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    KARLSTADT

    Unermessliches Leid nach Unfall mit Alkohol

    Autofahren war am Rosenmontag 2011 nicht geplant. Trotz reichlich Alkohol den ganzen Tag über setzte sich ein damals 19-Jähriger doch ins Auto, um einen Bekannten in Karlstadt abzuholen. Auf dem Rückweg verursachte er einen tragischen Unfall.

    „Es tut mir unendlich leid.“ Mit diesem Satz beginnt der Mechaniker sein Geständnis vor dem Jugendschöffengericht in Gemünden. Eine Aussage, die man ihm abnimmt, auch weil er das gleichaltrige Unfallopfer kennt. Als letztes Wort entschuldigt er sich bei der Familie und den Angehörigen.

    Als er am 7. März 2011 mit seinem Kleinwagen von der Mainbrücke in die Martellstraße in Mühlbach einbog, sah er auf Höhe der Fährgasse ein Auto stehen. In der Annahme, dieses halte, um am Kino Leute ein- oder aussteigen zu lassen, scherte er links aus. Tatsächlich war die Fahrerin aber im Begriff, links in die Fährgasse einzubiegen und gerade beim Anfahren. Angehalten hatte sie, um einen auf dem Gehweg in Richtung Pfarrzentrum laufenden Fußgänger durchzulassen.

    Mindestens 65 Kilometer pro Stunde war der Angeklagte laut Gutachter unterwegs, als er den Wagen der Frau streifte. Er wurde nach links abgewiesen, prallte dort gegen eine Hauswand, wurde wieder abgewiesen und erfasste mit Kühlerfront und Windschutzscheibe den jungen Mann auf dem Gehweg.

    Beim Aufprall des Kleinwagens, der ihn an die Hauswand drückte, und beim Aufprall auf die Straße erlitt das Unfallopfer schwerste Verletzungen. „Schweres Schädelhirntrauma, Gehirnödem, Kalottenfraktur“, zitiert Richter Reiner Lenz aus den ärztlichen Attesten und fragt den Anwalt der Nebenklage, wie es um seinen Klient stehe. „Im Prinzip liegt er im Wachkoma, seine Persönlichkeit ist ausgelöscht“, erklärt der. Die Ärzte stufen den Zustand des 19-jährigen Opfers als „stabil, aber hoffnungslos“ ein. Zu diesem menschlichen Leid kommt ein erheblicher Sachschaden, am gestreiften Auto allein 7000 Euro.

    Vier Freunde sahen zu

    Tragisch auch: Vier vor dem Pfarrzentrum wartende Freunde bekamen den Unfall damals aus rund 80 Metern Entfernung mit. Sie wollten gemeinsam mit dem Bus zu einem Rosenmontagsball fahren.

    Über zwei Promille ergab der routinemäßige Atemalkoholtest nach dem Unfall. „Das hat mich überrascht“, erinnert sich ein Polizist. Auch der Arzt im Krankenhaus stellte später kaum Ausfallerscheinungen fest, die Blutprobe wies aber 1,9 Promille nach. Ab 1,1 Promille gilt man rechtlich als absolut fahruntüchtig.

    Am Tatvorwurf – rechtlich fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässige Körperverletzung – ist nicht zu rütteln, aber wie ist der junge Mann zu bestrafen? Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe spricht sich für Jugendstrafrecht und eine Bewährungsstrafe, dazu eine angemessene Geldauflage, einen Bewährungshelfer und Fortführung der psychologischen Behandlung aus. Letztere hatte der Angeklagte selbst begonnen; der Therapeut erklärte sie vor wenigen Wochen für beendet.

    „Er hatte schon fast zwei Jahre lang den Führerschein und nahm am Straßenverkehr wie ein Erwachsener teil“, argumentiert der Staatsanwalt. Die Reue sei dem 19-Jährigen zwar deutlich anzumerken, aber er habe ein Leben nahezu ausgelöscht. Zwölf Monate Freiheitsstrafe lautet der Antrag des Staatsanwaltes, die Verteidigung der Rechtsordnung gebiete trotz positiver Sozialprognose bei einer Alkoholfahrt mit so schweren Folgen auch die Vollstreckung der Strafe.

    In Absprache mit der Familie seines Mandanten stellt der Vertreter der Nebenklage keinen schärferen Strafantrag, nennt aber ein härteres Urteil des Amtsgerichts Würzburg. Er macht deutlich, wie sehr die Familie unter dem Schicksal des Sohnes leide.

    „Mein Mandant ist durch den Unfall zum zweiten Mal aus dem Leben gerissen worden“, schildert der Verteidiger (das erste Mal war der Tod des Vaters). Weil die Reife eines Erwachsenen am Unfalltag nicht vorgelegen habe, beantragt er eine Jugendstrafe. Durch die Prozess- und Unfallkosten – die Haftpflichtversicherung fordert 5000 Euro Selbstbeteiligung – sei der junge Mann auf Jahre finanziell gebunden.

    Bewährung wegen Reifeprozess

    Ein Jahr und sechs Monate Jugendstrafe auf Bewährung und eine Sperrfrist für den Führerschein von weiteren 18 Monaten lautet das Urteil, das Richter Reiner Lenz nach langer Beratung mit den Schöffen verkündet. Sie gehen davon aus, dass der Angeklagte nach dem Unfall einen Reifeprozess durchmachte und heute erwachsener ist. Andererseits habe er zwei Straftaten begangen und großes Leid verursacht. Zwei Jahre wird er einem Bewährungshelfer unterstellt, weitere Auflage sind 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

    Die Arbeitsstunden wird er im Krankenhaus oder der Altenpflege leisten müssen. Da er Vollzeit arbeitet, voraussichtlich über einen langen Zeitraum an Wochenenden. Damit will ihm das Gericht vor Augen führen, was er angerichtet hat.

    Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

    ka