auftritt von Peter Siebenlist beim damaligen Caritasdirektor Pfarrer Robert Kümmert in der Würzburger Wallgasse war es, der den Stein für das Stift ins Rollen brachte: Der kleine Kerl, geboren 1955, hatte im Alter von drei Monaten eine Hirnhautentzündung und wurde dadurch geistig behindert. Peter war ein sehr aktives Kind. Nie blieb etwas auf einem Tisch stehen oder liegen: Er räumte ab.

    20 Heime hatten die Siebenlists besucht, hatten es aber nie übers Herz gebracht, ihr Kind weit weg von zu Hause zu lassen. Mutter Margarete verzweifelte. Schließlich beschloss sie den Besuch bei Pfarrer Kümmert: „Da bin ich, ich kann nicht mehr!“, waren ihre Worte, als sie in seinem Zimmer vor ihm stand.

    Ein Sprössling räumt ab

    Als sie ihren kleinen Sohn von der Hand ließ, räumte ihr Sprössling den Schreibtisch Kümmerts in weniger als einer Minute ab. Als Peter anfing, auch noch das Bücherregal auszuräumen, „habe ich ihn wieder an die Hand genommen“, sagt Margarete Siebenlist. Als der Pfarrer das sah, meinte er: „Da muss was geschehen. Sie werden ja nicht die Einzige sein!“

    Der Pfarrer hatte Recht: Seit der Auflösung des Josefshauses Gemünden in der Nazizeit gab es weit und breit keine stationäre Einrichtung mehr für Menschen mit geistiger Behinderung. Nur in Lohr betreuten 13 Erlöserschwestern über 100 behinderte Schützlinge. Auf Kümmerts Initiative hin wurde am 21. Februar 1963 im Gartenpavillon des Juliusspitals der Verein „St. Josefs-Stiftung für geistig Behinderte e.V.“ gegründet, aus dem später „St. Josefs-Stift Eisingen e.V.“ wurde. Der Pfarrer scharte Freunde und Gönner um sich. Schon damals war das Ziel, eine heilpädagogische Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Unterfranken zu bauen.

    „Wie groß der Bedarf war, zeigt, dass zwischen 1963 und 1971 die Zahl der Mitglieder von 63 Gründungsmitgliedern auf 4899 Mitglieder anwuchs“, steht es in der Chronik. Zusammen mit einem Expertenteam holte sich Pfarrer Kümmert Anregungen im In- und Ausland. Nach einem Architektenwettbewerb plante das Architekturbüro Gründel und Kurz eine beschützende Zentraleinrichtung. 15,4 Hektar Land hatte der Verein in Eisingen aufgekauft. Zwischen 1970 und 1972 entstand darauf das jetzige St. Josefs-Stift mit Wohn- und Verwaltungsgebäuden, mit Sonderschule und Werkstatt.

    Die ersten Bewohner kamen aus Lohr. Sie zogen aus 40-Bettenzimmern in Einzel- bis Vier-Betten-Zimmer. Im Dezember 1974 zog der 300. Bewohner ein, so dass innerhalb von zweieinhalb Jahren alle Plätze belegt waren, schildert Mitarbeiterin Dr. Andrea Schödl.

    Damals, sagt Geschäftsführer Bernhard Götz, war das Stift „im Prinzip eine Kindereinrichtung“. Das hat sich verändert. Schritt für Schritt wurden auch andernorts Frühfördereinrichtungen und Schulen für Behinderte gebaut. In Eisingen war kaum noch Bedarf, und so wurde die Schule aufgegeben. Hier leben und arbeiten inzwischen Jugendliche und Erwachsene.

    Selbstständigkeit lernen

    Zunehmend hat sich in den letzten Jahren die Idee durchgesetzt, die Selbstständigkeit Behinderter zu fördern. Deshalb entstehen nun immer mehr Außenwohngruppen der Eisinger Einrichtung. „Wir versuchen, mehr Assistenten zu sein als Betreuer“, so Mitarbeiterin Linda Schmelzer. Dazu passt das „De-Eskalations-Management“ im Haus. Alle Mitarbeiter haben gelernt, mit diesem Begriff etwas anzufangen, „auch Koch und Pförtner“, meint Götz.

    Und etwas lernen nun viele Nachbarn: Menschen mit Handicap sind „ganz normal anders“, so das Motto zum 40. Geburtstag des Stifts.

    Das Konzert „The Best of Eric Clapton, live“ kostet im Vorverkauf 16 Euro, an der Abendkasse 18, ermäßigt 14 Euro. Nähere Informationen im Internet unter www.josefs-stift.de

    St. Josefs-Stift Eisingen

    Einzugstag der ersten Bewohner aus Lohr war am 3. Mai 1972.

    Mitarbeiter hat das Stift derzeit 487, davon in Vollzeit 143, in Teilzeit 344.

    Bewohner, betreut durch das St. Jo-sefs-Stift: 401. Auf dem Stiftsgelände leben 288 Personen, in Außenwohngruppen im näheren Umkreis 60, in der Region Aschaffenburg 36, ambulant betreutes Wohnen in Eisingen 17.

    Beschäftigte in der Eisinger Werkstätte: 239 Personen. Davon leben in der Einrichtung 180 Personen.

    Betreute in der Förderstätte für schwer behinderte Menschen in Eisingen: 129 Personen. Davon leben 124 in der Einrichtung.

    Eheschließungen unter Eisinger Men- schen mit Handicap: drei.

    Von unserem Redaktionsmitglied REGINA URBON